Der Kunstverein in Schwerin zeigt die Ausstellung „8 erweiterte portraits“, die das Werk der österreichischen Fotografin Cora Pongracz (1943-2003) in den Mittelpunkt stellt und einen Dialog über weibliche Identität und Gleichstellung eröffnet.

Aufgrund der jüdischen Abstammung ihrer Mutter musste die ursprünglich aus Wien stammende Familie Pongracz ins Exil nach Argentinien fliehen und konnte erst 1956 nach Europa, genauer nach Deutschland, zurückkehren. Dort absolvierte Cora Pongracz eine Fotoschule in der Nähe von Frankfurt und studierte anschließend an der Akademie der Bildenden Künste in München. Ende der 1960er Jahre kehrte sie nach Wien zurück, wo sie rasch mit der dortigen Kunstszene, insbesondere der Wiener Avantgarde, in Kontakt trat. Cora Pongracz gilt heute als eine der bedeutendsten Dokumentaristinnen des Wiener Aktionismus. Ihr eigenes künstlerisches Schaffen geriet jedoch lange in Vergessenheit. Die Ausstellung im Kunstverein in Schwerin ist entsprechend die erste institutionelle Präsentation ihrer Praxis in Deutschland und möchte die Wichtigkeit und das Potenzial ihres Schaffens für und mit aktuellen Diskursen aufarbeiten.

Abseits ihrer dokumentarischen Aufträge steht Cora Pongracz‘ eigene fotografische Praxis für eine medium-spezifische Loslösung von festgelegten Deutungs- und Abbildungsmustern. Diese Haltung ist als Reaktion auf die gesellschaftlichen Umbrüche ihrer Zeit zu verstehen. Die (Nachkriegs-)Generation von Pongracz wurde in einem Schul- und Ausbildungssystem erzogen, in dem die Lenkung der Jugend durch Autoritäten selbstverständlich war – und es war genau diese Generation, die in den späten 1960er Jahren gegen diese Autoritäten und deren Wertesysteme aufbegehrte.

Ein häufiges Merkmal ihrer Aufnahmen ist eine Vorliebe für transitorische Momente. Anstatt markante Posen ins Bild zu bannen, bevorzugte Pongracz Augenblicke des Übergangs. Pongracz entwickelte auf diese Weise eine fotografische Formsprache, die genderpolitische Fragestellungen sowie später auch – beeinflusst durch ihre eigene mentale Gesundheit – Diskurse der Inklusion aufgriff und übersetzte. Ihr Vorgehen lässt sich als ein medienreflexives Experiment beschreiben, in dem die Bedingungen des fotografischen Darstellens und der begrifflichen Vermittlung auf ihre Grenzen und Anwendbarkeit hin überprüft werden. All ihren Arbeiten liegt ein Grundzweifel an der institutionellen Autorität zugrunde, dass eine Person „eindeutig“ repräsentiert werden kann – sei es institutionell oder fotografisch.

Für die Ausstellung in Schwerin wird eine der bedeutendsten Werkgruppen, die „8 erweiterte portraits“ (1974), erstmals in ihrer Gesamtheit präsentiert. Die konzeptionelle Serie kombiniert innerhalb von acht Porträts jeweils zwei Aufnahmen der ausgewählten Frauen mit fünf assoziierten Motiven. Diese wurden von den Porträtierten selbst vorgegeben, indem sie der Fotografin ihre Lieblingsorte, Lebenspartner, Kinder oder Gegenstände und Unternehmungen von individueller Bedeutung nannten. Die assoziativen Erweiterungen entsprangen also den porträtierten Personen selbst, gleichwohl gefiltert durch Blick und Apparat der Fotografin. Die acht repräsentierten Frauen werden dabei nicht namentlich genannt. Als in der damaligen Wiener Kunstszene bekannte Personen sind sie aber leicht identifizierbar (zum Beispiel Trude Ernst-Rindt, Lore Kuntner, Mira Csarmann oder Christiane Dertnig).

Um Pongracz Vorgehen innerhalb heutiger gesellschaftlicher Diskurse zu reflektieren, wird eine Reihe von zeitgenössischen Künstler:innen eingeladen, durch eigene fotografische Praktiken sowie durch Texte, Performances und andere Formen kritischer Interventionen auf Pongracz’ Werk zu reagieren und es in Beziehung zu setzen. Dazu gehören Künstler:innen wie Seiichi Furuya, Marietta Mavrokordatou, Paul Niedermayer und weitere. 


Öffnungszeiten:
Mittwoch - Sonntag: 15:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: kvmvsn.de

Cora Pongracz, 8 erweiterte portraits (Detail), 1974. Courtesy: Fotosammlung OstLicht, Wien/OstLicht Collection, Vienna.
30.08.2025 - 11.01.2026

Cora Pongracz: 8 erweiterte portraits

Kunstverein für Mecklenburg und Vorpommern in Schwerin

Spieltordamm 5
19055 Schwerin