Werke aus der Sammlung der Nationalgalerie, der Friedrich Christian Flick Collection im Hamburger Bahnhof und Leihgaben

Der Einfluss des menschlichen Handelns auf die Strukturen, Systeme und das Erscheinungsbild der Erde rief in den letzten Jahren eine breite und dringliche öffentliche Diskussion hervor. Die Ausstellung „Scratching the Surface“ im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin trägt diesen Veränderungen an der Oberfläche unseres Planeten Rechnung: Die in den Rieckhallen präsentierten Kunstwerke der späten 1960er-Jahre bis heute thematisieren sich verändernde Konzepte und Vorstellungen von Landschaft und Umwelt in den vergangenen sechs Jahrzehnten.

Phänomene wie Klimakrise, Artensterben, Übernutzung von Ressourcen und die Ausbreitung von Kunststoffen beschreiben verschiedene wissenschaftliche Disziplinen als Indiz für den Anbruch eines neuen geologischen Zeitalters: des Anthropozäns. Dieser 2000 von Paul J. Crutzen und Eugene F. Stoermer vorgeschlagene Begriff beschreibt, dass der Mensch (griechisch: anthropos) die Entwicklungen auf der Erde maßgeblich prägt. Schon früh warnten Forscher*innen vor den immer gravierenderen Folgen der Industrialisierung seit dem 19. Jahrhundert und die Bedrohung des fragilen ökologischen Gleichgewichts durch Raubbau und Verschwendung von Rohstoffen sowie die Freisetzung von Kohlendioxid durch fossile Brennstoffe. Während Bücher wie etwa Die Grenzen des Wachstums (1972) anfangs noch als alarmistisch und vereinfachend abgewertet wurden, sind einige dieser Prognosen nur fünfzig Jahre später längst spürbare Realität geworden.

Den Ausgangspunkt von „Scratching the Surface“ bilden Werke der späten 1960er-Jahre, eine Zeit gesellschaftlicher Umwälzungen und technologischer Fortschritte, als die ersten vom Weltall aus aufgenommenen Farbfotografien des Erdballs veröffentlicht wurden. Diese Aufnahmen veränderten das menschliche Bild von der Erde und schärften das Bewusstsein für ihre Verletzlichkeit, aber auch für ihre Objekthaftigkeit. In Westeuropa und den USA entstanden Kunstströmungen wie die Arte Povera oder die Land Art, die sich vom traditionellen Landschaftsbild abwandten und unter Einbeziehung unverarbeiteter organischer und anorganischer Materialien Projekte in und mit der Natur schufen. Robert Smithson, einer der Protagonist*innen der Land Art, bezeichnete sich 1972 als „geological agent“ (geologischer Akteur) und verwies im Kontext der Avantgarde der 1970er-Jahre auf das Hinterlassen dauerhafter Spuren des Menschen in der materiellen Substanz der Erde. In der Ausstellung ist die freie filmische Dokumentation von Spiral Jetty (1970) zu sehen, Smithsons ikonische Intervention in einem Salzsee in Utah, sowie die Filmarbeit Swamp (1971), die gemeinsam mit der Künstlerin Nancy Holt entstanden ist.

Andere Künstler*innen verstanden ihr Schaffen ausdrücklich als Mittel, um auf ökologische Probleme aufmerksam zu machen, wie etwa Nicolás García Uriburu, der auch Projekte mit Joseph Beuys realisierte. 1968 leitete er eine harmlose, aber toxisch aussehende fluoreszierende grüne Flüssigkeit in den Canale Grande in Venedig, um für einen Tag die ikonische Ansicht der Stadt zu verändern und Passant*innen für das Verhältnis von menschlichem Handeln und Natur zu sensibilisieren. Diese sowie weitere Aktionen sind in seiner Serie von Drucken Portfolio (Manifesto) (1973) dokumentiert. Zur gleichen Zeit setzte sich in Westdeutschland Bettina von Arnim kritisch mit den Themen Raumfahrt und industrielle Landwirtschaft auseinander. Ihre Gemälde sind von Maschinenwesen bevölkert, die sie Optiman (1969) nennt. Auch das Aufkommen der Videotechnik und anderer neuer Medien boten weitere Möglichkeiten der künstlerischen Interaktion mit der uns umgebenden Welt.

Zu diesen historischen Positionen kommen Werke von etwa Stan Douglas, Asta Gröting, Anna Jermolaewa, Toba Khedoori, Rhonda Roland Shearer und Diana Thater sowie neuere Arbeiten von u.a. Karimah Ashadu, Aline Baiana, Diana Barquero Pérez, Joana Hadjithomas und Khalil Joreige, Tsubasa Kato und Jeewi Lee. In der Zusammenstellung zeigt sich, wie sich das Verständnis von Landschaft und die Sensibilität für Umwelt bis in die Gegenwart verändert hat.

„Scratching the Surface“ wird in vier der fünf Rieckhallen gezeigt und erstreckt sich über eine Fläche von 2.800 m2. Sie ist die letzte Sammlungspräsentation, die auf die Leihgaben der Friedrich Christian Flick Collection zurückgreifen kann. Weitere Werke stammen aus den umfangreichen Schenkungen von 268 Werken von Friedrich Christian Flick (2008 und 2014) an die Nationalgalerie und verbleiben am Haus.

Hinweis: Aus konservatorischen Gründen findet während der Laufzeit eine Umhängung statt, sodass die Werke der auf der Künstler*innenliste Genannten nicht alle gleichzeitig in der Ausstellung vertreten sind.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum

Coronabedingt kann sich die geplante Laufzeit der Ausstellung kurzfristig ändern. Der Besuch ist derzeit ohne tagesaktuelles, negatives Schnelltestergebnis möglich. Zeitfenstertickets sollten weiterhin vorab online gebucht werden: smb.museum