Die erste Einzelausstellung in Deutschland von Delcy Morelos präsentiert im Hamburger Bahnhof eine neue, raumgreifende Installation zu indigenem Wissen, Regeneration und der Verbundenheit von Natur und Mensch. „Madre“ bezieht sich auf Form, Licht, Klima, Klang und Atmosphäre des Ausstellungsraumes und setzt sich mit den Aktionen, Skulpturen und Environments von Joseph Beuys auseinander, die parallel in der Dauerausstellung zu sehen sind. Die kolumbianische Künstlerin entwickelt für den Hamburger Bahnhof ein duftendes, fruchtbares, einnehmendes Werk, über die Entfremdung der Menschen gegenüber der Erde, die sie ernährt.
Delcy Morelos „Madre“ aus Ton, Erde, Stroh, Heu, Zimt, Nelken, Buchweizen, Chiasamen und Honig lädt Besucher*innen des Hamburger Bahnhof zu einer intensiven körperlichen und sinnlichen Erfahrung ein. Die großformatige Installation greift auf verschiedene Traditionen und uraltes Wissen aus den Amerikas, Amazonien und der Welt zurück. Schicht für Schicht verwebte Morelos für „Madre“ (span. für Mutter) brandenburgischen Ton, Wasser und Erde auf einer Basis aus Holz, Eisen und Stroh. Morelos arbeitet mit natürlichen Materialien, die sie nicht nur wegen ihrer Oberfläche und ihres Dufts wählt, sondern auch wegen ihrer kulturellen, spirituellen und politischen Bedeutung. Ihre Installationen erinnern an Räume wie Gebärmütter, Gräber oder Tempel, Orte der Stille und der Erdverbundenheit. Die Besucher*innen können „Madre“ durch drei keilförmige Einschnitte betreten, deren Form an „Temazcals“ erinnert. Die kuppelförmigen Schwitzhütten für Reinigungsrituale aus Lehm, Stoff oder Stein, sind auf dem gesamten amerikanischen Kontinent verbreitet. Der zweite Teil der Ausstellung mit dem Titel „Profundis“ besteht aus einem engen, dunklen Durchgang aus feuchter, fruchtbarer Erde und hat seine Ursprünge in einer Kapelle in einem Kloster in Sevilla.
Das indigene Volk der Inka errichtete lange vor der europäischen Kolonisierung Südamerikas im späten 15. Jahrhundert ein mächtiges Reich. In dessen Mittelpunkt stand die Idee der Einheit: Alles Leben ist miteinander verbunden und folgt den Rhythmen der Natur. In Anlehnung an die Weltsicht der Uitoto, eines der zahlreichen indigenen Völker an den Flüssen Caquetá und Putumayo in den südlichen Regionen Kolumbiens und im Norden Perus im Amazonasbecken, lässt Morelos’ „Wärmeskulptur“ die Erde als empfindungsfähige, mütterliche Kraft, in ganz Amerika bekannt als „Pachamama“, spürbar werden. 2010 wurde „Pachamama“ in Bolivien rechtsfähig erklärt und ihre reproduktiven Kräfte zunehmend staatlicher Kontrolle unterstellt. Angesichts des massiven Anstiegs von Lithiumabbau oder Straßenbau distanzieren sich Organisationen zunehmend vom Gesetzeswerk für Mutter Erde als Grundlage ihrer Ausbeutung.
Morelos Geburtsort Tierralta in Kolumbien ist geprägt von biologischer Vielfalt und zugleich von jahrzehntelangem bewaffnetem Konflikt. Besonders betroffen sind indigene Gemeinschaften, deren Leben und kulturelle Identität bedroht sind. Morelos versteht die Gewalt gegen Menschen und die Erde als untrennbar miteinander verbunden. Ihre Kunst wurzelt in politischen und historischen Realitäten, in Landschaften, Konflikten und Gemeinschaften. Ihre Installationen sind geprägt von persönlichen Erfahrungen und schaffen Räume des Erinnerns und Widerstands. Für Morelos ist Erde niemals neutral: Sie trägt Spuren von Kampf und Überleben, verbindet Vergangenheit mit Gegenwart, Trauer mit Erneuerung.
Wie Joseph Beuys, dessen Werke gegenüber in der Sammlungspräsentation zu sehen sind, versteht Morelos Materialien als lebendige Kräfte. Trotz inhaltlicher Überschneidung, unterscheidet sich die Herangehensweise etwa in Morelos minimaler Formensprache im Gegensatz zu Beuys. Und während Beuys seine öffentliche Persona konsequent ins Zentrum stellte, tritt Morelos bewusst in den Hintergrund. „Madre“ steht wiederum in Beziehung zu Beuys „Sozialer Plastik“, die mit Kunst gesellschaftliches und spirituelles Leben formt. Wie Morelos teilte auch Beuys den Wunsch, die spirituelle Verbindung des Menschen zur Erde wiederherzustellen und die Inspiration durch mehr-als-menschliche Wesen wie Bienen.
Morelos (geboren 1967 in Tierralta, lebt in Bogotá, Kolumbien) arbeitet seit drei Jahrzehnten mit Zeichnung, Malerei, Skulptur und Installation. Sie entwickelt ihren künstlerischen Prozess in der Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe und den Kosmologien der Amerikas und beschreibt ihre Kunst als ein Verweben von Materialien, Elementen und Wissen. Nach ihrer Erdarbeit „Eva“ (2012) war sie mit „Earthly Paradise“ (2022) auf der Biennale in Venedig. 2024 waren ihre Werke u. a. im Dia Chelsea in New York, im Museo Moderno in Buenos Aires, in der Pulitzer Arts Foundation in St. Louis, im Astrup Fearnley Museet in Oslo sowie im CAAC Centro Andaluz de Arte Contemporáneo in Sevilla zu sehen.
Nach Naama Tsabar (12.4. – 22.9.2024) und Andrea Pichl (8.11.2024 – 4.5.2025) ist dies die dritte zeitgenössische Position einer Künstlerin, die parallel zur Sammlungspräsentation von Joseph Beuys in der Kleihueshalle im Hamburger Bahnhof gezeigt wird.
Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Ausgabe der Katalogreihe des Hamburger Bahnhofs, hrsg. von Silvana Editoriale Milano (12 Euro).
Die Ausstellung wird kuratiert von Catherine Nichols, Kuratorin, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart; Assistenzkuratorin: Agnes Rameder, Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart.
Gefördert durch Hamburger Bahnhof International Companions e.V. Die Ausstellung wird mit Unterstützung der Botschaft von Kolumbien in Deutschland realisiert.
Öffnungszeiten:
Dienstag - Mittwoch: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20:00 Uhr
Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen
Weitere Informationen direkt unter: smb.museum