Die Kunstmuseen Krefeld präsentieren die Ausstellung plötzlich konnte eins wie das andere sein des international renommierten Künstlers Marcel Odenbach bis zum 24. Oktober 2021 im Kaiser Wilhelm Museum. Zwei neue Arbeiten, eine Videoprojektion und eine Rauminstallation, zeigen die Auseinandersetzung des Künstlers mit der Lehr- und Vorbildersammlung des Museums. Rund eintausend Motive aus dieser analogen Bilddatenbank, die enzyklopädisch Werke der Kunst aus aller Welt versammelt, verknüpft Odenbach aus eigener Perspektive neu. Er legt eigene Denk- und Arbeitsprozesse frei. Dabei werden die Wanderung von Bildern durch zeitliche und geographische Räume wie auch aktuelle medienkritische Überlegungen zum Thema.

Die Ausstellung entstand im Rahmen der Projektreihe Sammlungssatelliten, mit der die Sammlung der Kunstmuseen Krefeld immer wieder neu aktualisiert wird.

Bilder prägen unseren Alltag und unsere Wissenskultur nicht erst seit dem digitalen Zeitalter. Bereits um 1900, als die Lehr- und Vorbildersammlung mit tausenden Abbildungen von Kunstwerken im Kaiser Wilhelm Museum angelegt wurde, waren Bilder Massenware und erforderten einen kritischen Blick. Fragen nach dem Umgang mit Bildern, nach dem Wandel ihrer Geschichten, ihrer technischen Verfassung und ihrer kognitiven Funktionen (wahrnehmen, erinnern, wissen u.a.) haben bis heute Gültigkeit. „Mit Marcel Odenbach haben wir einen Künstler gewinnen können“, so Museumsdirektorin Katia Baudin, „der Bildern – historischen wie zeitgenössischen – immer wieder in seinem Schaffen auf den Grund geht und sie neu deutet. Als Kunsthistoriker war er begeistert, diesen Bilderschatz gemeinsam mit uns zu bergen.“

Marcel Odenbach hat die Rolle des Besuchers und Nutzers des Lesesaals eingenommen, in dem die Reproduktionen im Kaiser Wilhelm Museum einst vorlagen und mit diesem Bildmaterial zwei neue Arbeiten geschaffen.

Die Überwältigung durch Bilder und die Medienkompetenz, die es braucht, um mit der schieren Menge an Bildermaterial fertig zu werden, sind in einer installativen Collage zu erleben. Odenbach reproduziert hunderte der Bild-Reproduktionen aus der Lehr- und Vorbildersammlung in Form von Fotokopien und bereichert diese Bilderflut durch originale Möbel und Gemäldekopien. Ein Gesamtbild entsteht, das sowohl die historische Atmosphäre um 1900 im Lesesaal spiegelt – der sich in eben diesem Ausstellungsraum befunden hat – als auch den grundsätzlichen Umgang mit Bildern hinterfragt.

Anders in der Videoprojektion Verzettelungen – hier hat Odenbach die Regie der Bilder übernommen. Mit nur 129 Motiven fokussiert er den außereuropäischen Teil der Kunstgeschichte, wie er in der Lehr- und Vorbildersammlung vorhanden ist. Inspiriert von Aby Warburgs (1866– 1929) Methode des vergleichenden Sehens, stellt Odenbach Bildkombinationen zusammen, in denen sich Motive, Themen, Stilmerkmale, Bildformeln entsprechen. Sie fließen als monumen- tale Abbilder durch den Raum und fordern permanent zum Abgleich heraus.

Bei einer Lehr- und Vorbildersammlung handelt es sich um ein Lehrmittel, das bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein von Akademien, Kunstgewerbemuseen und in der Kunstwissenschaft eingesetzt wurde. Reproduktionen von originalen Kunstwerken aus allen Sparten, Ländern und Zeiten dienen als Vorlage, um das Auge und die Hand zu schulen. Die Lehr- und Vorbildersammlung des Kaiser Wilhelm Museums legte der erste Direktor Friedrich Deneken an. 255 Boxen enthalten rund 4.000 Motive aus der Kunstgeschichte von der Antike bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Die zahlreichen Reproduktionen standen im Lesesaal des Kaiser Wilhelm Museums allen Besuchern zur Verfügung. „Dieses Kulturgut“, so die Kuratorin Sylvia Martin, „war na- hezu vergessen. Ich hatte dieses große Konvolut immer Hinterkopf. Die Reihe der Sammlungs- satelliten war dann der ideale Rahmen und Marcel Odenbach der ideale Künstler, um die Lehr- und Vorbildersammlung wiederzuentdecken.“

Marcel Odenbach (geb. 1953 in Köln, lebt in Berlin und Cape Coast, Ghana, arbeitet in Köln) zählt zu den international bekanntesten Videokünstlern der zweiten Generation. Von 1974 bis 1979 hat er Architektur, Kunstgeschichte und Semiotik an der Technischen Hochschule Aachen studiert. Seit 1990 lehrt er als Professor für Medienkunst an unterschiedlichen Akademien und Hochschulen, aktuell an der Kunstakademie Düsseldorf. Als außergewöhnlicher zeitgenössischer Künstler ist er mit dem Wolfgang-Hahn-Preis 2021 ausgezeichnet worden.

Die Projektreihe der Sammlungssatelliten wurde 2018 von Katia Baudin ins Leben gerufen, um die Sammlung, Architektur und Museumsgeschichte unter aktuellen Perspektiven zu thematisieren. Zweimal im Jahr sind Künstler*innen, Designer*innen und Architekt*innen eingeladen, im Dialog mit dem Haus neue Arbeiten zu entwickeln und in einer Ausstellung zu präsentieren.

Die Sammlungssatelliten begleitet eine Publikationsreihe (dt./engl.) bei Grass Publishers.
Die Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West steht den Sammlungssatelliten als Partner zur Seite.

Marcel Odenbach, Köln 2011 © Foto: Albrecht Fuchs Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln
12.11.2020 - 24.10.2021

Sammlungssatelit #6: Marcel Odenbach. plötzlich konnte eins wie das andere sein

Kunstmuseen Krefeld - Kaiser Wilhelm Museum

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