Martin Kippenberger, der mit nur 44 Jahren 1997 in Wien früh verstarb, gehört, wie es sich im historischen Rückblick unverkennbar zeigt, zu den wichtigsten und innovationsfreudigsten Künstler*innen der 1980er und 1990er Jahre. Er selbst inszenierte sich gerne als Enfant terrible und Partyschreck der deutschen Kunstszene. Zugleich war er aber auch ein Künstler, der mit romantischer Veranlagung die Stille und Einsamkeit zur kreativen Stimulans benötigte. Sein Lebenswerk wurde seit seinem Tod in zahlreichen Ausstellungen an bedeutenden Museen weltweit gewürdigt. Ausgangspunkt für die Ausstellung im MdbK – der ersten Martin Kippenberger gewidmeten institutionellen Personalausstellung in Sachsen – ist die noch zu Lebzeiten des Künstlers errichtete Metrostation auf dem neuen Messegelände in Leipzig. „Martin Kippenberger. METRO-Net“ präsentiert mehr als 100 Exponate, darunter Modelle und nahezu sämtliche Zeichnungen des Künstlers zum Komplex METRO-Net, außerdem umfangreiches Dokumentationsmaterial seiner Weggefährten*innen, wie zum Beispiel unveröffentlichte Baupläne des Architekten Lukas Baumewerd und Fotografien von Albrecht Fuchs und Elfie Semotan. Darüber hinaus wird eine Auswahl Künstlerplakate von Martin Kippenberger aus dem Zeitraum 1977 bis 1997 gezeigt.

Anfang der 1990er Jahre entwickelte Martin Kippenberger die Idee, ein weltumspannendes U-Bahn- Netz zu errichten: METRO-Net. Es gehört zu den faszinierendsten Projekten des Künstlers, das jedoch durch seinen frühen Tod nur in Ansätzen verwirklicht werden konnte. 1993 wurde der erste U-Bahn-Eingang in Hrousa, einem Dorf auf der griechischen Insel Syros, eröffnet. 1995 erhielt diese Station einen Ausgang, der knapp 9.000 km entfernt in der ehemaligen Goldgräberstadt Dawson City in Kanada lag. Für die Funktionstüchtigkeit dieses Streckenabschnitts, der Europa mit Nordamerika verband, sollten ein oder mehrere Lüftungsschächte errichtet werden. Erstmals wurde ein solcher Lüftungsschacht während der Skulptur Projekte Münster im Sommer 1997 temporär in Betrieb genommen. Zur selben Zeit war auf der documenta X in Kassel ein transportabler U-Bahn- Eingang ausgestellt und auf dem neuen Leipziger Messegelände kurz zuvor ein weiterer U-Bahn- Eingang errichtet worden. Seitdem fällt Kippenbergers METRO-Net-Projekt mangels kuratorischer Betreuung auseinander. Der Erhaltungszustand des Auftaktbaus auf einem Privatgrundstück in Hrousa ist ungewiss, die Metrostation in Dawson City wurde 2009 abgebaut und in Leipzig staute sich knietief das Grundwasser bis die Station Anfang 2021 in Stand gesetzt wurde.

Mit METRO-Net wollte Martin Kippenberger den vorhersehbaren, vernunftorientierten Rahmenbedingungen des Lebens ein romantisches Weltgefühl entgegensetzen: „Nachdem einmal diese eigentliche Welt der Phantasie erschaffen ist, ist der Einbildung keine weitere Grenze gesetzt, eben deswegen, weil innerhalb derselben alles Mögliche unmittelbar wirklich ist“ (Schelling). Mit den Mitteln der Kunst konzipierte Kippenberger ein Transportmittel für Reisen im unbegrenzten Raum der Imagination. Seine Nutzbarkeit hängt jedoch vom Vorstellungsvermögen des Betrachters ab.

21.05. - 15.08.2021

Martin Kippenberge: METRO-Net

Museum der bildenden Künste Leipzig

Katharinenstraße 10
04109 Leipzig