Denkt man an Narren, so assoziiert man sie mit Fröhlichkeit, Lebenslust, Scherzen. Sie bringen ihr Publikum zum Lachen und bieten ihm eine unterhaltsame Ablenkung vom Alltag, indem sie für Kurzweil sorgen. Gleichzeitig sind Narren aber auch Randfiguren, einsame Wesen. Ihre Rolle als Erzähler fordert eine gewisse Distanz vom Geschehen und von der Gesellschaft allgemein. Gerade weil sie nicht aktiver Teil jener Gesellschaft sind, die im Zentrum ihrer Darstellungen steht, dürfen Narren gegenüber den direkt Involvierten – also ihrem Publikum – ihre verspottende Kritik äußern.

Darüber hinaus zeichnet Narren aber auch eine ausgeprägte Empathie aus, die sich auf ihre charakteristische Beobachtungsgabe stützt. Narren sind in der Lage, sich in alle möglichen Situationen hineinzuversetzen und diese glaubhaft, ja realistisch darzustellen. Narren erkennen die Absurditäten des Lebens und fordern ihr Publikum auf, darüber nachzudenken. Darum sind Held und Antiheld in der Figur des Narren vereint: mit heldenhafter Tugend enthüllt der Narr eine tiefe Wahrheit und bringt sie zum Vorschein. Dies tut er allerdings auf eine weniger heldenhafte Art und Weise, sprich: mit Spott und Humor.

Die Sonderausstellung „ANTIHELDEN. Narren auf Papier“ präsentiert eine Auswahl an 59 Narrendarstellungen vom 16. Jahrhundert bis heute aus den Beständen des Kupferstich-Kabinetts, der Schenkung Sammlung Hoffmann, des Archivs der Avantgarden und mehrerer Privatsammlungen.

Den Auftakt bilden Josef Hegenbarths Illustrationen zu Till Eulenspiegel und Don Quijote, die durch Werke u.a. von Francisco de Goya y Lucientes, Joseph Beuys, Carlfriedrich Claus, Jacques Callot, Ol’ga ?ernyševa, Charlie Chaplin, Pablo Picasso, Lothar Sell sowie Arbeiten zweier Absolvent*innen der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK), Alexander Endrullat und Diana Ludzay, ergänzt werden.

Während bei Hegenbarths Darstellungen das Scherzhafte besonders hervortritt, haben andere Ausstellungsstücke – wie Goyas Aquatinta (1799) und Pablo Picassos Radierung (1968) – einen starken gesellschaftskritischen Hintergrund. Die Kritik an den herrschenden Institutionen, der Monarchie bei Goya und der Kirche bei Picasso, zeugen von der Freiheit, die einem Narren gewährt wird.

Diese kritische Haltung ist auch in Charlie Chaplins „Modern Times“ (1936), einem Meilenstein der Filmgeschichte, zu finden. Darin reflektiert er über eine der härtesten Zeiten in der Geschichte der Vereinigten Staaten: die Große Depression und die Wirtschaftskrise nach 1929. Dank besonderer Beobachtungsgabe und ausgeprägten Talents zum Karikieren – zwei essentielle Fähigkeiten eines jeden Narren – spielt Chaplin die Rolle des armen Arbeiters, der sich selbst dem System nicht unterwirft, perfekt. In Krisenzeiten sucht man nach möglichen Auswegen. Auch 85 Jahre nach seiner Freigabe ist „Modern Times“ höchstaktuell und regt dazu an, aus der Not eine Tugend zu machen – und sich dabei vielleicht von Narren als unbequemen Mahnern inspirieren zu lassen.


Öffnungszeiten:
Sonntag: 15:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: skd.museum