Ende 2024 erwirbt die Staatsgalerie Stuttgart Ingrid Hartliebs trichterförmige Eisenskulptur Doline aus dem Jahr 2000. Durch diesen Ankauf wird die dortige Skulpturenterrasse erstmals um die Arbeit einer Künstlerin ergänzt. Heute zählt Ingrid Hartlieb, 1944 im tschechischen Reichenberg geboren, in Deutschland zu den kraftvollsten Bildhauerinnen ihrer Generation. Mit großem körperlichem Einsatz verfolgt sie unbeirrt ihren künstlerischen Weg und schafft ein formgewaltiges, oft monumentales, unverwechselbares Œuvre. Und trotzdem wurde sie vom Ausstellungsbetrieb und vom Kunstmarkt oft übersehen beziehungsweise auch von den männlichen Kollegen in den Hintergrund gedrängt.
Im Nachgang zu ihrem 80. Geburtstag würdigt das Neumark- ter Museum mit rund 50 Arbeiten ihr vielgestaltiges Werk. Neben Skulpturen sowie ausgewählten Zeichnungen − sie belegen, dass sich bei Ingrid Hartlieb „jede Idee, jede Form im Raum aus der Zeichnung entwickelt“ − werden in der Ausstellung auch einige sogenannte „Prüfstücke“ aus Blei oder Papier präsentiert, die 1988 während eines Arbeitsstipendiums in Chicago entstanden sind.
Ingrid Hartliebs großformatige und doch von besonderer Ruhe und Kraft zeugende Skulpturen sind aus unterschiedlichen Holz- arten in Form von Brettern, Bohlen, Balken und Kanthölzern zusammengeschichtet, verzahnt, verleimt, teils verschraubt und mit der Kettensäge bearbeitet. Im Anschluss versieht sie ihre Werke mit einer Patina aus Wachs, Beize, Pigment und Firnis. Alle − sie nennt sie etwa Boje, Nische, Räderwerk, Rettungsring, Abstandhalter, Schild und Stange, Zwischenmensch oder auch Fluchtwerkzeug – erfordern einen aufwendigen Arbeitsprozess. Formal sind die Kunstwerke gegenständlich, wenn- gleich sie oftmals abstrakt anmuten. Thematisch umkreisen sie existenzielle Kategorien wie Verletzlichkeit, Angst, Ausgegrenztheit, Schutzbedürftigkeit oder Zweifel. Ingrid Hartlieb selbst beschreibt ihr Schaffen als einen „Versuch, den Bruchteil der eigenen Existenz zu fassen.“ Generell verknüpft sie mit ihren Arbeiten grundlegende Fragen des menschlichen Daseins.
„Holz ist mein Werkstoff“, betont die in Stuttgart lebende Künstlerin, die dort in den 1970er Jahren als einzige Frau in der Bildhauerklasse von Rudolf Hoflehner an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste studiert hat. Arbeitsaufent- halte führten sie nach Italien, Paris, Chicago, New York und Südafrika. Heute arbeitet die zierliche Bildhauerin meist im 70 Kilometer entfernten Haigerloch in einer riesigen Werkhalle, wuchtet Holzklötze, fährt Gabelstapler und wirft immer wieder die Kettensäge an. Sie liebt das Holz, seine Leben- digkeit, seine Wärme, seine Vielfalt und seinen Geruch. Die als Gussmodell dienende Holzskulptur Doline von 1995, deren Oberflächenbeschaffenheit sich in der Stuttgarter Eisenskulptur deutlich ablesen lässt, ist in der Neumarkter Überblicksausstellung zu sehen.
Weiherstraße 7 a
92318 Neumarkt i.d.OPf.