In der neuen Marta-Ausstellung „Trügerische Bilder – Ein Spiel mit Malerei und Fotografie“ ergründen sieben internationale Künstler*innen auf verblüffende Weise das Wechselspiel von fotorealistischer Wirkung und malerischem Ausdruck. Anhand von Videos, Installationen, Fotografien und Malereien erschaffen sie verführerische Bildräume, deren Entstehung und Zuordnung sich nicht auf den ersten Blick offenbaren. Es entspannt sich ein lustvoller Dialog zwischen der eigenen Wahrnehmung und dem bildlichen Gegenüber: Nicht die Entdeckung des Motivs steht im Vordergrund, sondern die Frage nach der Wahrheit der Bilder. Wie viel Wirklichkeit steckt in ihnen, von welcher Realität erzählen sie und wie sehr kann man dem ersten Eindruck trauen?

„Ich male, was nicht fotografiert werden kann, was aus der Fantasie, aus Träumen oder dem Unbewussten herrührt. Ich fotografiere die Dinge, die ich nicht malen möchte, die Dinge, die bereits eine Existenz vorzuweisen haben.“ (Man Ray, 1981)

Lange galt das Credo: Die Malerei bringt Geschichten hervor und eröffnet Illusionsräume. Die Fotografie dagegen vermittelt reale Zusammenhänge. Längst ist sie zum breiten kommunikativen Ausdrucksmittel geworden – doch können in dieser Bilderflut tiefere Bedeutungszusammenhänge überhaupt noch hergestellt werden? Worin besteht der dokumentarische Wert eines Bildes? Und bietet die Fotografie nicht heutzutage wie die Malerei vielmehr nur konstruierte Bilder? Neben den teils erstaunlich täuschenden Bildwelten können die Besucher*innen innerhalb der Gehry-Galerien auch eine kurzweilige Geschichte der Fotografie entdecken. Außerdem präsentiert sich die „Insel im Marta“ im neuen Gewand: Der belgische Künstler Adrien Tirtiaux (* 1980, Brüssel) verwandelt den fest eingerichteten museumspädagogischen Vermittlungsraum- und Arbeitsraum in eine Art Dunkelkammer, in der Bilder mit Hilfe von Projektionen durch die Besucher*innen direkt auf den Museumswänden nachgezeichnet werden können.

Die Fotografien von Dirk Braeckman (* 1958, Eeklo) zeigen dunkle, traumhafte Szenen, die die Betrachtenden über das Geschehene im Unklaren lassen. Die besondere malerische Qualität der Werke erzielt der Künstler durch Über- und Unterbelichtung des Abzugs, den gezielten Einsatz von Taschenlampen, Pinseln oder Besen, von Chemikalien und Staub. „E-101-92“ (1992) zeigt ein Rückenporträt, das mehr verbirgt als es preisgibt: Anstatt Gesicht, Haare und Haut detailreich in Szene zu setzen, erscheint der weibliche Akt wie eine Geistererscheinung, die von erotischer Intimität aufgeladen scheint und zugleich abweisend wirkt.

Die grafischen Werke von Tacita Dean (* 1965, Canterbury) erinnern durch die Überlagerung von handschriftlichen Notizen aus Kreide an kinematografische Storyboards, womit das Bild zu einem Ausschnitt einer größeren Erzählung wird. Die großformatige Fotogravüre „Quarantania“ (2018) verweist auf die biblische Erzählung über den „Berg der Versuchung“. Das Motiv basiert auf einem alten Albuminabdruck. Das Ätzverfahren, das bereits in der Mitte des 19. Jh. als Methode der Vervielfältigung entwickelt wurde, bringt die Vielzahl der feinen Nuancen der Grautöne hervor und lässt das Bild malerisch erscheinen. In diesem Prozess hat Dean dem Werk einen feuerroten Himmel hinzugefügt und damit eine halluzinogene Szenerie als Sinnbild für den Geisteszustand Christi nach vierzig Tagen ohne Nahrung geschaffen.

Ausgehend von ihren Seherfahrungen und mentalen Eindrücken konstruiert Vittoria Gerardi (* 1996, Venedig) ihre Bilder in der Dunkelkammer. In der Serie „Confine“ (2016—2019) thematisiert sie die naturgewaltige Schönheit und die existenzbedrohenden Extreme des Death Valley in den USA. Die malerisch wirkenden Hügelketten einer verwitterten Landschaft mit gleißendem Licht entpuppen sich nicht sofort als Fotografien. Für diese Bildwelten verwendet sie Teile von Negativen als Fragmente von Landschaften, nutzt Schablonen und setzt Belichtungszeit und chemische Prozesse als bildgebende Verfahren ein.

Anthony McCall (* 1946, London) eröffnet mit der Lichtarbeit „You and I (II)“ (2010) den Zugang in eine andere Welt: Seine Werke sind immer Zeichnung, Film und Skulptur zugleich. Ausgangspunkt für die Installation im Marta bildet eine animierte Linienzeichnung, die als filmische Lichtprojektion dreidimensionale Formen annimmt und vertikal in den Raum hineinragt. Durch den Einsatz von Nebel wird die räumliche Dimension des Werks erst sichtbar. Licht und Nebel wirken wie feste Baustoffe, die einen leuchtenden Vorhang formen, in den man sich schutzsuchend hineinbegeben kann.

Den Arbeiten von Radenko Milak (* 1980, Travnik) gehen lange Recherchephasen in Print- und Onlinemedien voraus. In groß angelegten Serien vertieft er sich in Themenkomplexe und überträgt diese Nachrichtenbilder in das Medium der Malerei. Der Künstler befragt damit die Mittel der Darstellbarkeit und unsere Wahrnehmung: Was geschieht, wenn dem fotografischen Abbild die Schärfe genommen wird und es im Gewand der Malerei erscheint? Mit der Serie „COVID-19 (2020)“ knüpft er an die Bilder der weltweit zirkulierenden Pandemie an und setzt sich mit der durch die Krise verursachten menschlichen Tragödie auseinander. Durch den fast ausschließlichen Einsatz von schwarzer Wasserfarbe erzeugen die Bilder von weitem den Anschein von Fotografien. Erst bei näherer Betrachtung offenbart sich der durchscheinende Farbauftrag.

Die menschenleeren Landschaften von Kelly Richardson (* 1972, Ontario)knüpfen an die Tradition der Malerei und Fotografie an, die Natur als Spiegel innerer Zustände zu begreifen. Wie auch bei „Pillars of Dawn (I) (2019)“überarbeitet sie akribisch fotografische oder filmische Aufnahmen realer Orte, animiert sie und versieht sie mit Sound zu einer neuen konstruierten Welt, die nicht mehr zwischen Realität und Erfindung unterscheidet. Mit ihrem silbrigen Schimmer wirkt die Landschaft wie eine Schwarz-Weiß-Fotografie auf Barytpapier.

Die malerischen Interieur-Darstellungen von James White (* 1967, Tiverton)erscheinen wie die perfekte Wiedergabe der alltäglichen Umgebung. Licht, Reflexionen, Schattierungen, Spiegelungen und Oberflächenbeschaffenheit stehen dabei im Mittelpunkt, wobei lediglich Fingerabdrücke oder herablaufende Wasserperlen auf Spuren menschlicher Anwesenheit verweisen. Wie in der Serie „Bodies (2020)“, in der zwei Bildausschnitte der vermeintlich gleichen Situation zu einer gemeinsamen Komposition zusammengefügt sind, gewinnt man den Eindruck, als würde man gestochen scharfe Fotos erblicken.

Wir danken den Ausstellungsförderern Kunststiftung NRW sowie dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Außerdem bedanken wir uns bei der Beisheim Stiftung für die Förderung des interaktiven Vermittlungsraums die „Insel im Marta“.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11.00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: marta-herford.de