Zeit ihres Lebens teilen Käthe Kollwitz (1867–1945) und Gerhart Hauptmann (1862-–1946) ihre Bewunderung für das Werk des Anderen. War für die Graphikerin das Erleben der Uraufführung seines Dramas »Die Weber« ein Initiativmoment, der sie zu ihrer Bearbeitung des Sujets im Zyklus »Ein Weberaufstand« inspiriert hat, so bringt der Schriftsteller seine Anerkennung in einer Würdigung der Künstlerin zu ihrem 60. Geburtstag wortgewaltig zum Ausdruck: »In der Sinfonie der letzten vier Jahrzehnte ist sie der unbeirrbare, starke, tiefe Orgelpunkt. Ob es viele Frauen gegeben hat, die einer so ausgesprochenen, klar umrissenen, durchgebildeten Bekenntniskunst fähig gewesen sind? Ich glaube es nicht.«

Anlässlich des 75. Todestages von Gerhart Hauptmann am 6. Juni 2021 lenkt das Käthe Kollwitz Museum Köln mit einer Präsentation innerhalb der ständigen Sammlung nun den Blick auf die über 50 Jahre währende Bekanntschaft der Graphikerin und des Literaten. 

Die erste Begegnung
Bereits als 16-jährige, im Jahr 1886, trifft Käthe Kollwitz den fünf Jahre älteren Schriftsteller zum ersten Mal - eine Begegnung, die bleibenden Eindruck bei ihr hinterlässt, wie sie sich 1941 in ihrem autobiographischen »Rückblick auf frühere Zeit« erinnert: 
»In Berlin machten wir Station und hatten dabei Gelegenheit, den jungen Gerhart Hauptmann kennenzulernen. Er lebte in Erkner, benachbart mit meiner älteren Schwester […] Es war ein Abend, der nachhaltig auf uns wirkte […] ein wundervoller Auftakt zu dem Leben, das sich dann allmählich, aber unaufhaltsam mir eröffnete.« 

»Die Weber« im Werk von Hauptmann und Kollwitz
Sieben Jahre später, im Februar 1893 – Hauptmann zählt inzwischen zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen literarischen Naturalismus – kommt sein sozialkritisches Drama »Die Weber« zur Uraufführung. Kollwitz erlebt die Premiere des umstrittenen Stückes im Berliner Neuen Theater am Schiffbauerdamm in der privaten Aufführung für die Mitglieder des Theatervereins ›Freien Bühne‹. Für sie ein »Markstein« in ihrem künstlerischen Schaffen: Inspiriert von dem Gesehenen beginnt Kollwitz ihren ersten druckgraphischen Zyklus »Ein Weberaufstand«, mit dem ihr auf der großen Berliner Kunstausstellung 1898 der künstlerische Durchbruch gelingen wird.

In den folgenden Jahren finden sich immer wieder Anlässe für Briefwechsel und Begegnungen. So etwa 1912, als die Künstlerin dem Schriftsteller Glückwünsche zu dessen 50. Geburtstag übermittelt, worauf hin ihr der in diesem Jahr mit dem Literatur-Nobelpreis Ausgezeichnete seine just erschienene Werkausgabe zuschickt. 

Die Mappe »Abschied und Tod«
1923 eröffnet sich für Hauptmann noch einmal die Gelegenheit, sich intensiv mit dem Kollwitz-Werk zu befassen. Vermutlich auf seine Anregung hin erscheint unter dem Titel »Abschied und Tod« eine Mappe mit acht faksimilierten Arbeiten der Künstlerin aus den Jahren 1910 bis 1923, zu der der Schriftsteller das Geleitwort verfasst. In seiner Widmung »Das heilige Lied« schreibt er über die Graphikfolge: 
»[…] Sollen wir uns nun rein artistisch mit den hier zusammengestellten Blättern beschäftigen? Ich denke es genügt, wenn wir auf ihre elementare Kraft hinweisen. Ihre schweigenden Linien dringen ins Mark wie ein Schmerzensschrei. […]«
»Geistige Verbundenheit« 
Die immer wiederkehrenden Berührungspunkte in Leben und Werk beider Künstler, die jedoch nie in eine enge Freundschaft münden, hat Hauptmann in einem Brief an Kollwitz vom 3. Januar 1942 rückblickend zu folgender Überzeugung gelangen lassen:
»[…] das Leben [hat uns] immer ziemlich entfernt von einander gehalten, 
aber eine geistige Verbundenheit von Ihnen und mir habe ich immer geglaubt 
und immer genossen.«

Gerhart Hauptmann, 1903/1904, Fotografie von Wilhelm Fechner Berlin, public domain
04.06. - 04.07.2021

»Diese Erinnerung bleibt …« Käthe Kollwitz und Gerhart Hauptmann – Berührungspunkte

Käthe Kollwitz Museum Köln

Neumarkt 18-24
50667 Köln