Die Galerie Stadt Sindelfingen zeigt mit Denke frei, schaffe neu! Die Sammlung im Blick ab dem 29. Juni 2025 bis zum 05. Juli 2026 eine neue Dauerausstellung und gibt mit der Präsentation Einblicke in die eigene Sammlung. Die Ausstellung ist zudem Teil der Biennale Sindelfingen, die vom 28. Juni bis um 26 Juli 2025 unter dem Motto „Freiheit und Verantwortung“ stattfindet.
Seit jeher ist die Kunst Resonanzraum gesellschaftlicher Gefüge und somit offenbart sich auch in den Motiven und Darstellungsweisen einer jeden Epoche ihr Zeitgeist. Für Jahrhunderte betrachtete sich der Mensch als Teil eines göttlichen Plans und stellte die Kunst in den Dienst religiöser und weltlicher Macht. Erst mit der Aufklärung, dem Zeitalter der Revolutionen und der Industrialisierung wurden im 18. und 19. Jahrhundert jene Umbrüche vollzogen, die den modernen und freiheitlichen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts den Weg ebneten. Die Erscheinungen und Gegebenheiten der Welt waren nicht mehr länger Ergebnis göttlicher Fügung. Ausgelöst durch den Siegeszug von Wissenschaft und Technik, wurde der Glaube an die individuelle Schaffenskraft des Menschen fortan immer stärker, was wiederum einen unbezwingbaren Fortschrittsdrang befeuerte. Diese Entwicklungen hatten eine Entmystifizierung aller Lebensbereiche zur Folge, die auch vor der Kunst nicht Halt machten und sie befreiten.
Die Sammlungspräsentation Denke frei, schaffe neu! zeichnet anhand ausgewählter Werke den Weg der Kunst als Spiegel gesellschaftlicher und künstlerischer Freiheit nach. Mit dem Porträt von Prof. Dr. Theodor Gomperz aus der Hand von Franz von Lenbach, das 1900 entstanden ist, setzt die Ausstellung an jenem Punkt an, an dem die Tradition sich noch ein letztes Mal aufbäumte und ihren Platz zu behaupten versuchte. Zeitgleich oder früher entstandene Werke wie Wilhelm Trübners Waldnymphe (1898) zeigen jedoch die wesentlichen Merkmale der Kunst dieser Zeit: Das in Frage stellen althergebrachter Traditionen und Konventionen bei gleichzeitiger Entdeckung und Erprobung neuer Ausdrucksformen. Nährboden dafür war der sich in allen Lebensbereichen breit machende Umbruch an der Epochenschelle zur Moderne.
Die Vertreter des Realismus, darunter Wilhelm Leibl und Hans Thoma, suchten im 19. Jahrhundert Freiheit in der ungeschönten Darstellung der neuen Lebensrealität als Gegenpol zur traditionsreichen naturalistischen, akademischen Strenge, die oftmals den Hang zur Idealisierung hatte, während die Symbolisten wie Franz von Stuck durch religiöse, mythologische und mystische Motive innere Freiheit erkundeten. Die Impressionisten, in der Ausstellung u.a. vertreten durch Max Slevogt und den bereits erwähnten Wilhelm Trübner, aber auch durch die frühen Werke von Ida Kerkovius und Adolf Hölzel verlagerten den Fokus auf Licht und Farbe und traten so eine Befreiung der malerischen Mittel los. Eine Entwicklung, die von den Künstlerinnen und Künstlern des 20. Jahrhunderts weiterverfolgt wurde und bereits in der ersten Hälfte des Jahrhunderts in der Entstehung abstrakter Bildsprachen mündete. Beispielhaft seien hier die Werke von Willi Baumeister, Martha Hoepffner, August Macke oder Oskar Schlemmer genannt. Maria Caspar-Filser brach mit den Konventionen, als sie 1925 als erste deutsche Malerin zur Professorin ernannt wurde und leistete so einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation von Künstlerinnen.
Somit wurde Freiheit im 20. Jahrhundert nicht nur künstlerisch verhandelt, sondern zunehmend auch als gesellschaftspolitisches Thema. Die Werke der Neuen Sachlichkeit, wie z.B. jene von Otto Dix oder Georg Schrimpf, kritisierten politische und soziale Missstände oder entwarfen Gegenwelten zu der in Aufruhr begriffenen Zeit.
Die tiefen Einschnitte, die der Erste und insbesondere der Zweite Weltkrieg für die neu gewonnene Freiheit der Kunst bedeuteten, dürfen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung galten im Nationalsozialismus als „entartet“ und waren mit einem Ausstellungsverbot belegt. Ausdruck der wiedergewonnenen Freiheit sind die informellen und konstruktivistischen Tendenzen von Peter Brüning, Emil Schumacher, Günter Fruhtrunk oder Anton Stankowski, die sich ab 1950 nach einer langen Zeit der Unterdrückung mit voller Kraft entfalteten.
Auch in den Werken der Künstlerinnen und Künstler der 1980er und 1990er Jahren ist der Ruf nach persönlicher und gesellschaftlicher Freiheit grundlegend. Während Georg Baselitz mit den Konventionen brach, indem er seine Motive auf den Kopf stellte, und so künstlerische Autonomie als radikalen Akt der Selbstbehauptung zeigte, thematisieren Inge Mahns skulpturalen Eingriffe Freiheit als Möglichkeit, gewohnte Strukturen zu hinterfragen und Orte neu zu denken. Salomé hingegen nutzte eine expressive Malerei, um die Freiheit der Selbstinszenierung und sexuellen Identität in den Mittelpunkt seiner Kunst zu stellen.
Die zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstler wie André Butzer, Hell Gette, Andrew Gilbert, Mehmet & Kazim oder Evan Roth befragen in der Ausstellung unterdessen aus einer gegenwärtigen Perspektive, wie frei wir tatsächlich sind.
Die Sammlungspräsentation zeigt somit eindrucksvoll, dass die Frage nach der Freiheit – ihren Errungenschaften, ihrer Bedrohung und ihrer Zukunft – so aktuell bleibt wie eh und je.
Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung:
Georg Baselitz, Willi Baumeister, André Butzer, Peter Brüning, Maria Caspar-Filser, Rolf Cavael, Günter Fruhtrunk, Otto Dix, Rupprecht Geiger, Hell Gette, Andrew Gilbert, Martha Hoepffner, Karl Hofer, Rebecca Horn, Ida Kerkovius, Franz von Lehnbach, August Macke, Inge Mahn, Mehmet & Kazim, Salomé, Oskar Schlemmer, Emil Schumacher, Max Slevogt, Anton Stankowski, Hans Thoma, Wilhelm Trübner, Wotty Werner u.v.m.
Marktplatz 1
71063 Sindelfingen