Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt ab 18. Dezember 2021 im K21 den 2014 entstandenen „Birkenau“-Zyklus von Gerhard Richter (*1932). Dem Werk liegen vier Fotografien zugrunde, die von Häftlingen des KZ Auschwitz-Birkenau heimlich und unter Lebensgefahr aufgenommen wurden. In seinem sechs Jahrzehnte umfassenden Schaffen hat sich Richter wiederholt mit dem Thema Holocaust und der (Nicht-)Darstellbarkeit der Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Erst in seinem „Birkenau“-Zyklus fand der Künstler einen Umgang mit und eine Form für das Thema.

„Es freut mich sehr, wieder einmal in Düsseldorf auszustellen, und besonders die Birkenau-Bilder. Außerdem sind diese 22 Jahre, die ich in Düsseldorf lebte, eine sehr wichtige Zeit für mich - eine Zeit, in der sich alles entwickelt hat“, so Gerhard Richter über seine Ausstellung im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Die vier Fotografien, die Gerhard Richter als Ausgangspunkt für seinen „Birkenau“-Zyklus nutzt, wurden im August 1944 von jüdischen Häftlingen, die Teil des Sonderkommandos des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau waren, aufgenommen. „Sonderkommando“ war die Bezeichnung der Nationalsozialisten für jene Häftlinge, die zur Unterstützung bei der Ermordung der Gefangenen in den Gaskammern und der Verbrennung der Leichen gezwungen wurden. Mit einer ins Lager eingeschmuggelten Kamera, heimlich und unter Lebensgefahr, gelang es Alberto Errera, der mutmaßlich den Auslöser betätigte, David Szmulewski und anderen Mitgliedern des Sonderkommandos, vier Fotos zu machen, die das Gelände um das Krematorium V zeigen. Es sind die einzigen bekannten Aufnahmen aus dem Vernichtungslager, die von den Opfern selbst aufgenommen wurden. Publiziert wurden sie erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Mindestens eines der Fotos kannte Gerhard Richter seit dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Er begann jedoch erst nach seiner Flucht in den Westen im Jahr 1961, sich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen: visuelle Zeugnisse zu sammeln und diese als Vorlagen für seine Malerei zu verwenden. Erste Versuche führten allerdings zu keiner für ihn befriedigenden Lösung. Anfang der 1960er Jahre entstandene Bilder wie „Erschießung“ und „Tagebu(ch)“ zerstörte er. 1967 nahm Richter eines der Fotos des Sonderkommandos in seinen Atlas auf – die Sammlung von Fotografien, Zeitungsausschnitten und Skizzen, aus denen er seine Motive schöpft. Mitte der 1960er Jahre entstanden die nach Fotovorlagen gemalten Bilder „Herr Heyde“, „Onkel Rudi“, „Tante Marianne“, „Familie am Meer“, die sich mit der deutschen Vergangenheit und mit seiner eigenen Familie auseinandersetzen. In den 1990er Jahren versucht Richter erneut Fotografien aus Konzentrationslagern abzumalen, was die ersten Entwürfe für die Eingangshalle des Deutschen Bundestags belegen (1997). Auch diese Idee verwirft er und schlägt stattdessen die Glasarbeit „Schwarz-Rot-Gold“ als Zeichen des Neuanfangs vor. 

Richters künstlerische Auseinandersetzung erfolgte vor dem Hintergrund der in den Nachkriegsjahren geführten Diskussion über die Bedingungen einer kulturellen Praxis nach dem Holocaust, die Darstellbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen und Formen der Erinnerungskultur. Wie erwähnt nahm der Künstler stets Abstand von einer direkten Abbildung fotografischer Zeugnisse aus den Vernichtungslagern in seiner Malerei. Noch 2011, in einem Interview mit Nicolas Serota, bezeichnete er diese als „unmalbar“.

Die von einem der Fotos des Sonderkommandos begleitete Rezension des Buches von Georges Didi-Huberman, „Bilder trotz allem“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.8.2008) gab den Anstoß für eine erneute Beschäftigung mit dem Thema. In seiner 2008 veröffentlichten Abhandlung analysiert der französische Philosoph die vier Aufnahmen aus einer phänomenologischen Perspektive und führt sie als Argument in der Diskussion über die Darstellbarkeit des Holocausts an.

Ende 2013 schließlich begann Richter, die vier Fotos auf Leinwände zu übertragen. Als das Ergebnis nicht seinen Erwartungen entsprach, übermalte er sie, bis die Figuration verschwand. Zwei von Richter praktizierte Vorgehensweisen treffen hier aufeinander: das Abmalen von fotografischen Vorlagen und das Übermalen eines Motivs. Damit rückt das Werk in das Spannungsverhältnis zwischen Realismus und Abstraktion, Fotografie und Malerei, das sein gesamtes Schaffen prägt.

Richter wendet hier ein malerisches Verfahren an, das seine ab Mitte 1980er Jahre entstehenden Abstrakten Bildern bestimmt: Mit einer Rakel trägt er mehrere Farbschichten auf die Leinwand und schiebt sie über die Bildfläche. Die Farbe wird ungleichmäßig verteilt, die unteren Schichten scheinen an manchen Stellen durch, an anderen verschwinden sie komplett unter der Übermalung oder kommen überraschend durch die Methode der Kratzung zum Vorschein. Das Ergebnis ist ein Zusammenspiel von Zufall und bewussten Entscheidungen.

Anders als bei den farbigen, gestischen Abstraktionen der letzten Jahrzehnte werden die vier Birkenau-Bilder oft als zurückhaltender, und zögernder wahrgenommen. Das Farbspektrum ist reduziert auf Schwarz, Weiß sowie die Komplementärfarben Grün und Rot.

Diese vier abstrakten Bilder werden mit vier grauen Spiegeln präsentiert, die den Gemälden gegenüber hängen, sowie fotografischen Vorlagen, die auf den Abzügen aus dem Vernichtungslager basieren. Zusammen bilden sie eine räumliche Installation, geprägt von Spiegelungen, Referenzen und Bezügen. Der „Birkenau“-Zyklus stellt grundlegende Fragen zu den Möglichkeiten und Grenzen von Malerei und der Repräsentation. Gerhard Richter fand damit einen Umgang und eine Form für ein Thema, mit dem er sich in seinem sechs Jahrzehnte umfassenden Schaffen wiederholt auseinandergesetzt hat.

Der besondere Bezug zur Realität, der der Fotografie seit ihren Anfängen beigemessen wurde, wird spätestens seit den 1960er Jahren kritisch hinterfragt. Bei den vier Fotografien des Sonderkommandos handelt es sich um einen Ausschnitt aus der Realität, der Erkenntnisse ermöglicht, aber niemals das gesamte Ausmaß des Grauens im Konzentrationslager darstellen kann. Im Bewusstsein dieser Unmöglichkeit schafft Richter mit seinem Birkenau- Zyklus einen Raum der Erinnerung und Reflexion.

Die Ausstellung im K21, die von Gerhard Richter konzipiert wurde, wird durch eine Auswahl aus der Werkgruppe der übermalten Fotos und neue Zeichnungen des Künstlers ergänzt, die auf einer konzeptionellen Ebene Richters malerisches Vorgehen beim „Birkenau“-Zyklus rahmen. Gerhard Richter, der sich in erster Linie als Maler versteht, griff eher selten auf das Medium Zeichnung zurück. In den letzten Jahren allerdings zeichnete er vermehrt und erprobte Bleistift, Ölkreide oder Tuschfeder. Die abstrakten Zeichnungen, meist ohne kompositionellen Mittelpunkt, sind geprägt von Gelassenheit und Präzision.

Grundlage für die Übermalungen, die seit 1989 entstehen, sind meist Fotoabzüge im Format von 10 x 15 Zentimeter. Es handelt sich um Aufnahmen, die der Künstler aus dem eigenen Fundus schöpft: Fotos von Museumsbesuchen, Reisen, Spaziergängen. Hier wird noch einmal das Spannungsverhältnis zwischen Fotografie und Malerei thematisiert.

Biografie

Gerhard Richter ist am 9. Februar 1932 in Dresden geboren. 1951 begann er sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. 1961 floh er nach Westdeutschland und ließ sich in Düsseldorf nieder. Von 1961 bis 1964 setze er sein Studium bei Ferdinand Macketanz und Otto Götz an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf fort. 1971 wurde er als Professor für Malerei an die Kunstakademie berufen, eine Position, die er bis 1993 innehatte. 1972 vertritt Gerhard Richter die Bundesrepublik Deutschland auf der 36. Venedig Biennale. Seine erste institutionelle Ausstellung hat 1973 unter dem Titel „Gerhard Richter – Gemälde“ in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München stattgefunden. Dieser ersten Präsentation folgten unzählige Ausstellungen in Deutschland und international.