Die Betrachtung aus einem Abstand kann die Beziehungen zu anderen stärken und neu bestim- men. Der distanzierte Blick bedeutet aber auch ein höheres Maß von Reflexion und Objektivität. Er schafft einen Überblick. Nicht direkt in Angelegenheiten involviert zu sein, kann ein Mehr an unabhängiger Betrachtung bedeuten. Der Ausdruck „Abstand zu etwas gewinnen“ bedeutet, eine Position einzunehmen, in der man Sachverhalte klarer sehen und Vorgänge genauer betrachten kann. Die Pandemie hat uns gezeigt, dass die Distanz neben offensichtlich negativen auch ihre positiven Seiten hat und Beziehungen neu determiniert. Durch die praktizierten Schutzmaßnahmen hat der Abstand einen sozialen Charakter gewonnen und damit eine neue Relevanz erlangt.

Die Betrachtung von Abstandsverhältnissen und Trennungen kann auch ein Thema der künstlerischen Praxis sein. Auch vor der Pandemie-Krise beschäftigten sich Künstler*innen mit Strategien der Distanzierung und der entfernten Sicht. Sie reflektierten die Auswirkungen von Entfernungen und die Machtverhältnisse, die sie erzeugen.

Der US-amerikanische Künstler Dan Graham stellt mit Hilfe von Zeichnungen, Skulpturen und Ins- tallationen räumliche Situationen her, die die Relation von Sehen und Gesehen werden und damit den Machtanspruch moderner Architekturen veranschaulichen. Dennis Graef und Meike Redeker sind Künstler*innen der Region, die sich mit Grenzen und Grenzüberschreitungen beschäftigen und die speziell zu dieser Thematik Arbeiten für Lob der Distanz produziert haben. Wenn man die Hochsitze von Ilka Meyers Installation Gegenüber in den Innenraum verlegt, bietet dies eine ungewohnte, „abgehobene“ Sicht auf die Ausstellungsexponate. Der Betrachter gewinnt mit dem Blick von oben eine besondere Form der Übersicht. In Corinna Schnitts Video Vollendete Vernunft rufen sich Personen aus weiter Entfernung mit Hilfe von Megaphonen alltägliche Sätze zu – für die Künstlerin eine Metapher für die oft banale Kommunikation auf Social Media.

Dennis Graef (*1973 in Braunschweig) war Gründer der Band Such A Surge und arbeitete als freier Komponist, Musiker und Produzent. Er studierte an der HBK Braunschweig und schloss dort mit einem Meisterschüler bei Ulrich Eller ab. Graef war an einer Vielzahl an Ausstellungen im In- und Ausland beteiligt, u.a. war er auf der Internationalen Triennale für zeitgenössische Kunst, Prag und beim Los Angeles Filmforum: Punto y Raya (Dot and Line) Festival mit Beiträgen vertreten. Darüber hinaus hatte er diverse Lehraufträge inne, so lehrte er z.B. an der Uni Hildesheim und der HBK Braunschweig.

Dan Graham (*1942 in Urbana, Illinois) gilt als einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwartskunst. Der US-amerikanische Bildhauer, Konzept- und Multimediakünstler erforscht in seinen Arbeiten das Spannungsverhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit in der modernen Architektur, die Relation von Sehen und Gesehen werden und die Beziehung zwischen Werk und Betrachter:in. International bekannt wurde er vor allem für seine begehbaren Pavillons aus Glas und Spiegeln, bei deren Betreten die Besucher:innen durch die räumliche Situation in Beziehung und Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrem Gegenüber gesetzt werden. Dan Graham lebt und arbeitet in New York.

Ilka Meyer (*1972 in Bremen) studierte Bildende Kunst an der an Johannes-Gutenberg-Univer- sität und schloss ihr Studium mit dem Meisterschüler bei Ralf Urban Bühler an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig ab. Der Fokus ihrer künstlerischen Arbeit liegt auf der Erfahrung von Raum und die Konstruktion von Wirklichkeit. Dabei stehen häufig Phänomene des Zufälligen, des Unbeachteten oder des Nebensächlichen im Mittelpunkt. Strukturen entfalten sich als temporäre Monumente oder Mikro-Manifestationen. Die meist installativen Werke spielen mit menschlichen Begrenzungen und Möglichkeiten und setzen pflanzliche Wachstumsprozesse ins Verhältnis zu rational organisierter Raum-Architektur.

Meike Redeker studierte Medienkunst am Institut Teknologi Bandung (Indonesien) und Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, wo sie 2016 als Meisterschülerin von Candice Breitz abschloss. Ihre Filme zielen auf eine Veränderung unserer Realitätswahrnehmung ab. Mittels performativer Momente bricht die Künstlerin vertraute und alltägliche Situationen auf und stellt die unterschiedlichen Perspektiven von Protagonist:innen, Beobachter:innen und den Blick durch die Kamera in den Mittelpunkt. Häufig bedient sie sich dem Prinzip des Aushaltens und schafft so Momente der Irritation, die Fragen nach Nähe, Distanz, Beziehungen und Überwachung aufwerfen. Aktuell lehrt Redeker am Institut für Kunstpädagogik der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

Corinna Schnitt (*1964 in Duisburg) studierte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main und an der Kunstakademie in Düsseldorf. Ihr Werk umfasst eine Reihe preisgekrönter ex- perimenteller Filme und Videos, aber auch Zeichnungen, Fotografien, Dia-Serien und Installa- tion. Im Zentrum ihrer künstlerischen Auseinandersetzung steht meist der Mensch mit seinen Gewohnheiten und Denkweisen. Es sind banale Alltagsaktivitäten, das Verhältnis zum Körper und zur Natur, der Umgang mit unausgesprochenen sozialen Normen und die Interaktion mit dem Stadtraum, die von der Künstlerin und Filmemacherin mal humorvoll, mal bis hin zur Absurdität in Szene gesetzt werden. Seit 2009 hat Corinna Schnitt eine Professur für Film- und Videokunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig inne.

Foto: Hae Kim
21.05. - 04.07.2021

Lob der Distanz

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