In ihrer mehr als zwanzig Jahre umfassenden künstlerischen Praxis widmet sich Bea Schlingelhoff dem Erinnern vergessener weiblicher Biografien sowie der Auflösung von patriarchalen Gefügen, und zeichnet darüber hinaus die Kontinuitäten faschistischer Strukturen nach. Ein zentraler Aspekt ihrer Praxis ist die intuitive Auseinandersetzung mit der Geschichte ihrer jeweiligen Ausstellungsorte, wodurch sie deren sozio-politische (Macht-)Strukturen nachvollziehbar macht. Die Offenlegung dieser Verfasstheiten unternimmt die Künstlerin, deren Werk auch Zeichnung, Skulptur und Typografie umfasst, mittels ortsspezifischer Interventionen: Ergänzungen, Änderungen oder Subtraktionen auf architektonischer wie struktureller Ebene. Durch diese Umschichtungen macht sie tradierte Vorstellungen von räumlichen und juristischen (An-/Ver-)Ordnungen sichtbar. Formal nimmt ihre Arbeit hierbei eine Position zwischen klassischem Werkbegriff und Display ein.

Für ihre Einzelausstellung No River to Cross im Kunstverein München befasst sich Schlingelhoff mit der Vereinsstruktur sowie der NS-Geschichte des Kunstvereins und der seiner heutigen Lokalität. Ausgangspunkt dafür ist einerseits die Komplizenschaft des Kunstvereins mit dem NS-Regime sowie die Femeausstellung „Entartete Kunst“, die 1937 in den erweiterten Räumlichkeiten des heutigen Kunstvereins stattfand (bevor dieser 1953 dort einzog). Zum anderen formalisieren sich die für Schlingelhoffs Praxis charakteristischen langfristigen Eingriffe in (institutionelle) Strukturen in München durch den Vorschlag zur Änderung der Vereinssatzung. Dieser umfasst eine Entschuldigung des Kunstverein München für seine Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten sowie die Anerkennung der Mitverantwortung an den von ihnen begangenen Unrechtstaten und außerdem ein dauerhaftes Bekenntnis zu den Grundsätzen der Nicht-Diskriminierung und Gleichberechtigung. Der Vorschlag wurde den knapp 1.300 Mitgliedern des Kunstvereins bei einer außerordentlichen Versammlung am 19. August 2021 zur Abstimmung gestellt und mit einer deutlichen Mehrheit angenommen. Schlingelhoff setzt sich hierbei nicht zuletzt mit der Frage nach der Handlungsmacht von Künstler*innen gegenüber institutionellen Gefügen auseinander.

Im Rahmen der Ausstellung findet am Samstag, den 11. September um 15 Uhr ein Künstlerinnengespräch zwischen Bea Schlingelhoff und Gloria Hasnay statt. Außerdem erscheint anlässlich von No River to Cross die erste umfassende Publikation zu Schlingelhoffs Werk mit Beiträgen von Catherine Chevalier, Gloria Hasnay, Christina Irrgang, Helene Moll und Sadie Plant. Der Katalog wird gestaltet von HIT.

Die Ausstellung wird unterstützt von Pro Helvetia und der Kulturstiftung des Bundes.

Eröffnung: Freitag, 10. September, 12:00 - 22:00 Uhr


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 12:00 - 18:00 Uhr
Montag und an Feiertagen geschlossen.

Weitere Informationen direkt unter: kunstverein-muenchen.de

Bea Schlingelhoff, Art is Anti-Aggression, 2020. Courtesy die Künstlerin / the artist.
11.09. - 21.11.2021

Bea Schlingelhoff: No River to Cross

Kunstverein München e.V.

Galeriestr. 4
80539 München