Ischgl – Hochburg des massenhaften Ski- und Partytourismus. Anfang dieses Jahres erlangte die Gemeinde im Tirol eine fragwürdige Berühmtheit als Hotspot im Zusammenhang mit der europaweiten Ausbreitung von Covid-19. Im März gelangte das Virus durch Skiausfahrten und Urlauber*innen auch von Ischgl nach Deutschland und auch nach Ulm.

Ein Problem des Massentourismus? Seit Mitte der 1990er- Jahre beschäftigt sich der aus dem Tiroler Alpbachtal stammende Fotograf Lois Hechenblaikner (*1958) in seinen Motiven mit dem Fremdenverkehr und dem Ausverkauf seiner Heimat. In einer Langzeitbeobachtung dokumentiert er die enormen Veränderungen, die der Massentourismus für Landschaft und Einheimische mit sich bringt. Mit ausschweifenden Après-Ski-Partys ist Ischgl für Lois Hechenblaikner Inbegriff eines "Delirium Alpinum“ – jeden Winter wird Ischgl zum Ort des "touristischen Wahnsinns“ und des Exzesses.

Die Ausstellung zeigt die künstlerische Verarbeitung eines Lokalkolorits, das plötzlich und ungewollt überregionale Bedeutung erlangte und dadurch zum Thema wird, das uns in Europa alle angeht. In einer Zeit, in der sich die Gesellschaft weltweit den Herausforderungen Phänomene unserer globalisierten Welt, wie der Massentourismus, in Frage gestellt. Lois Hechenblaikner leistet mit seinen Fotografien, Videoarbeiten und Objekt- Installationen eine kultursoziologische Dokumentation der Ausprägungen und Auswirkungen eines hemmungslosen und ausufernden Tourismus. Dabei geht es ihm nicht um eine Zurechtweisung, sondern um die ungefilterte Darstellung der Realität und das Aufdecken von Widersprüchen in der Gesellschaft. Seine Fotografien macht er nicht mit wertender Brille, sondern als begleitender Beobachter inmitten des Feiervolkes.

Mit dem Wandel seiner Heimat konfrontiert Lois Hechenblaikner den Betrachter auf besondere Weise in seiner Fotoserie "Hinter den Bergen": in Gegenüberstellungen paart er historische Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Agrar-Journalisten und Fotografen Armin Kniely (1907-1998) mit von ihm entsprechend fotografierten Farbbildern. Mit einer Doppelbödigkeit und rund 60 Jahren Abstand zwischen den Aufnahmen reflektiert er ganz neue Zusammenhänge von der Umnutzung einer Agrarlandschaft in eine benutzte Freizeitlandschaft und hält damit unserer Gesellschaft zeitgleich auch einen Spiegel vor. Installationen wie "Après Ski", für die Lois Hechenblaikner liegengebliebene Skischuhe, Schuhsohlen und Helme sammelte, sind ein Kommentar auf die Konsum- und Wegwerfgesellschaft, die mit dem Wintersporttourismus in seiner Heimat Hand in Hand geht. Für Lois Hechenblaikner stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die Überreste, die die Urlauber in der Natur hinterlassen, auf die „Seelenlandschaft“ der Einheimischen haben.

Lois Hechenblaikners aktueller Bildband "Ischgl "ist im Juni 2020 im Steidl Verlag erschienen. Zuvor bereits auch die Fotobücher "Volksmusik" (2019), "Hinter den Bergen" (2018) und "Winter Wonderland" (2012).