Die Kunsthalle Bremen nimmt Darstellungen von Pablo Picasso zum Anlass, um unterschiedliche Körperbehaarung und vorherrschende Schönheitsnormen zu diskutieren. Auf einen Aufruf hin wurden über 1.000 Fotos eingereicht, die deutlich machen, wie vielschichtig und emotional die Auseinandersetzung mit Haaren sein kann. Mit einer Auswahl von knapp 60 Fotos möchte das Museum den vielfältigen Gedanken zu Haaren und individuellen Haar-Geschichten eine Stimme geben sowie Schönheitsideale und Gendernormen hinterfragen. Die Ausstellung „Haarige Geschichten“ wird in der Dauerausstellung im Skulpturen-Saal „Bilder vom Menschen“ präsentiert, um das Bild vom Menschen um das kleine, aber feine Detail Haare zu erweitern.

Gemessen an gängigen Schönheitsidealen hat jeder Mensch irgendwo am Körper zu viele oder zu wenige Haare. So wundert es nicht, dass Umfragen zufolge immer mehr Menschen ihren Körperhaaren den Kampf ansagen und sich rasieren, epilieren, zupfen, wachsen und sugarn. Auch in der Kunst findet eine Auseinandersetzung mit Schönheitsvorstellungen statt. Allerdings oder gerade deshalb werden Körperhaare an gewissen Stellen nur selten dargestellt. Die Kunstwerke aus der Sammlung der Kunsthalle Bremen sind da keine Ausnahme.

In der Ausstellung „Die Picasso-Connection“ sind sie allerdings doch zu finden: jene Bilder von Körperhaaren, die heutzutage vielfach mit Gefühlen von Scham, Unwohlsein oder Peinlichkeit besetzt sind. Diese Darstellungen hat die Kunsthalle zum Anlass für einen Call for Photos zum Thema „Haarige Geschichten“ genommen. Auf den Aufruf hin, Fotos von Körperbehaarungen in all ihren Facetten und damit verbundene Erinnerungen, Gedanken oder Erfahrungen einzureichen, sind mehr als 1.000 Fotos eingegangen. Die Fotos machen in ihrer überwältigenden Anzahl nicht nur die Relevanz des Themas für unterschiedliche Generationen, Geschlechter und Identität deutlich. Sie zeigen zugleich auch die Vielfalt des Themas: Die Geschichten umfassen humorvolle, nachdenklich stimmende und traurige Erfahrungen mit vorhandenen oder fehlenden Haaren auf dem Bauch, unter den Achseln, an den Beinen, im Gesicht oder auf dem Kopf.

Eine Auswahl der eingereichten Fotografien und ihrer Geschichten wird in der Dauerausstellung präsentiert und hierbei mit Skulpturen von menschlichen Körpern aus der Kunsthallen-Sammlung im Raum „Bilder vom Menschen“ und im Nebenraum in einen Dialog gesetzt. Denn die ausgestellten Skulpturen weisen zwar Haare auf dem Kopf auf, jedoch ist sonstige Körperbehaarung ausgespart. Die Fotografien vervollständigen somit das Bild vom Menschen und verleihen Körperbehaarung eine Sichtbarkeit. Das Museum möchte mit „Haarige Geschichten“ die Hinterfragung von Körper-, Gender- und Schönheitsnormen anregen.


Ausgewählte Geschichten zu eingereichten Fotografien:

Trauer in Pink, 2020, Clara Kaltenbacher (FAUL&HÄSSLICH.): „Mancherorts gleichen Achselhaare einer Revolution. Arbeitgeber X will mich fotografieren. Für ein Projekt. Über eine berühmte Feministin. Ich überlege mir am Tag davor, ob ich mich rasieren soll. Und denke mir dann so: Wieso sollte ich? Das ist doch ne olle Kamelle, diese Körperbehaarungen, haben doch inzwischen alle verstanden und ist ja auch irgendwie allen klar, dass Sexismus scheiße ist. Außerdem geht es um Feminismus. Gehe also unrasiert zum Shooting. Und dann sollen sie plötzlich wegretuschiert werden. Meine Achselhaare. Verkauft sich nicht so gut. Ok. Krass. Verrückt. Sie wollen lieber die unbehaarte, glatte Variante der Geschichte einer berühmten Feministin erzählen. Für die Zahlen. Aus Trauer habe ich meine Achselhaare dann pink gefärbt.“ (Maren Kraus (FAUL&HÄSSLICH.))

Peekaboo, 2020, Foto: Lorena Schumacher: „Seit 2016 leide ich an der Autoimmunkrankheit Alopecia Areata (kreisrunder Haarausfall). Vereinfacht bedeutet dies, dass mein Immunsystem sich gegen meine Haare gewendet hat und diese abstößt. Inzwischen ist kein einziges Haar mehr an meinem Körper und ich habe eine psychisch stark belastende Zeit hinter mir. Im April 2020 habe ich mich entschlossen, Alopecia öffentlich auf meinem Instagram-Kanal (www.instagram.com/anjoulaaa) zu thematisieren. Damit möchte ich vor allem anderen Betroffenen Mut machen. “ (Anjoula Hummel),

Inventory of my friends' Body Hair, 2021, Foto: Matias Sauter Morera: „Ich beschloss Porträts von mir und meinen Freunden zu machen, die alle wegen ihrer Körperbehaarung Ablehnung und ‚Body- Shaming' in ihren Gay-Communities erfahren haben, bevor sie nach Berlin zogen. Ursprünglich aus Kroatien, Chile, Costa Rica und Brasilien stammend, formulieren sie alle das Gefühl, nicht ganz in die Schönheitsnorm zu passen, die in einer ‚Mainstream-Schwulen-Kultur‘ herrscht, in der übermäßig trainierte ‚Gym-Bodies‘ und rasierte Brüste zur Norm dessen geworden sind, was schön ist. In Berlin hingegen fühlen sie sich alle frei und attraktiv. Schwule Männer in Berlin schätzen und suchen nach einer anderen Art von Schönheit. Körperbehaarung, natürlicher Geruch und unterschiedliche Körperformen sind in der Berliner Gay-Szene auch ein Pluspunkt für sexuelle Anziehungskraft. Generell sind die Menschen in Berlin offener für andere Konzepte von Männlichkeit, Geschlecht und Sexualität, was sich auch direkt darauf auswirken könnte, wie schwule Männer sich selbst wahrnehmen und damit auch, wie sie Schönheit wahrnehmen.“ (Matias Sauter Morera)

Monobraue, 2021, Foto: Max Braun: „Für mich ist die 'Monobraue' meiner 5-jährigen Tochter ihr Markenzeichen. Sie erinnert mich an Frida Kahlo und ich hätte gerne, dass meine Tochter später ebenso zu ihr steht. Sie ist Halb-Iranerin und viele andere persische Mädchen haben sie ebenfalls. Leider wird diesen schon früh beigebracht, sich ihre Augenbrauen dem Schönheitsideal entsprechend zu zupfen. Für meine Frau und mich sind ihre Augenbrauen wunderschön, so wie sie sind. Das versuchen wir ihr für ihre Zukunft mitzugeben.“ (Max Braun)

Marc, 2018, Foto: Melanka Helms: „Jedes Jahr findet in einem kleinen Bergdorf in Graubünden, in der Schweiz, ein skurriles Event statt: 'Das Alpenbarttreffen'. Ein Wettkampf um den schönsten natürlichen Vollbart. Der Bart, der früher als Symbol für Stärke und Zierde der Männlichkeit galt, entwickelte sich vor allem in der westlichen Welt zu einem Ausdruck von Individualität und einer Form von Mode. Man könnte meinen, es sei eine neue Art von Schönheitswettbewerb, bei all den hippen Mittzwanzigern mit ihren angewachsenen Modeaccessoires. Aber das stimmt nicht, Bärte werden in Chur bereits seit über 30 Jahren bewertet. Die Teilnehmer sind Männer der alten Garde, die mit den lokalen Traditionen verbunden sind. Die meisten von ihnen sind weit über 50 Jahre alt und pflegen ihre Bärte oft schon seit Jahrzehnten. Es ist interessant zu sehen, wie sich unsere Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit im Laufe der Zeit verändert - inzwischen werden Vollbärte wieder modern und selbst in Graubünden sind einige Hipster zu sehen.“ (Melanka Helms)

Ninya Lehrheuer, Blonde Füße, Fotosierie, 2021 Ninya Lehrheuer
22.05. - 19.09.2021

Haarige Geschichten. Bilder vom Menschen Teil 2

Kunsthalle Bremen

Am Wall 207
28195 Bremen