Iris Helena Hamers erschafft im weitesten Sinne Bildwelten, die sich als dreidimensionale Collagen im Raum ausbreiten und ihn einnehmen. Ausgangspunkt ist die visuelle Kultur des Internets und die oftmals skurrilen, absurden Realitäten, die sie kreiert. Für ihre Installationen schöpft Hamers aus einem schier unendlichen Fundus, der sich aus dem eigenen, über Jahre gewachsenen Bildarchiv zusammensetzt sowie aus Fotos, Memes, Screenshots, Ergebnissen von Suchmaschinen etc., die sie aus den grenzenlosen Weiten des Internets extrahiert. Oft genug bildet dieses Material auch die Grundlage, um mit Hilfe künstlicher Intelligenz völlig neue Bilder zu generieren. Digital bearbeitet und zu kulissenartigen Szenerien zusammengesetzt, materialisiert Hamers so Sphären, die normalerweise nur virtuell erfahrbar sind.
Die Installationen und einzelnen Bildelemente legen das Suchverhalten der Künstlerin offen, denn Algorithmen analysieren fortlaufend jede Interaktion und schlagen in einem Feedback-Loop ähnliche Inhalte vor. So entsteht eine Art ästhetische Rückkopplungsschleife zwischen Mensch und Maschine, zwischen Intention und Bilderflut – ein Prinzip, das sich folglich auch in Hamers raumgreifenden Arbeiten auf vielschichtige Weise manifestiert. Ebenso wie im Ausstellungstitel Syzygy. Der Ausdruck kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie „Gespann“ oder „Paarung“ und bezieht sich auf zwei oder mehrere Dinge, die eng miteinander verbunden sind und aufeinander Einfluss nehmen. Die KI-generierten Bildelemente entstehen durch gezielt formulierte Texteingaben der Künstlerin, sogenannte Prompts, die die Bildproduktion lenken und bestimmte Motive, Ästhetiken und formale Qualitäten hervorrufen, sowie durch die Verschmelzung eingespeister
Fotos von bereits existierenden Arbeiten oder archiviertem Bildmaterial. Die resultierenden Visualisierungen basieren wiederum auf Unmengen von Referenzen wie Fotografien, Illustrationen oder Grafiken, mit denen die intelligenten Algorithmen zuvor trainiert wurden und die ihre Ergebnisse bedingen. Auf ähnliche Weise ist auch die Vorstellungskraft der Künstlerin von der visuellen Kultur beeinflusst, die sie umgibt – von der Bilderflut, der sich Iris Helena Hamers ganz bewusst aussetzt, um ihre Werke zu erschaffen. Die Installationen, ihre Bildelemente, Trainingsdatensätze und allem voran die Vorstellungskraft der Künstlerin bedingen sich also wechselseitig und sind eng miteinander verbunden.
Für Syzygy hat Iris Helena Hamers zwei neue Installationen geschaffen, in denen sich reale, aber auch generierte Naturmotive wie Pflanzen, Gesteine und Eisformationen mit fabelhaften Wesen, Versatzstücken aus sozialen Medien, weiteren Internetfunden und eigenen, inszenierten Fotos verschränken, die sich wiederum auf das Bildmaterial aus dem Internet beziehen. Erneut durchdringt und bedingt sich alles gegenseitig – Syzygy eben.
Im Raum verleiht Iris Helena Hamers den Bildfragmenten eine analoge Dimension und feste Komposition, die sich doch mit der Bewegung der Betrachtenden fortlaufend verändert und einer eigenen immanenten Logik zu folgen scheint. Die dreidimensionalen Collagen wirken wie Momentaufnahmen aus animierten Computerwelten, als befänden sie sich gerade im Entstehen. Eine lineare Erzählung oder eindeutige Abfolge lassen sich jedoch nicht ausmachen. Vielmehr treffen unterschiedliche Zeitlichkeiten, Orte und Kontexte aufeinander und bringen einen von intensiven Farben und artifiziellen Oberflächen durchdrungenen Kosmos hervor, der den virtuellen ebenso wie den realen Raum in sich aufnimmt, durchdringt und vereint.
Iris Helena Hamers (*1988 in Meerbusch) studierte von 2016 bis 2020 bildende Künste an der HFBK Hamburg in der Klasse von Anselm Reyle und mit dem Art School Alliance Stipendium an der SUNY Purchase School of Art and Design, New York. Ihre Arbeiten wurden unter anderem bei PAW in Karlsruhe, bei der Luxembourg Art Week, bei Golestani in Düsseldorf, beim Easterfield Festival des Kunstvereins in Hamburg und bei Wassaic Project in New York gezeigt.
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