Von Wolkenschäden in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst Bremen. Die Kuratorinnen Sarah Maria Kaiser und Anne Storm: „Die Ausstellung zeigt einen Zwischenstand aktueller und in den letzten Jahren entstandener Arbeiten von Felix Dreesen. Sie bietet einen Ein- und Überblick über sein Verfahren, Handlungen auf ihre Wirksamkeit und Widersprüchlichkeit im Erleben zu überprüfen.“

Geehrt wurde er als Meisterschüler der Hochschule für Künste Bremen für seine Präsentation Patches of Protest in der Weserburg 2017. Die Quelle der Installation gingen zuvor durch die Bremer Presse: Im Zuge des Neubaus des Stammsitz- Gebäudes der Spedition Kühne & Nagel hatten Unbekannte im leerstehenden Gebäude neunzig Fenster einer Fassade von innen mit Lettern bemalt. Weit sichtbar war so ein Hinweis auf die Profite der Spedition unter dem Nationalsozialismus zu lesen, zu der sich das Unternehmen nie bekannte. Als ein bebilderter Zeitungsartikel dazu erschien, waren die Fenster bereits im Zuge angeblicher Einsturzgefahr aus ihren Rahmen gerissen und die Botschaft damit für die Öffentlichkeit unlesbar gemacht worden. Felix Dreesen eignete sich die neun übrigen, noch intakten Fenster an und stellte diese aus: „Präsenz und Inhalt der Fensterbotschaft sind aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Besitzverhältnisse, Grammatik und Lesbarkeit haben sich geändert, die im Kern unveränderte Botschaft taucht nun als Kunstwerk dauerhaft archiviert im Ausstellungsraum wieder auf.“

Bei Felix Dreesen bleiben in der GAK alle Fenster geöffnet. Sinnbildlich verbindet er den öffentlichen Raum mit dem Ausstellungsraum. Der Blick auf den Himmel ist ein immer wieder zentraler in seinem Werk. Die Ausstellung Von Wolkenschäden bezieht ihren Titel aus der Fachsprache sogenannter Trainspotter. Sie sind Eisenbahnfreunde, die ungezählte Stunden in (halb-) öffentlichen Räumen stehen – an Bahnsteigen, an Straßenrändern, oder auf landwirtschaftlich genutzten Feldern – um Fotos von Lokomotiven und ihren Verkehrsinfrastrukturen zu schießen. Diese Trainspotter sammeln ihre Bilder in Archiven, schauen sich die persönlichen Sammlungen in abgedunkelten Räumen mit Diaprojektoren an, besprechen und bewerten diese bezüglich technischer sowie landschaftlicher Kriterien. Ein nicht gewollter Schatten auf der Lok wird da zum Schadensfall. Schließlich könne man ja oft nur am Lackauftrag die Baureihe erkennen. Felix Dreesen hat einen Trainspotter eingeladen, eine persönliche Auswahl seiner analogen Bilder in der Ausstellung zu zeigen.

Die technoide Naturfotografie der Trainspotter interessiert Felix Dreesen. In ihr scheint ein Versprechen des authentischen Erlebens im Verhältnis zu der vom Menschen gemachten Umgebung auf. Im Sommer 2019 machte er sich zu einer Floßfahrt mit seinem Künstlerkollegen Stephan Thierbach auf, die Aktion Treibgut, die in der Ausstellung Von Wolkenschäden einen Ankerpunkt darstellt. Knapp 500 km floßten sie zwischen Kassel und Bremerhaven, die Fulda, die Mittel- und Unterweser hinab – das Vorankommen war bestimmt durch die Fließgeschwindigkeit, das Tempo der Strömung zwischen 3 und 12 km/h. „In einem fließenden Wahrnehmungsmodus bekamen wir den Eindruck, ein mächtiges Bühnenbild zu durchreisen. Statt in einer durch Naturkräfte geprägten Landschaft fanden wir uns in einem menschengemachten Monument wieder. Ein Gemenge aus Kulisse und Funktionalität“, beschreibt Dreesen das gemeinsame Erleben. Dabei dokumentierte eine Fotokamerafalle selbstständig die wechselnden Eindrücke. Die Ergebnisse werden in der Ausstellung tatsächlich zu einer Kulisse durch professionelle Bühnenmaler*innen des Theater Bremen.

Am Anfang stehen bei Felix Dreesen informelle und transgressive Aktionen in und um den Bremer Außenraum, in die er sich „hinein begibt“. Oft verbindet er sich dafür mit anderen Aktivist*innen wie Künstler*innen. Zum Beispiel errichtete er auf der Suche nach einem Ambivalent zwischen ästhetischer und praktischer Anwendung den Bausatz eines Hauses in unterschiedlichen Kontexten und fotodokumentierte dieses (Ich bau mir ein Haus aus Styropor, 2015-2019). Als Intervention im Zuge der Vorplatzbebauung des Bremer Hauptbahnhofes versenkte er einen eigenen Grundstein unter dem Fundament, der auf den breiten Einspruch gegen deren Umsetzung verwies. Den Grundstein und die dazugehörige Werkgruppe überließ er der Sammlung des Gerhard-Marcks-Haus als Schenkung (Kritischer Grundstein, 2017).

Dreesens Praxis lässt sich also weniger als eine permanente Produktion neuer Objekte und deren Ansammlung beschreiben. Sie ist vielmehr ein Weiterverarbeiten oder ein Rekontextualisieren von Vorgefundenem und auch in einer Zuwendung zum Prozess eines kritischen politischen Kunstschaffens zu verorten. Dreesen befindet sich in langjähriger intensiver Auseinandersetzung mit dem urbanen Wandel in Bremen und engagiert sich künstlerisch in soziokulturellen Zusammenhängen. Darüber lassen sich auch Bezüge zum Begriff „Critical Care“ herstellen, den die Kuratorin, Kulturtheoretikerin und Stadtforscherin Elke Krasny prägte: eine kritische Hinwendung, oder vielmehr Fürsorge für Verflechtungen aus Ökonomie, Umwelt, Urbanismus, die in den konkreten lokalen Verhältnisse ihren Ausgangspunkt findet und von dort aus globale Phänomene wie Klimawandel oder soziale Ungleichheit in den Blick nimmt.

Im Ausstellungsraum befragt Dreesen materialgewordene Zeugnisse individueller und gesellschaftlicher Haltungen nach ihrer Aussagekraft sowie nach ihren politischen Potentialen im Verhältnis zu seinen Intentionen. Lässt sich eine Handlung in ein Ding verwandeln ohne harmlos zu werden? Kann ein Prozess als eine Reihe von Handlungen archiviert werden oder muss dieser sich nicht gerade seiner Historisierung entziehen? Die Ergebnisse können die zur Schau getragenen Enttäuschungen sein oder auch die Darstellung der Vergänglichkeit der Aktivität an sich.


Felix Dreesen (*1987 in Bremen) studierte von 2008-2016 Bildhauerei bei Yuji Takeoka und Natascha Sadr Haghighian an der Hochschule für Künste Bremen, wo er 2017 Meisterschüler bei Natascha Sadr Haghighian war. Dreesen lebt und arbeitet in Bremen. Im Rahmen seiner kritischen Auseinandersetzung mit Stadt-, Landschaftsräumen und Natur initiierte und beteiligte er sich an verschiedenen Projekten, wie u.a. Julias Ida Green (2017), Kritischer Grundstein (2019) und Treibgut (2019). Dreesen war an Gruppenausstellungen u.a. in den North End Studios in Detroit (2015), der Dyson Gallery, Royal College of Art in London (2016), der Meisterschüler*innen-Ausstellung, Weserburg Museum für moderne Kunst, Bremen (2017), dem Gerhard-Marcks-Haus, Bremen (2019), und beim 42. Förderpreis für Bildende Kunst in der Städtischen Galerie Bremen (2019) beteiligt.

Felix Dreesen ist Preisträger des Karin Hollweg Preises 2017. Die Ausstellung Von Wolkenschäden in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst ist seine erste institutionelle Einzelausstellung.