Die Ausstellung Journey Through A Body untersucht Körperwahrnehmungen und - verständnisse im Kontext von Geschlechtsidentitäten und Selbstidentifikation.

Deutschland steht zurzeit immer noch am Anfang einer Auseinandersetzung und Umsetzung in der Frage nach gendergerechten Lösungswegen. Das Bemühen um gendergerechte Sprache und neue Formen der Geschlechterdefinition wie das d für divers nach m/w sind, wie auch das Gendersternchen, die Gender-Gap oder der Gender-Doppelpunkt, Versuche dem Dilemma von hetero- und cis-normativen Vorstellungen entgegenzutreten, sie aufzulösen und zu überwinden. Doch auch wenn Sprache ein wichtiger Baustein ist, ist nur mit sprachlichen Veränderungen ein tiefersitzendes strukturelles Problemfeld noch nicht ausreichend bearbeitet und gelöst.

Diesem komplexen Fragen- und Problemfeld geht die Ausstellung Journey Through A Body nach. In den Werken von fünf jungen, aus diversen und internationalen Perspektiven auf den menschlichen Körper und seine Identitätsfragen schauenden, Künstler*innen werden so, auf sehr verschiedene Weise und in vielfältigen Medien, spannende Fragestellungen zu Gender- und Identitätskonzepten diskutiert und neue Denk- und Handlungsweisen aufgezeigt. Die Besucher*innen sollen berührt und in ihrem Denken über gesellschaftlich eingefahrene Geschlechtszuschreibungen und die damit einhergehenden Stigmata angeregt werden.

Ziel der Ausstellung ist es aufzuzeigen, dass es die vielfältige Suche nach Optionen gibt, welche sich jenseits von hetero- und cis-normativen Vorstellungen der Gesellschaft befinden; dass Gesellschaft und Kultur nicht einfach gegeben sind.

Ausgelöst durch den Tod von Genesis Breyer P-Orridge (1950–2020) im letzten Jahr soll in Journey Through A Body ein neuer und veränderter Blick auf die aktuelle Diskussion geworfen werden. Gemeinsam mit Lady Jaye begann P-Orridge ab dem Jahr 2000 das „Pandrogeny Project“, welches die Erschaffung einer gemeinsamen Geschlechtsidentität „Breyer-P- Orridge“ zum Ziel hatte. Diese umfasste gleichermaßen Merkmale von Männlichkeit und Weiblichkeit und sollte auf drastische Weise zeigen, dass traditionelle binäre Geschlechtsidentitäten nicht zeitgemäß seien. P-Orridge und Lady Jaye unterzogen sich zahlreichen Körperveränderungen, u.a. chirurgischen Eingriffen wie Brustimplantaten, Fettabsaugungen und Hautstraffungen sowie Hormontherapien und Tätowierungen, um sich optisch immer mehr aneinander anzugleichen.

Die 1981 in Rom entstandene LP Journey Through A Body von P-Orridges Band Throbbing Gristle handelt von der frühen Reise und Düsternis in Medizin und Psyche und liefert hiermit auch der Ausstellung den Titel und die Grundlage für die Suche nach dem Ich.

Die Kunsthalle stellt unter diesem Titel Journey Through A Body die Diskussion um festgefügte Geschlechtsidentitäten und Körperverständnisse in den Mittelpunkt ihrer Ausstellung. Hierzu wird ein Spektrum zeitgenössischen Kunstschaffens zwischen beinahe klassisch anmutender Malerei (Christina Quarles), symbolisch-figurativer Textilcollage (Tschabalala Self), expressiv- surrealer Bildhauerei (Cajsa von Zeipel), werbungssatirischer Digital Art (Kate Cooper), digitaler VR- und AR-Experience (Nicole Ruggiero) und performativer Installation (Luki von der Gracht) aufgezeigt. Ein anregendes Problemfeld wird den Besucher*innen anhand von fünf ausgewählten Einzelschauen, die sensibel ineinander verzahnt werden, präsentiert. Während Quarles, Self und von Zeipel die klassisch-affirmativen Medien Malerei, Textilcollage und Bildhauerei bedienen, zeigen Cooper, Ruggiero und von der Gracht den Umgang mit Identitäts- und Geschlechterfragen anhand von digitalen Medien. Die Künstler*innen, allesamt erst nach Entstehung des ausstellungstitelgebenden Albums geboren, haben den Wechsel ins post/trans/in-humane, post/trans/im-materielle Digitale direkt miterlebt und mitgestaltet und bilden so einen tiefgreifenden Querschnitt durch Lebensentwürfe der heutigen wie zukünftigen Generationen.

Journey Through A Body schließt inhaltlich mittelbar an die Ausstellung Real Humans in der Kunsthalle Düsseldorf an, in der 2015 mit Ian Cheng, Wu Tsang und Jordan Wolfson ebenfalls – aber unter völlig anderen Vorzeichen – nach den Bedingungen des Mensch-Seins gefragt wurde: Was zeichnet den Menschen biologisch und sozio-kulturell aus? Was macht ihn unterscheidbar von anderen Wesen? Wie souverän ist er und welche Kräfte bestimmen sein Handeln, Denken und Selbstverständnis? Die Geschichte hat gezeigt, wie wandel- und veränderbar die menschliche Spezies und unsere Vorstellungen vom Mensch-Sein sind. Was wir als menschlich betrachten, ist eine normative Konvention, die alles andere als statisch ist. Die Ein- und Ausschlüsse, die dadurch produziert werden, sind ebenso wandelbar wie die Grundannahmen, auf denen die Normen beruhen.