Anlässlich des 100. Geburtstags von Joseph Beuys zeigt die Kunsthalle zu Kiel in einer Kabinett-Ausstellung Werke des Künstlers aus ihrem Bestand.

Beuys gilt als einer der bedeutendsten, aber auch umstrittensten Künstler des 20. Jahrhunderts. Die „Aktionen“ stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit. Dennoch nehmen die vielzähligen Multiples eine besondere Stellung in seinem Gesamtwerk ein. Es handelt sich dabei um kleine, in hohen Auflagen hergestellte und preiswerte Kunstobjekte. Bis zu seinem Tod stellt er über 550 Serien von Multiples her. Ganz im Sinne einer Demokratisierung der Kunst sieht er in solchen Auflagenwerken eine geeignete Möglichkeit, ein größeres Publikum erreichen und diesem seine Anschauungen näherbringen zu können. Im Bestand der Kunsthalle befinden sich zahlreiche Multiples und Druckgrafiken sowie mehrere Foto-Editionen von Joseph Beuys.

In der Ausstellung werden rund 35 Arbeiten präsentiert, unter anderem wichtige Multiples wie die Rose für direkte Demokratie (1973), Kunst = Kapital (1980) und Rhein Water Polluted (1981). Auch grafische Blätter wie die Serie Spur I (1974) sind zu sehen. Die Fotografien Output (1978) von Werner Krüger zeigen Beuys in Aktion und erzählen zugleich von der Selbstinszenierung des Künstlers in Filzhut und Anglerweste.

Am 12. Mai 1921 als Sohn eines Kaufmanns in Krefeld geboren, wächst Joseph Beuys zunächst im dörflichen Kleve auf. Schon während seiner Schulzeit ist er beeindruckt von den Werken Edvard Munchs, Auguste Rodins und William Turners. Mit 20 Jahren meldet sich Beuys freiwillig zur Luftwaffe der Wehrmacht und wird als Bordfunker ausgebildet. Während dieser Zeit wächst in ihm bereits der Wunsch, Künstler zu werden, und er fertigt erste Skizzen und Zeichnungen an. Sein Flugzeugabsturz 1944 über der Krim und seine Erzählung über die Rettung durch die Tataren, die ihn mit Filz und tierischem Fett gesund pflegen, werden zum Mythos. Auf diese Materialien greift er in seinem Schaffen später immer wieder zurück. 1947 beginnt er das Studium der Monumentalbildhauerei bei Joseph Enseling und Ewald Mataré an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Als Meisterschüler von Mataré entwickelt Beuys 1951 schließlich seine eigenen Techniken und Ausdrucksformen. Nur zehn Jahre später wird Beuys zum Professor für Monumentale Bildhauerei an der Düsseldorfer Kunstakademie ernannt. Entgegen seiner eigenen Aussage „Ich habe nichts mit Politik zu tun – ich kenne nur Kunst“ werden seine Arbeiten und sein Handeln zunehmend politisch. Er wird Mitbegründer der Grünen, strebt eine Überwindung der „Parteiendiktatur“ an und gründet die „Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“. Mit seinem vielfältigen Engagement schafft er sich damit Möglichkeiten zur Vermittlung seines erweiterten Kunstbegriffs und nutzt seine Ausstellungen, Aktionen und Vorträge zur Propagierung seiner radikal demokratischen Vorstellungen. Ab 1964 nimmt Beuys regelmäßig an der documenta in Kassel teil und richtet hier 1972 ein Informationsbüro anstelle der Präsentation eines Kunstwerks ein, um mit den Besucher*innen in einen gesellschaftspolitischen Diskurs über direkte Demokratie zu treten. 1976 stellt Beuys zum ersten Mal auf der Biennale in Venedig aus und erhält 1979 als erster deutscher Künstler eine Retrospektive im Solomon R. Guggenheim Museum in New York. Es folgen weitere umfassende Einzelausstellungen u.a. in der Nationalgalerie von Australien, 1982 und im Seibu Museum of Art in Tokio, 1984. Joseph Beuys erliegt am 23. Januar 1986 einer Lungenerkrankung in Düsseldorf.

Mit dem Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ (1968) wollte Beuys alle in der Gesellschaft ansprechen und verdeutlichen, dass jeder Mensch in der Lage ist, die Gesellschaft mitzugestalten. Er war ein Künstler, der mit Kunst das Leben zu verändern versuchte und den Kunstbegriff neu formen wollte. Dieser „erweiterte Kunstbegriff“ führte Beuys zur Theorie der „Sozialen Plastik“: Die Kunst ist nicht mehr nur das materielle Objekt an sich, sondern meint auch den Prozess des kreativen Denkens und Handelns des Menschen. Der Mensch sei dazu befähigt, durch eigene Schaffensprozesse zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen und die Gesellschaft positiv zu verändern, so lautete Beuys’ Überzeugung.