„Unsere Beziehung zum Wasser muss sich um eine Ethik der Liebe drehen. Wir müssen uns jeden Tag fragen: Was habe ich heute für das Wasser getan?“ Dr. Kelsey Leonard

Von schmelzenden Gletschern und Meeresspiegelanstieg bis zu Sturmfluten, Dürre und Verschmutzung: Wasser betrifft uns alle. Auch wenn die Klimakrise hierzulande zunehmend spürbar ist, verteilen sich die drastischsten Auswirkungen doch ungleich entlang des kolonialen Machtgefälles. Am stärksten betroffene Gemeinschaften verfügen vielfach über erfahrungsbasierte Kenntnisse und überliefertes Wissen, die sich beim Schutz der Gewässer und Ökosysteme bewährt haben. Die Ausstellung Wasser Botschaften erkundet ökologisches Wissen und Wassergeschichten, die in den Sammlungen gespeichert sind, und setzt diese in Beziehung zu gegenwärtigen Wasserschutz- und Klimabewegungen. Anhand von zeitgenössischen Werken aus Kunst und Design beleuchtet die Ausstellung lokale Wasserkrisen und stellt neue Anwendungen für althergebrachte Techniken und Praktiken vor. Sie lädt dazu ein, den Botschaften des Wassers Gehör zu schenken und regt dazu an, Verantwortung für die Gewässer zu übernehmen, die uns umgeben und Leben spenden.

Die Ausstellung
Die Ausstellung gliedert sich in vier Bereiche: „Leben mit Wasser“, „Wasser Verwandtschaften“, „Wasser ist Leben!“ und „Das Wasser schützen – für Klimagerechtigkeit kämpfen“.
„Leben mit Wasser“ beschäftigt sich mit der Frage, wie Gemeinschaften mit den konkreten Auswirkungen von Meeresspiegelanstieg, Eisschmelze oder Überschwemmungen durch Rückgriff auf überliefertes Wissen umgehen. Dies wird in der Ausstellung zum Beispiel anhand eines historischen Bootsmodells von den Marshallinseln greifbar, dessen Design heute zur Entwicklung von klimaneutralen Schifftransporten herangezogen wird. Das Programm Waan Aelõñ in Majel (WAM) wurde in den späten 1990er Jahren in Majuro gegründet, um das während der Kolonialzeit unterdrückte Wissen zu Navigation und Bootsbau im Rahmen von Workshops an die nächste Generation weiterzugeben. Auch wenn das historische Bootsdesign in diesem Kontext heute wieder Anwendung findet, kann beim Bootsbau nicht mehr auf den herkömmlich dafür verwendeten Brotfruchtbaum zurückgegriffen werden. Dessen Bestände sind aufgrund des steigenden Meeresspiegels und der Versalzung des Grundwassers stetig zurückgegangen. So wird deutlich, wie eng der Erhalt von Biodiversität mit dem Überleben kultureller Praktiken zusammenhängt.

Überall auf der Welt erzählen sich Menschen bis heute Geschichten und üben kulturelle Praktiken aus, die die Verbindungen zwischen Wasser, dem Leben und den Ursprüngen der Menschheit bestätigen. Dies wird im zweiten Kapitel „Wasser Verwandtschaften“ thematisiert. Wassergeister-Masken der Ijo verweisen auf die engen Beziehungen, die die Menschen im Niger Delta zu den Feuchtgebieten und ihrer Pflanzen- und Tierwelt pflegen. Obwohl die meisten Ijo christlichen Kirchen angehören, spielt die Vorstellung der von übernatürlichen Wesen bevölkerten Wasserwege des Deltas bis heute eine große Rolle. Bestimmte Abschnitte der Flüsse und Bäche dienen Wassergeistern, die sich als Tiere oder Mischwesen manifestieren, als Lebenswelt. Von ihnen erlernten die Menschen ihre Maskentraditionen. Den Masken werden drei großformatige, afrofuturistische Fotografien des Künstlers Wilfred Ukpong aus der Reihe Blazing Century 1 (2017) gegenübergestellt, die vor dem Hintergrund der verheerenden Umweltzerstörung im Nigerdelta durch die Erdölförderung transnationaler Unternehmen entstanden. In Zusammenarbeit mit vor Ort lebenden Jugendlichen und Wissensträger:innen, konzipierte Ukpong eine Fotoserie, die sich den Naturraum jenseits von kolonialer Ausbeutung und Umweltkatastrophen vorstellt.

Ausgehend von dem Grundsatz „Wasser ist Leben“, stellt das dritte Kapitel koloniale und kapitalistische Vorstellungen von unbegrenztem Fortschritt in Frage, die Wasser als auszubeutende natürliche Ressource oder Ware betrachten.
Die mäandernde Kunstbuch-Collage „Serpent River Book“ (2017) der britischkolumbianischen Künstlerin Carolina Caycedo versammelt visuelles und schriftliches Material, das die Künstlerin während ihrer Arbeit in Gemeinden gesammelt hat, die von der Industrialisierung und Privatisierung von Flusssystemen betroffen sind. Am Beispiel des Río Atrato in Kolumbien thematisiert die Ausstellung eine ökologische Rechtsphilosophie, die Flüssen, Seen und Ozeanen – wie Menschen oder gar Unternehmen – inhärente, schützenswerte Rechte zuspricht. Die Wandinstallation „Somos Atrato“ (2023) stellt die Gesetzgebung T-622 vor, die dem Atrato 2016 Personenrechte zusprach und ein Gremium aus Wächter:innen einsetzte, die sich proaktiv für den durch industriellen Goldabbau verseuchten Fluss einsetzen.

Im vierten Kapitel „Das Wasser schützen - für Klimagerechtigkeit kämpfen“ kommen verschiedene Wasserschutz- und Klimagerechtigkeitsinitiativen zu Wort, die an der Schnittstelle von Klimaschutz und Dekolonisation agieren. Mit vier Arpilleras sind brasilianische Frauenkollektive des Movimento dos Atingidos por Barragens (Bewegung von durch Staudämme betroffenen Menschen) vertreten, deren aus Jutegeweben und Stoffresten hergestellten Bildcollagen die Auswirkung von Staudämmen und Staudammbrüchen auf ihre Gemeinschaften festhalten. Neben der durch die Lakota in Nordamerika ins Leben gerufenen Bewegung Mni Ki Wakan (Wasser ist heilig), werden auch die Pacific Climate Warriors mit ihrer Raise a Paddle- Kampagne vorgestellt. Diese tragen bei ihren öffentlichkeitswirksamen Auftritten charakteristische Kleidung, Schmuck und Utensilien ihrer jeweiligen Inselkulturen, um ihre enge Verbundenheit mit den Inseln und Atollen zu verdeutlichen, sich für ihren Erhalt einzusetzen und auf deren Bedeutung für ihre kulturellen Praktiken zu verweisen. Sie inszenieren sich dabei als „Krieger:innen“, um sich dem Bild passiver Klimaopfer zu verweigern.

Konzeption und Planung
Europe Programm finanzierte Taking Care- Projekt begann 2019 im Oktober und brachte dreizehn Museen mit Weltkulturen-Sammlungen aus ganz Europa zusammen. Ziel war es, den Austausch zu fördern und gemeinsam die Verbindungen zwischen ethnografischen Sammlungen, der Klimakrise und dem kolonialen Erbe durch Workshops, Konferenzen, Kunstresidenzen und experimentellen Ausstellungen zu erkunden, die von den jeweiligen Partnermuseen organisiert wurden.

Die Ausstellung wurde in enger Zusammenarbeit mit einem dafür einberufenen Wasser Think Tank konzipiert, um Perspektiven mit einzubeziehen, die sich schon lange für den Wasserschutz einsetzen. Dazu gehören Dr. Kelsey Leonard, Mitglied der Shinnecock Nation, Wasserschützerin und Assistenzprofessorin an der Fakultät für Umwelt der Universität von Waterloo in Kanada. Sie bereichert die Ausstellung durch Beiträge zu Wasserschutz-Bewegungen, Wasser-Kulturen und Ökologien in Nordamerika, insbesondere der Regionen rund um die Großen Seen und entlang der Atlantikküste. Carolina Caycedo, eine britisch-kolumbianische Künstlerin und Aktivistin, befasst sich mit den ökologischen und sozialen Auswirkungen von Staudammbau und –rückbau in den Amerikas. Sie ist nicht nur mit zwei Arbeiten in der Ausstellung vertreten, sondern vermittelte auch wichtige Kontakte zu Kulturschaffenden und Aktivist:innen in Südamerika. Weiteres Mitglied des Think Tanks ist Oladosu Titilope Adenike, eine Klimaaktivistin und Ökofeministin, die sich für die Rettung des Tschadsees und den sicheren Lebensunterhalt von Frauen und Mädchen in der Region einsetzt.

Für die Gestaltung der Ausstellung konnte das MARKK das in London basierte RESOLVE Kollektiv gewinnen. Es legte dem Gestaltungskonzept ein fiktives Überschwemmungsszenario mit anschließender Trockenlegung zugrunde, bei dem sich die Ausstellungsmöbel der vorausgegangenen Ausstellung als „Treibgut“ in neue architektonische Konstellationen fügten. Damit erfüllen sie auch bei Wasser Botschaften ihren Anspruch, vorhandene Werkstoffe und Materialien des Projektortes soweit wie möglich zu recyceln. Ein weiterer Bestandteil ihrer vom Social Design geprägten Arbeitsweise ist die Gestaltung gemeinsam mit und für junge Menschen und unterrepräsentierte Gruppen in der Gesellschaft. Diese Zusammenarbeit war Dank, der Stadtteilschule Wilhelmsburg, Beruf und Integration Elbinseln sowie den Wilhelmsburger Zinnwerken, möglich.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Mittwoch: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 21:00 Uhr
Freitag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: markk-hamburg.de

Wasser Botschaften Maske mit Raubwal Tony Hunt Jr. Kwakwaka´wakw, 1978 © MARKK, Foto: Paul Schimweg
25.02. - 31.10.2023

Wasser Botschaften

Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt

Rothenbaumchaussee 64
20148 Hamburg