Die Stuttgarter Künstlerin Claudia Magdalena Merk vermischt in ihren Bildern figurative und abstrakte Elemente. Sie schafft so ein Spannungsfeld zwischen Klarheit und gezielter Unschärfe. In der Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart werden neben großformatigen farbigen Malereien und Interieur-Arbeiten eine Plakatserie, die sich mit den UN-Menschenrechtsartikeln auseinander- setzt, sowie zwei monochrome Serien gezeigt.

Farbe ist ein zentrales Werkzeug für Claudia Magdalena Merk – zugleich auch ihr Impetus: Die Malerin beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, extreme emotionale Zustände wie Bedrohung, Trauer und Melancholie über Farbigkeit zu vermitteln. Der Farbauftrag ihrer Öl- und Gouachebilder wechselt zwischen intensiv leuchtenden Lasuren und rohen pastosen Flächen, der Duktus variiert zwischen breitflächigen, groben Pinselstrichen, weichen Flächen und feinen Linien. Der Malprozess bleibt dabei stets präsent und nachvollziehbar.

Thematisch widmet sich Merk zum einen Menschen in Extremsituationen, insbesondere Krieg, zum anderen menschenleeren Interieurs, vor allem industriell genutzten Räumen. In ihren abs- trahierten Bildräumen platziert sie figurative Elemente, die, mit spezifischen Attributen ausgestattet, von den Betracher_innen identifiziert werden können. Die eine ausgestellte Werkgruppe zeigt qua Uniform und Ausrüstung als Soldaten markierte Figuren im Kontext des Krieges, nicht aber die unmittelbare Gewalt von Kampfszenen. Es entsteht dennoch über die ungegenständliche Malerei und über Farbkontraste eine sublime Präsenz des Bedrohlichen. Der Künstlerin geht es hier nicht um die Identifikation konkreter Ereignisse oder Orte, sondern vielmehr um Erwartungen und Emotionen. Merk nutzt die Abstraktion als Gegenpol zu den Figuren und ermöglicht den Betrachter_innen unterschiedliche Zugangsweisen zu ihren Bildern.

Den »Soldaten-Bildern« werden ihre Interieur-Arbeiten gegenübergestellt. Die Künstlerin portraitiert Industrieräume in Abwesenheit des Menschen. Merk sucht den realen Ort außerhalb der Betriebszeiten auf und erlebt ihn deshalb losgelöst vom Arbeitsprozess. In ihren Bildern verzichtet sie bewusst auf ein akribisch genaues Abbild des jeweiligen Raumes, Funktion tritt hinter Farbe und Form zurück. In »Die Werkbank« (2016) wird das titelgebende Objekt stark abstrahiert und in seiner Struktur nahezu aufgelöst. Alltagsobjekte im gewählten Ausschnitt, wie Heizkörper und Jalousie, gelangen durch eine starke Akzentuierung in den Fokus. Die Frage nach Funktionalität weicht der Formsprache des Raumes.

Eigens für die »Frischzelle_27« hat Merk die Arbeit »MOIRA – Bittere Zwänge ohne Kritik« geschaffen, mit der sie an die Serie der »Soldaten-Bilder« anknüpft. Die Malerei wird in der Ausstellung durch drei Bronzereliefs ergänzt, in denen strenge geometrische Formen die Gestaltung bestimmen. Sie kontrastieren durch die Härte und Monochromie des Materials die lebhafte Malerei.

In einer Plakatserie befasst sich Merk mit den Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN. Dabei hinterfragt sie mit Blick auf das Zeitgeschehen deren Gültigkeit. So wird etwa der Artikel 3 – »Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person« – kontrastiert durch ein Symbol des Ausgeliefertseins: der Silhouette eines Menschen mit erhobenen Armen, umringt von Soldaten. Für die Ausstellung greift Merk ganz aktuell zwei weitere UN-Menschenrechtsartikel auf.

Das Ansinnen der Künstlerin, mit ihren Arbeiten soziale Themen zu lancieren, setzt sich in ihrem beruflichen Engagement fort. Seit 2017 leitet Merk die Kunstschule Kreativkreisel, die junge Menschen auf das Kunststudium vorbereitet. Mitte 2019 übernahm sie zudem die künstlerische Leitung des vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation initiierten Projekts »Draufblick«. Darin sollen sich Künstler_innen und Kreative mit Fragestellungen über den Arbeitsplatz der Zukunft auseinandersetzen, um so der Forschung neue Perspektiven und Sichtweisen zu eröffnen. Ziel ist es, Synergien zwischen Kunst, Wissenschaft und Industrie zu schaffen.

Nach einem Studium der Kunsttherapie studierte Claudia Magdalena Merk (*1982 in Filderstadt) Malerei und Grafik an den Akademien der Bildenden Künste in Stuttgart und Wien. 2019 schloss sie in Stuttgart ihr Studium bei Cordula Güdemann ab. Die »Frischzelle_27« ist ihre erste museale Einzelausstellung. Zur Ausstellung erscheint ein Katalogheft, das in Zusammenarbeit mit der Künstlerin entstanden ist.

Claudia Magdalena Merk, Dimension des Krieges, 2018
10.10.2020 - 10.04.2022

Frischzelle_27: Claudia Magdalena Merk

Kunstmuseum Stuttgart

Kleiner Schloßplatz 1
70173 Stuttgart