Mit Ein Woodstock der Ideen widmet sich erstmals eine Ausstellung den Beziehungen von Joseph Beuys (1921–1986) zu Süddeutschland. Im Fokus stehen die Aktivitäten des Künstlers im Umfeld des Internationalen Kulturzentrums Achberg, kurz INKA, das seit den 1970er Jahren als ein „deutsches Woodstock“ galt. Hier fand Beuys Gleichgesinnte im Streben nach einem humanen Miteinander – leidenschaftlich setzte er sich für die Veränderung der Gesellschaft ein. In Kooperation mit dem Museum Ulm zeigt die KunsthalleVogelmann, wie unmittelbar Kreativ-Gestalterisches ,Soziales und Politisches in Leben und Werk des Ausnahmekünstlers verbunden waren. Neben hochrangigen internationalen Leihgaben sind Materialien aus dem Archiv des Autors und Verlegers Rainer Rappmann sowie Auflagenobjekte aus einer Dauerleihgabe der Ernst Franz Vogelmann-Stiftung an die Städtischen Museen Heilbronn zu sehen.

Der 100. Geburtstag des Künstlers gibt 2021 Anlass, dessen sozialpolitisches Engagement in den Fokus zu rücken. Unermüdlich erläuterte Beuys seine gesellschaftsreformerischen Ideen in Interviews, Vorträgen und Texten – so auch in Achberg, wo er an zahlreichen Veranstaltungen des Internationalen Kulturzentrums mitwirkte. Dank des INKA hatte sich der kleine Ort am Bodensee seit Anfang der 1970er Jahre zu einem Zentrum des geistigen, kulturellen und politischen Aufbruchs entwickelt – ein Treffpunkt für Freigeister und Aktivist*innen. Joseph Beuys unterstützte das INKA von Anfang an, seit 1973 trat er regelmäßig als Vortragsredner in Achberg auf. Originale, teils noch nie gezeigte Dokumente und Materialien sowie Film- und Audioaufnahmen veranschaulichen sein dortiges Wirken in der Ausstellung.

Doch reichen die Verbindungen von Joseph Beuys zum deutschen Südwesten weiter: Aus Giengen an der Brenz bezog er sein bevorzugtes Arbeitsmaterial Filz, das neben Fett zu einem Markenzeichen des Künstlers wurde. In Wangen im Allgäu ließ Beuys 1977 die berühmte Honigpumpe am Arbeitsplatz fertigen – sein Beitrag zur documenta 6. Die monumentale Installation, die über 100 Liter Honig durch die Ausstellungsräume pumpte, versinnbildlichte den gesellschaftlichen Energiekreislauf, sollte gleichsamden Antrieb zur Veränderung der sozialen Verhältnisse liefern. Untrennbar mit der Honigpumpe war daher eine Reihe von Seminaren, Vorträgen und Diskussionsrunden verbunden, die die von Beuys begründete Freie Internationale Universität über die gesamte documenta-Laufzeit abhielt. Auch der Jahreskongress des INKA fand – eigens von Achberg nach Kassel verlegt – in diesem Rahmen statt. Zudem war Beuys in Südwestdeutschland unmittelbar politisch aktiv: 1980 war der Künstler an der Gründung der Grünen in Karlsruhe beteiligt; intensiv warb er für die Ziele der jungen Partei. Mehrfach kandidierte Beuys sogar für die Grünen – so 1979 zur Europawahl und 1980 zur Bundestagswahl.

Seine gesellschaftsreformerischen Ideen brachte der Künstler nicht zuletzt auch in zahlreichen Multiples zum Ausdruck. Als „Kunst für alle“ sollten diese in Auflage produzierten Kunstobjekte, Druckgrafiken, Buch- und Filmeditionen grundlegende Themen seines Schaffens einer breiten Öffentlichkeit nahebringen. Rund 70 Multiples, darunter so bekannte Arbeiten wie die Rose für direkte Demokratie oder die Capri-Batterie, sind in der Ausstellung zu sehen. Zeitzeugen-Interviews runden die Präsentation ab.

Welche Wirkkraft Beuys‘ Ideen bis heute entfalten, verdeutlicht exemplarisch Yoshua Okóns Arbeit Coyotería: Mit seiner Neuinterpretation von I like America and America likes me wagte sich der mexikanische Künstler an eine der spektakulärsten und bekanntesten Aktionen von Joseph Beuys. In einer New Yorker Galerie verbrachte Beuys 1974 drei Tage gemeinsam mit einem lebenden Kojoten. Das Tier repräsentierte die unbewältigte Vergangenheit und Ermordung der indigenen Bevölkerung Amerikas. In der künstlerischen Interaktion mit dem Kojoten suchte Beuys dieses gesellschaftliche Trauma gleichsam zu „heilen“.

Yoshua Okón knüpft an diese Aktion an und greift das Thema der Kolonisation auf. Der Künstler reinszeniert das Geschehen zwischen Beuys und dem Kojoten, verlegt es jedoch an die mexikanisch-amerikanische Grenze. So klingen aktuelle Fragen rund um Grenzkonflikte und Migration an. Okóns pointierte Neuinterpretation der Beuys’schen Kojoten-Aktion erweitert damit die Perspektive der Ausstellung über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten des BundeslandesBaden-Württemberg,WinfriedKretschmann, MdL.