Mit der ersten umfassenden Ausstellung widmet sich die Berliner Gemäldegalerie der Kunst der Spätgotik im deutschsprachigen Raum. Angeregt durch niederländische Entwicklungen veränderten sich ab den 1430er-Jahren die künstlerischen Ausdrucksmittel: Licht und Schatten, Körper und Raum wurden zunehmend wirklichkeitsnah dargestellt. Mit der Erfindung der Drucktechnik fanden diese Neuerungen eine massenhafte Verbreitung. Trotz ihrer religiösen Zweckbestimmung wurden Bilder immer stärker als Kunst wahrgenommen; Künstler erlangten überregionale Berühmtheit. Mit rund 130 Objekten – hochkarätige Leihgaben sowie zentrale Werke aus den Beständen der Staatlichen Museen zu Berlin – werden in der Gegenüberstellung verschiedener Kunstgattungen die medialen Innovationen des 15. Jahrhunderts und die Kunst der Spätgotik in ihrer Vielfalt erlebbar.

„Die künstlerischen Entwicklungen des 15. Jahrhunderts prägen unser Bildverständnis bis heute – das macht die Kunst der Spätgotik als gattungsübergreifendes Phänomen zu einem aktuell spannenden Ausstellungsthema“, so Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin. „Im Dialog von zahlreichen Schlüsselwerken der Malerei, Skulptur, Druckgraphik und des Kunsthandwerks holen wir diese vermeintlich ferne Epoche in unsere heutige Zeit. Die Kunst der Spätgotik in ihrer Vielfalt zu beleuchten, ist weltweit nur ganz wenigen großen Museumssammlungen möglich. Ich freue mich daher sehr, dass diese Ausstellung mit zentralen Werken unserer eigenen Bestände sowie einigen spektakulären Leihgaben von den Staatlichen Museen zu Berlin als erste umfassende Ausstellung zu diesem Thema realisiert und präsentiert werden kann.“

Neuerungen und Innovationen
In Gegenüberstellung mit ausgesuchten Hauptwerken vorausgegangener Jahrzehnte werden die Neuerungen der Spätgotik ab 1430 illustriert. Mit der Lorcher Kreuztragung und dem Altar aus St. Gereon in Köln stehen zu Beginn der Ausstellung zwei Werke aus der Endphase des internationalen Stils gemeinsam mit frühen Bildzeugnissen der gerade erfundenen Druckgraphik. Demgegenüber verdeutlichen der Wurzacher Altar von Hans Multscher, die Tafeln von Konrad Witz und Stefan Lochner oder auch die Kupferstiche des Meisters der Spielkarten die durchgreifenden künstlerischen Veränderungen der Zeit ab 1430.

Die Bewunderung für den neuen Wirklichkeitsgehalt der Kunst führte dazu, dass einzelne Künstler zu berühmten Persönlichkeiten avancierten und noch Jahrzehnte nach ihrem Tod an ihrem Stil erkennbar blieben – so etwa beim Meister der Karlsruher Passion, der vermutlich mit dem Straßburger Hans Hirtz identisch ist und mit seinem namensgebenden Hauptwerk in der Ausstellung vertreten ist. Der Mensch als Individuum sollte die Kunst des gesamten 15. Jahrhunderts prägen, was anhand der ersten eigenständigen Porträts der deutschen Kunst auch in der Ausstellung zu sehen sein wird. Das neuerwachte Interesse an der Darstellung des menschlichen Körpers beeinflusst alle künstlerischen Gattungen, wie etwa die Gegenüberstellung von Dürers Tafel des Schmerzensmannes aus Karlsruhe mit der Straßburger Büste von Nicolaus Gerhaert zu zeigen vermag – religiöse und profane Kunst greifen auf dieselben Darstellungsmotive zurück.

Multiplizierung der Bilder
Die Erfindung von Bild- und Buchdruck beeinflusst als einer der wichtigsten deutschen Beiträge zur europäischen Kultur die Kommunikation bis heute. Die Vervielfältigung von Kunstwerken führte zu einer Demokratisierung der Bilder und bewirkte tiefgreifende Änderungen im Umgang mit ihnen. Bildliche Darstellungen wurden erschwinglicher und fanden neue Absatzmärkte, die mit einer gesteigerten Nachfrage in Wechselwirkung traten. Die stärkere Vermarktung folgte einer klaren ökonomischen Ausrichtung, wie etwa die 1466 entstandenen Stiche der Madonna von Einsiedeln des Meisters E.S. zeigen. Gleichzeitig äußerte sich darin aber auch ein hoher gestalterischer Anspruch, der die künstlerische Herausforderung der neuen Medien verdeutlicht.

Über die rein bildlichen Darstellungen hinaus entwickelte sich das Buch zu einem bahnbrechenden Massenmedium. Frühe Beispiele zeigen die tastenden Versuche, Gestaltungsprinzipien der Buchmalerei auch für den Druck nutzbar zu machen, was in Anpassung an die neuen technischen Möglichkeiten zu einer letztlich völlig neuartigen Buchkunst führte. Als zentrales Objekt steht die 1454 entstandene Gutenberg-Bibel beispielhaft für diese Entwicklung.

Regionalstile und Innovationszentren
Im 15. Jahrhundert bildeten sich künstlerische Zentren heraus, deren Formensprachen sich deutlich voneinander unterscheiden lassen und bereits von Zeitgenossen als solche erkannt wurden. In der Ausstellung lässt sich dies eindrücklich an Hauptwerken aus Köln, etwa von Stefan Lochner, vom Mittelrhein, wie dem Meister der Darmstädter Passion, oder Lüneburg mit seinem reichen Bestand an Goldschmiedearbeiten belegen.

Als eine Region mit einer besonders ausgeprägten Kunstproduktion, die in den Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin in allen Gattungsbereichen hervorragend vertreten ist, rückt die Ausstellung den Oberrhein mit Werken des Meisters E.S., von Peter Hemmel von Andlau, Niclaus Gerhaert von Leyden und Martin Schongauer in den Fokus.

Wechselspiel der Medien
Die Ausstellung wird das Wechselspiel von Werken verschiedener Medien aufzeigen, die sich gegenseitig rezipieren, kopieren und beeinflussen. Das massenhafte Auftreten gedruckter Bilder hat auch Auswirkungen auf andere Gattungen: An zahlreichen Skulpturen und Gemälden wird ersichtlich, dass sie nach graphischen Vorbildern entstanden sind. Gleichzeitig greifen Stecher auch auf hoch geschätzte Malereien und Skulpturen zurück und verbreiten deren Eigenarten weit über ihren Aufstellungsort hinaus. Auch Skulptur und Goldschmiedekunst treten miteinander in Dialog: So besitzt etwa das Bode-Museum eine von Michel Erhart in Ulm geschnitzte Madonna, die als Vorlage für eine Madonna des Augsburger Goldschmiedes Heinrich Hufnagel diente.

In besonderer Anschaulichkeit repräsentiert Martin Schongauer das Phänomen medienübergreifender Wirksamkeit: Als erster „Weltstar“ der Druckgraphik steht er in der oberrheinischen Tradition, wird aber von den Niederlanden bis Spanien rezipiert und liefert mit seinen Drucken die Vorlagen für hunderte von Gemälden, Grafiken und Skulpturen. Das zeigt sich beispielhaft an Tilman Riemenschneiders „Noli me tangere“ von 1490/92, das auf eine Bilderfindung des Colmarer Künstlers zurückgreift und diese ins Relief verwandelt.

Hochkarätige Leihgaben und zentrale Werke aus eigenen Beständen
„Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit“ vereint zentrale Werke aus den Beständen der Staatlichen Museen – der Gemäldegalerie, der Skulpturensammlung, dem Kupferstichkabinett, dem Kunstgewerbemuseum sowie der Nationalgalerie und der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek – mit hochkarätigen Leihgaben aus der National Gallery in London, dem Rijksmuseum in Amsterdam oder dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Unter der Leitung von Michael Eissenhauer wird die Ausstellung gemeinsam kuratiert von Julien Chapuis (Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst), Stephan Kemperdick (Gemäldegalerie), Lothar Lambacher (Kunstgewerbemuseum) und Michael Roth (Kupferstichkabinett).

Publikation, Audioguide und Website
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Verlag Hatje Cantz, deutsche und englische Ausgabe, 360 Seiten, 215 Abbildungen, ISBN (deutsch): 978-3-7757-4754-7, ISBN (englisch): ISBN 978-3-7757-4755-4, Buchhandelspreis: 48 €, Museumspreis: 35 €. Der deutsche Audioguide wird von Steffen Seibert eingesprochen. Die Website der Ausstellung finden Sie unter www.spaetgotik.berlin


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum

Coronabedingt kann sich die geplante Laufzeit der Ausstellung kurzfristig ändern. Der Besuch ist derzeit ohne tagesaktuelles, negatives Schnell- testergebnis möglich. Zeitfenstertickets sollten weiterhin vorab online gebucht werden: smb.museum/tickets