Die Sammlung kehrt zurück: zur Wiedereröffnung zeigt die Neue Nationalgalerie unter dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft 1900 – 1945. Sammlung der Nationalgalerie“ Werke der Klassischen Moderne, die den Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft verdeutlichen. Deutsches Kaiserreich, Kolonialgeschichte, Erster Weltkrieg, die „Goldenen“ Zwanziger Jahre, Nationalsozialismus sowie Zweiter Weltkrieg und Holocaust spiegeln sich in eindrücklicher Weise in den Gemälden und Skulpturen der Sammlung wider. Die Ausstellung umfasst ca. 250 Werke u. a. von Otto Dix, Hannah Höch, Ernst Ludwig Kirchner, Lotte Laserstein und Renée Sintenis, außerdem neu hinzugekommene Schenkungen von Conrad Felixmüller, Laszlo Peri und Sascha Wiederhold sowie über 50 Werke, die nach Jahrzehnten erstmals wieder gezeigt werden und die teilweise aufwendig restauriert wurden.

„Die Kunst der Gesellschaft“ eröffnet bereits in der Treppenhalle mit zwei herausragenden künstlerischen Positionen der Weimarer Zeit, die lange von der Kunstgeschichte vernachlässigt wurden: Lotte Laserstein und Sascha Wiederhold. Beide Werke stehen exemplarisch für zwei ganz unterschiedliche Möglichkeiten der Kunst, gesellschaftliche Wirklichkeit abzu- bilden. Lotte Lasersteins realistisch gehaltener „Abend über Potsdam“ (1930) zeigt eine private Gesellschaft, die angesichts der damaligen Weltwirtschaftskrise und dem drohenden Aufstieg des Nationalsozialis- mus melancholisch und verunsichert wirkt. Leuchtend farbig und weitgehend abstrakt angelegt ist dagegen das Gemälde „Bogenschützen“ (1928) von Sascha Wiederhold. In seiner Dynamik veranschaulicht das Bild auf ganz andere Weise die radikalen Bewegungen und Wechsel, denen die Menschen in den 1920er-Jahren ausgesetzt waren.

Die Ausstellung ist thematisch gegliedert und folgt keiner Chronologie. Vielmehr wird die Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Avantgardeströmungen und ihrer Nebenbewegungen verdeutlicht. Der offene Grundriss der Architektur von Mies van der Rohe gibt keinen festen Rundgang vor und eröffnet dadurch vielfältige Perspektiven auf den sprunghaften Wechsel von Kunststilen, wie Expressionismus, Kubismus, Surrealismus, Dada oder Neue Sachlichkeit. Die Ausstellungskapitel orientieren sich an gesellschaftlichen Themen, wie etwa Großstadt, Reformbewegung, Politik und Propaganda, Exil und Krieg. Ein eigener Vermittlungsraum erweitert erstmals den Ausstellungsbesuch.

Die Sammlung der Nationalgalerie ist wie kaum eine andere in Deutschland besonders eng mit der Zeitgeschichte verknüpft. Mit dem Standort Berlin verbinden sich wichtige geschichtliche Ereignisse, weshalb hier mit einem stärkeren Fokus auf politische und gesellschaftliche Prozesse gesammelt wurde als anderswo. Durch die Geschichte der deutschen Teilung ist die Sammlung aus Ost und West, aus zwei politischen Systemen heraus, zusammengewachsen. Mit dem Titel „Die Kunst der Gesell- schaft“, in freier Anlehnung an die soziologische Studie von Niklas Luhmann, lenkt die Nationalgalerie den Blick auf die Rolle der Kunst im gesellschaftlichen Raum und damit auch auf die Frage, welche Gesellschaft in der Kunst verhandelt wird und welche ausgeblendet bleibt.

Historisch aus bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen und Denkweisen entwickelt, lag der Fokus der Sammlung lange auf nationaler und westeuropäischer Kunst. Auch Werke von Künstlerinnen wurden kaum gesammelt. Der Blick auf die Gesellschaft aus der Sammlung heraus ist damit historisch bedingt eingeschränkt. Um diesen Leerstellen einen kritischen Impuls entgegenzusetzen, wurden internationale Künstlerinnen mit Leihgaben einbezogen: Hilma af Klint aus Schweden, Lou Loeber aus den Niederlanden, Irma Stern aus Südafrika, Nadeschda Udalzowa aus Russland und Tarsila do Amaral aus Brasilien.

Einen zeitgenössischen Kommentar liefern darüber hinaus zwei Filmräume, die in die Ausstellung integriert sind. Während Julian Rosefeldt mit „Deep Gold“ (2013/2014) zu einer Reflexion über den Vergnügungsrausch im Berlin der 1920er-Jahre einlädt, beschäftigt sich Javier Téllez in „Rotations (Prometheus and Zwitter)“ (2011) mit der Rolle der Außenseiterkunst und ihrer Instrumentalisierung durch das NS-Regime.

In der temporär eingerichteten „Neuen Galerie“ im Hamburger Bahnhof konnten die Bestände während der Sanierung der Neuen Nationalgalerie nur ausschnitthaft gezeigt werden. Mit der Ausstellung „Die Kunst der Ge- sellschaft 1900-1945“ ist die umfangreiche Sammlung der Nationalgalerie zur Kunst der Klassischen Moderne erstmals nach langer Zeit wieder zu sehen. Sammlungspräsentationen zur Kunst des 20. Jahrhunderts mit thematischem Fokus werden folgen. So ist für das Jahr 2023 eine Ausstellung zur Kunst nach 1945 geplant. Ein Schwerpunkt soll hier auf den Gemeinsamkeiten und Gegensätzen von Ost und West im internationalen Kontext liegen. Hier werden weitere Hauptwerke der Sammlung von Künstlerinnen und Künstlern wie Francis Bacon, Lee Bontecou, Barnett Newman, Gerhard Richter, Bridget Riley oder Andy Warhol zu sehen sein.

Die Ausstellung „Die Kunst der Gesellschaft 1900-1945. Sammlung der Nationalgalerie“ wurde kuratiert von Dieter Scholz, Irina Hiebert Grun und Joachim Jäger.

Die Ausstellung wurde durch Holzer Kobler Architekturen und 2xGoldstein in Zusammenarbeit mit David Chipperfield Architects gestaltet.

Bildung und Vermittlung
Die Ausstellung befragt und kommentiert damalige Gesellschaftsbilder und spannt den Bogen zum Hier und Jetzt: Wer ist Teil einer Gesellschaft und wer nicht? Diese Frage steht auch im Zentrum der Bildung und Vermittlung, der erstmals ein eigener Raum inmitten der Ausstellung gewidmet ist. Der Bereich für Bildung und Vermittlung wurde konzipiert von Veronika Deinzel und Judith Boegner in Zusammenarbeit mit Jessica Aimufua und Josephine Apraku.

Provenienzen
Die Bestände der Nationalgalerie zur Kunst von 1900 bis 1945 sind in den letzten 10 Jahren in drei großen Forschungsprojekten in enger Zusammenarbeit mit dem Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin umfassend aufgearbeitet worden. In den Jahren 2010-2013 wurden die aus dem Land Berlin stammenden Bestände der ehemaligen „Galerie des 20. Jahrhunderts“ erschlossen und publiziert. Von 2015-2018 folgte die Sammlung des Museum Berggruen, mit Werken von Georges Braque, Paul Klee, Pablo Picasso und anderen Künstler*innen. Von 2018 bis 2021 hat die Nationalgalerie unter der Leitung von Maike Steinkamp und Emily Joyce Evans einen Gesamtkatalog zu den Beständen von 1905-1945 und deren Herkunft erarbeitet, der nun zur Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie fertig gestellt ist. Der Katalog schließt an die Bestandskataloge der Alten Nationalgalerie an. Über 50 Autor*innen, unter ihnen Sammlungskurator*innen, Provenienzforscher*innen und ausgewiesene Expert*innen einzelner Künstler*innen, haben mit ihrer Expertise maßgeblich dazu beigetragen, die Geschichte der Werke ebenso wie ihren künstlerischen und zeithistorischen Kontext zu beleuchten. Für den überwiegenden Teil der rund 1800 Werke der Jahre 1905-1945 konnte ein verfolgungsbedingter Entzug ausgeschlossen werden. Bei einem kleinen Teil der Sammlung sind weitere vertiefende Forschungen nötig. Sämtliche Ergebnisse werden in digitaler und analoger Form veröffentlicht.

Werner Haftmann
Die prägende Rolle von Werner Haftmann, dem ersten Direktor der Neuen Nationalgalerie, für die deutsche Kunstgeschichte nach 1945 ist bereits in der Ausstellung der Nationalgalerie „Emil Nolde – eine deutsche Legende“ (2019) zum Thema gemacht worden. Werner Haftmann kam 1967 an die Neue Nationalgalerie und hat während seiner Amtszeit (1967- 1974) ein international ausgerichtetes Ausstellungsprogramm entworfen sowie zahlreiche Erwerbungen verantwortet, vor allem im Bereich der Kunst nach 1945. Die wenigen Ankäufe zur „Klassischen Moderne“ seiner Amtszeit wurden im Rahmen des oben genannten Bestandsverzeichnisses erforscht. Die jetzige Sammlungspräsentation lässt sich kaum mit dem Wirken von Haftmann in Verbindung bringen, da nur acht der ausge- stellten Werke auf die Erwerbung durch ihn zurückgehen. Haftmanns Einflussnahme auf die Kunst und Kunstgeschichtsschreibung nach 1945 und insbesondere seine Ankäufe für die Sammlung werden von der Nationalgalerie in den nächsten zwei Jahren weiter untersucht werden, im Rahmen der Vorbereitung einer Sammlungspräsentation zur „Kunst von 1945 bis 1970“ (Eröffnung voraussichtlich Sommer 2023). Im kommenden Herbst ist zudem ein Vortragsabend zu Werner Haftmann geplant.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Mittwoch: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20:00 Uhr
Freitag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum