Die Kunstmuseen Krefeld thematisieren mit der Ausstellung Lehmbruck – Kolbe – Mies van der Rohe. Künstliche Biotope die Wechselbeziehung der drei herausragenden Künstler der Moderne und das Miteinander von Architektur, Skulptur und Natur. Insgesamt 15 Skulpturen von Lehmbruck und Kolbe treten in Dialog mit dem von Mies van der Rohe als Landhaus entworfenen Haus Lange. Erstmals werden Haus und Garten als ein organisches System betrachtet, in dem sich die figürliche Skulptur als eigenständiges Kunstwerk und als lebendiger Organismus einfügt.

Die Häuser Lange und Esters, erbaut zwischen 1927 bis 1930, bilden ein einmaliges bauliches Ensemble des International Style. „Ganz im Sinne von Mies van der Rohe, der Architektur, Design und Kunst zusammen gedacht hat, verfolgen wir bei den Kunstmuseen Krefeld seit 2016 ein auf interdisziplinäre Zusammenhänge ausgerichtetes Programm“, so Museumsdirektorin Katia Baudin. „Die aktuelle Ausstellung nimmt an diesem historischen Ort die Klassische Moderne in den Blick. Wurden bislang im Werk von Mies van der Rohe Skulptur und Natur als Einzelthemen betrachtet, führt das von Dr. Sylvia Martin kuratierte Projekt die drei Aspekte zum ersten Mal zusammen und untersucht sie auch aus der Perspektive der Bildhauerei.“

In den 1920er Jahren, als mit dem Neuen Bauen eine funktionale Sachlichkeit das Leben in der Weimarer Republik zu ordnen versucht, kommt es auch zu einer neuen Standortbestimmung von Architektur und Skulptur. Bauplastik als Dekoration wird abgelöst von einer autonomen Skulptur, die sich im architektonischen Gefüge behauptet. 1927 integriert Ludwig Mies an der Rohe (1886–1969) erstmals eine Skulptur in eines seiner Gebäude. Er bevorzugt in seinem europäischen Frühwerk figürliche Skulpturen. Berühmt wird die Aufstellung Der Morgen von Kolbe im Barcelona-Pavillon auf der Weltausstellung 1928/1929. Die beiden Bildhauer Wilhelm Lehmbruck (1881–1919) und Georg Kolbe (1877–1947) aktualisieren das plastische Menschenbild und reflektieren die Errungenschaften der Abstraktion in der figürlichen Skulptur. Alle drei agieren in einem kulturellen Klima, das maßgeblich von Erkenntnissen der Naturwissenschaft geprägt wird. So hat der heute nahezu vergessene Biologe Raoul Francé (1874–1943) ein biozentrisches Weltbild entworfen, das auch Mies van der Rohe nachweislich beeinflusst hat.

In der Ausstellung gehen acht Skulpturen von Wilhelm Lehmbruck und sieben von Georg Kolbe, darunter Mädchen sich umwendend und Der Morgen, mit den Räumen, den Materialien und der Natur des Hauses eine Wechselbeziehung ein. Durch ihre unterschiedlichen Werkstoffe (Bronze, Gips, Steinguss) und Körperhaltungen zeigen die Skulpturen, welche abstrahierenden Möglichkeiten die menschliche Figur bietet und wie ein räumlicher Bezug formuliert sein kann. Sie tragen die Vorstellung vom menschlichen Körper als Organismus in die Villa Lange hinein. Das Haus wird selbst zum Exponat, das mit seiner Gartenanlage und mit Baumaterialien wie Holz, Ton, Travertin, Marmor oder Glas als organisches System verstanden werden kann. Die Ausstellungsinstallation gibt viele Hinweise auf solche ‚natürlichen‘ Zusammenhänge und lässt auch Mies van der Rohe und Raoul Francé mittels Projektionen zu Wort kommen.

Die von Dr. Sylvia Martin, Kunstmuseen Krefeld, kuratierte Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Georg Kolbe Museum in Berlin.