In einem grünem Lichtnebel scheinen sich gelb funkelnde Planeten zu formieren. Oder erleben wir gerade ein Naturschauspiel der Polarlichter? Weder noch. Es sind Glühwürmchen, die auf sensiblem Fotopapier ihre Bahnen gezogen und dieses dabei mit ihren Leuchtsignalen belichtet haben. Am Werk des in Deutschland leben- den US-amerikanischen Künstlers Peter Miller ist immer noch zu spüren, dass er als Kind Zauberer werden wollte. Seine Vorliebe für Magie integriert er heute vor- wiegend in die Medien Film und Fotografie. Daneben stellt er auch Installationen und Skulpturen her, nimmt Interventionen im Raum vor und schließt an die Perfor- mancekunst der 1970er-Jahre an. In einer breiten Formen- und Materialvielfalt erforscht Miller die Geschichte der technischen Medien und deren grundlegende Elemente wie Licht und Chemie, Publikum und Flicker-Effekt, Optik und Perspektive.

Im Zeitalter der Digitalisierung mögen Millers Arbeiten, welche die analoge Fotopraxis ins Zentrum stellen, anachronistisch anmuten. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: In den letzten Jahren setzen sich immer mehr Künstler*innen mit analogen Techniken und der Dunkelkammer auseinander. Ihre Werke werden unter dem Label des „Analog Turn“ als kritische Gegenströmung zum Digitalen diskutiert. Peter Miller gehört zu den aufregendsten Stimmen dieser jungen Bewegung. Mit spielerischer Leichtigkeit verbindet er einen analytischen mit einem archäologischen Ansatz und tastet unseren Alltag auf seine mediale Relevanz hin ab. Seine Werke laden dazu ein, die Fotografie neu zu entdecken: So verwandelt er einen Briefkasten in eine Dunkelkammer (Envelope, 2020) oder sendet Fotolaborant*innen – ein Berufszweig, der seit der Verbreitung der digitalen Fotografie vom Aussterben bedroht ist – zu entschlüsselnde Geheimbotschaften (The Letter, 2009). Für eine andere Arbeit nimmt er einen lebenden Baum in sein Labor, um diesem anhand von Fotogrammen zu einem fotografischen Selbstporträt zu verhelfen (The Leaves, 2021). Oftmals reduziert er die übliche technische Anordnung, indem er entweder auf Kamera, Linse oder auf die chemische Behandlung seines Papiers verzichtet. Die Arbeiten, die er in seiner Wunderkammer schafft, laden zu einer Entdeckungsreise der analogen Medientechniken sowie zu einer Reflexion über die mediale Verfasstheit der uns umgebenden Welt ein.

Mit Peter Miller. Dear Photography präsentiert C/O Berlin die weltweit erste institutionelle Werkschau des Künstlers. Die Zusammenstellung verbindet zentrale Arbeiten aus den letzten 15 Jahren seines Schaffens mit zahlreichen neu für die Ausstellung entstandenen Objekten. Zwei eigens für C/O Berlin entwickelte partizipative Interventionen laden Besucher*innen dazu ein in der Ausstellung zu fotografieren, entweder mit einer besonderen Kamera oder in einer besonderen Umgebung. Ausgehend von Millers fotografischem Werk stellt die Ausstellung darüber hinaus Verbindungen zu den filmischen und performativen Aspekten seines Oeuvres her. Die Ausstellung wird ermöglicht durch den Hauptstadtkulturfonds.

Peter Miller (*1978 in Burlington, Vermont, USA) hat nach einer Lehre zum Silberschmied am School of the Art Institute of Chicago (SAIC) bildende Kunst studiert. Während eines Fulbright-Stipendiums hat er mit dem Experimentalfilmer Peter Tscherkassky in Wien zusammengearbeitet und im Anschluss eine Position an der Schule Friedl Kubelka für unabhängigen Film besetzt. Danach arbeitete er während eines DAAD-Stipendiums mit Matthias Müller an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Seine Werke wurden international ausgestellt, unter anderem im SFMOMA (2019), auf der 57. Biennale von Venedig (2017), der Biennale für aktuelle Fotografie in Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg (2017) und bei den Internationalen Film- festspielen in Berlin (2017), London (2012), Rotterdam (2009, 2013, 2015), Toronto (2012) und Wien (2013, 2016). Seit 2018 lehrt Peter Miller als Professor für Fotografie und zeitbasierte Medien an der Folkwang Universität der Künste, Essen. Er lebt in Essen und Paris.