Pablo Picassos (1881-1973) Spätwerk beginnt 1954 mit „Les Femmes d’Alger“,einer seiner wichtigsten und außergewöhnlichsten Werkserien. Erstmals seit 65 Jahren bringt das Museum Berggruen wieder Ölgemälde dieser weltweit verstreuten Serie nach Deutschland. Der malerische Zyklus steht für einen veränderten Blick auf Malerei und ist in seiner künstlerischen Variation einzigartig in Picassos Gesamtwerk. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung die Gemälde nebenkünstlerischen Vorbildern und Nachfolger*innen und erzählt soeine fast 200-jährige Geschichte der „Frauen von Algier“ vom 19. bis ins 21. Jahrhundert.

Inspiriert von Eugène Delacroix? berühmter Darstellung „Die Frauen von Algier“ (1834/1849), die Picasso im Louvre studiert hatte, widmet er sich der großen Idee der malerischen Variation in völlig neuen Dimensionen: In drei Wintermonaten 1954-55 entstehen 15 Ölgemälde sowie über 100 Zeichnungen und Druckgrafiken, in denen er die Anordnung von Delacroix‘ Figuren bis zur anatomischen Überdehnung variiert. Die Darstellungen sind zum Teil farbintensiv und weichkurvig, andere erinnern mit scharfen Kanten in Grautönen an seine kubistische Phase. Der Reichtum an Variationen und die vielfältigen Anspielungen auf die Kunstgeschichte machen die Serie zu einem der größten Manifeste auf die Möglichkeiten von Malerei.

Seit Jahren zeigt die Nationalgalerie im Museum Berggruen als einziges öffentliches Museum in Europa dauerhaft ein Werk der Serie: Die zwölfte Version (kurz „Version L“ genannt) bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung, die mit acht Ölgemälden einen signifikanten Teil der berühmten Serie aus US-amerikanischen Museen und internationalen Privatsammlungen nach Berlin bringt. Papierarbeiten aus dem Musée Picasso Paris begleiten die Entwicklungsschritte zwischen den Ölgemälden.

Picasso & Les Femmes d’Alger“ findet im gesamten Stülerbau, dem vorderen Teil des Museum Berggruen, statt und ist nach Stockwerken gegliedert: eines für die Vorgeschichte und Inspiration, eines für die Serie selbst und eines für die Zeit nach Entstehung der Serie. Im Erdgeschoss ist zu sehen, wie Picasso zu seiner Serie gelangen konnte. Hier begegnet das Publikum als erstem Werk der Ausstellung einem der beiden Originalgemälde von Eugène Delacroix, „Femmes d’Alger dans leur intérieur“(1849), einer spektakulären Leihgabe aus dem Musée Fabre in Montpellier. Zwei Ölgemälde von Henri Matisses Odalisken gehören zu den Auslösern, die Picasso zur Arbeit an der Seire „Les Femmes d’Alger“ veranlassten. Nach dem Tod Matisses am 3. November 1954 erklärte Picasso während er an seinen „Femmes d’Alger“ arbeitete: „Als Matisse starb, hinterließ er mir seine Odalisken als Erbe.“

Das erste Obergeschoss, die Beletage, ist vollständig Picassos Serie „Les Femmes d’Alger“ gewidmet. In der Reihenfolge ihrer Entstehung werden die Ölgemälde zusammen mit Vorzeichnungen und Lithographien präsentiert, so als würde man Picasso bei der Arbeit über die Schulter schauen. Den Höhepunkt der Ausstellung bildet der Saal, in dem die beiden letzten Versionen N und O hängen. Ein letzter Raum bietet einen Ausblick auf die Nachwirkungen des Motivs in späteren Werken Picassos.

Das zweite Obergeschoss präsentiert zunächst die Provenienz- und Ausstellungsgeschichte der Serie, die 1955 und 1956 als Abschluss einer großen Picasso-Retrospektive mit allen 15 Werken in München, Köln und Hamburg zu sehen war. Ein weiterer Raum verbreitert die Perspektive auf die Serie: hier wird Picassos Porträt der algerischen Freiheitskämpferin im Unabhängigkeitskrieg Djamila Boupacha als reale „Frau von Algier“ präsentiert, genauso wie die feministische Interpretation von Picassos Serie durch die algerische Schriftstellerin Assia Djebar (1936-2015). Die letzten Räume präsentieren Werke von zeitgenössischen Künstler*innen sowie der algerischen Malerin Baya Mahieddine (1931-1998), in deren Werken ausschließlich Frauen dargestellt sind.

Zur Ausstellung erscheint eine dreisprachige (DE/EN/FR, 192 Seiten) Publikation im Hirmer Verlag mit Wiederabdrücken von Texten des US- amerikanischen Kunsthistorikers Leo Steinberg (1920-2011) und der algerischen Schriftstellerin Assia Djebar (1936-2015), Preis: 39,90 Euro; 35 Euro im Museumsshop.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr
Samstag - Sonntag:  11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum