Die Welt steht Kopf im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden – denn dort ist ab dem 28. Mai 2021 der mehrfach preisgekrönte Experimentalfilm The Hymns of Muscovy von Dimitri Venkov zu sehen, der Besucher:innen auf eine Reise durch Raum und Zeit schickt.

Langsam, geradezu erhaben gleitet die Kamera über den Planeten Muscovy, einem Zwillingsplaneten von Moskau, auf dem die Großstadt umgekehrt wurde: Im Himmel von Muscovy hängend, ziehen die kolossalen Bauten des 20. und 21. Jahrhunderts vorbei, unter ihnen ein scheinbar unendlicher, blauer Ozean. Mit dem einfachen, aber gleichzeitig erstaunlichen Kunstgriff, die Großstadt auf dem Kopf stehend zu filmen, gelingt es Dimitri Venkov, das gigantische Ausmaß der Großstadt und ihrer monumentalen Architektur festzuhalten und bekannte Perspektiven zu revidieren. In den Fassaden der Gebäude spiegeln sich ästhetische und gleichsam historische und ideologische Entwicklungen Russlands wider: der sozialistische Klassizismus des stalinistischen Reiches, der Brutalismus der Moderne der Tauwetterperiode von Chruschtschow und die kühlen Glasfassaden des gegenwärtigen Hyperkapitalismus unter Putin.

Die eindrucksvollen Bilder werden von einer Neukomposition der russischen Nationalhymne durch den Komponisten Alexander Manotskov untermalt, wobei jede der drei elektronischen Variationen einem der drei Architekturstile entspricht.

Durch die fehlende menschliche Präsenz ist der Film eine Reise in eine Geisterstadt und gleichzeitig ein Kommentar über eine Metropole, in der historische und politische Ereignisse stets eng mit ästhetischen und architektonischen Machtdemonstrationen einer kleinen politischen Elite verbunden waren. Die Hymne wird zum Begleiter auf dieser Reise zu einer fliegenden Metropole, die aus Raum und Zeit gefallen scheint.

Über den Künstler /
Dimitri Venkov (*1980, Nowosibirsk, RUS) studierte Linguistik an der International University in Moskau, Filmstudien an der University of Oregon und Neue Medien der Rodtschenko-Schule für Fotografie und Neue Medien in Moskau. 2019 wurde er mit dem Moscow Art Prize ausgezeichnet, 2012 gewann er den Kandinsky Preis Junger Künstler des Jahres. Seine Filme wurden u. a. im Museum für Zeitgenössische Kunst Antwerpen, im Moscow Museum of Modern Art, auf der documenta 14 (Athen), im Garage Museum of Contemporary Art (Moskau), in der Whitechapel Gallery (London) und auf der 5. Moskau Biennale gezeigt.

Fotocredits: Dimitri Venkov The Hymns of Muscovy, 2017 (Videostill) © und Courtesy: Dimitri Venkov