Die Ausstellung im Sprengel Focus zeigt erstmals die Schenkung aus dem Nachlass von Jean Leppien, der zu den herausragenden abstrakten Künstlern der Nachkriegsmoderne gehört. Leppien studiert 1930 am Bauhaus in Dessau und anschließend Fotografie in Berlin. Ein Dutzend Gemälde, die 2023 dem Museum überlassen werden, sind in den Jahren 1946 bis 1991 entstanden und umfassen alle Schaffensperioden des 1910 in Lüneburg geborenen Künstlers, der 1933 nach Paris emigriert. In der Schenkung zeigt sich das breite Spektrum von Jean Leppiens technischen Fähigkeiten und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten.

Die verschiedenen Werkgruppen manifestieren Leppiens anhaltende Beschäftigung mit der Identität und Komposition von Bildern – beispielsweise in seinen frühen Gemälden mit organischen Formen, den UFOs oder den Kreuzarbeiten, an denen er Anfang der 1970er Jahre arbeitet. Von 1970 bis 1976 entstehen zahlreiche Werke, in denen das Kreuz vollflächig oder als Linie vereinzelt oder in Gruppen angeordnet erscheint. Grautöne und gedeckte Farben finden Verwendung und materialisieren sich auf verschiedene Weise, indem sie gespachtelt, gestrichen oder auch als farbige Elemente aufgeklebt werden.

Sprengel-Kuratorin Carina Plath: „Leppiens Gemälde weisen zahlreiche Verbindungen zu unserer Sammlung auf, darunter Einflüsse von Bauhaus-Meister Paul Klee und Willi Baumeister. Zugleich repräsentieren sie auf eigenständige Weise ein komplexes Œuvre. Besonders herausragend innerhalb der Schenkung ist Leppiens letztes Werk „Postsack“ von 1991, in dem er einen Postsack, der teilweise mit einem Rechteck aus weißer Ölfarbe übermalt ist, verarbeitet hat. Es ist ein abstraktes Bild und gleichzeitig eine Reflexion seiner Emigration sowie der Bedeutung des Briefeschreibens in Krisenzeiten.“

Leppiens bewegte Biografie – von der Ausbildung am Bauhaus Dessau über die Emigration nach Frankreich, Internierung und Flucht bis zur Zugehörigkeit zu Künstler*innengruppen wie "art abstrait" – repräsentiert viele künstlerische Schicksale und Werdegänge.

Die Erbengemeinschaft, insbesondere der kürzlich verstorbene Senator h.c. Thomas Leppien und seine Frau Karin Leppien, haben die fortlaufende Auseinandersetzung mit Leppiens Œuvre gefördert. Bereits im Jahr 2011 erreichte sie einen ersten Höhepunkt mit einer Ausstellung im Sprengel Museum Hannover.

BIOGRAFIE
Jean Leppien wird als Kurt Johannes Leppien am 8. April 1910 in Lüneburg geboren. Von 1929 bis 1930 studiert er am Bauhaus Dessau bei Josef Albers, Wassily Kandinsky und Paul Klee. Von 1931 bis 1933 schließt der Künstler ein Fotografie-Studium bei Lucia Moholy und László Moholy-Nagy in Berlin an. Dort lernt er 1932 die jüdische Ungarin Suzanne Markos-Ney (1907-1982) kennen, eine BauhausSchülerin, Fotografin und Weberin. Im März 1933 emigrieren beide nach Paris, wo sie als Grafiker*innen arbeiten. 1939 wird Leppien im Arbeitslager von Marolles interniert und meldet sich als Gegner des NS-Staates in der Légion Étrangère. Aus Furcht vor Repressalien führen Jean und Suzanne Leppien von 1940 bis 1944 ein zurückgezogenes Leben in Sorgues, wo sie 1941 heiraten. 1944 verhaftet die Gestapo Suzanne Leppien und deportiert sie in das KZ Auschwitz. Jean Leppien wird in Paris von einem deutschen Kriegsgericht zu sieben Jahren Zuchthausstrafe begnadigt. Er überlebt zahlreiche Gefängnissaufenthalte und wird am 25. April 1945 befreit. Einen Monat später trifft er seine Frau in Paris wieder. Das Paar lebt zunächst in Nizza. Schließlich wird neben Paris der Ort Roquebrune-Village ihre Heimat, auch bekannt als Wirkungsstätte von Eileen Gray und Le Corbusier. Leppien pflegt Kontakte zu Serge Poliakoff, Michel Seuphor, Pierre Soulages und Victor Vasarely.

Leppien wird Mitglied des Pariser Salons des Réalités Nouvelles und stellt dort von Beginn an regelmäßig aus. 1948 erhält der Maler den Prix Kandinsky als prix d’encouragement neben dem Hauptpreisträger Max Bill. Durch seine Übersetzungen von Kandinskys Schriften entwickelt er sich zum Bauhaus-Experten. Mit Nina Kandinsky steht er in engster Verbindung. 1953 erlangt er die französische Staatsbürgerschaft und wird 1987 vom Kulturministerium zum Offizier des Ordre des Arts et des Lettres berufen.

Jean Leppien stirbt am 19. Oktober 1991 in Paris und wird in Roquebrune-Village beigesetzt.