Firelei Báez, Semiha Berksoy, Anna Betbeze, Anna Boghiguian, Hugo Canoilas, Beatriz González, El Hadji Sy, Donna Huanca, Helen Johnson, Lee Kit, Victor Man, Thao Nguyen Phan, Khalil Rabah, Raphaela Vogel

„Durch die Kunst nur vermögen wir aus uns herauszutreten und uns bewusst zu werden, wie ein anderer das Universum sieht, das für ihn nicht das gleiche ist wie für uns und dessen Landschaften uns sonst ebenso unbekannt geblieben wären wie die, die es möglicherweise auf dem Mond gibt."
Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, 1913

Mit dieser Ausstellung wollen wir einen Dialog mit einer traditionellen Kunstform führen – mit der Malerei. Für unsere Annäherung an sie verwenden wir das Wort Karneval, weil es Ausgelassenheit und Freude bedeutet, hinter ihm zugleich aber auch eine gewisse Unsicherheit, ja, sogar Melancholie aufscheint. Der Karneval ist eine ursprünglich westlich- christliche, bis in die Antike zurückreichende Zeit des Feierns und hat auf der ganzen Welt unzählige synkretistische und kulturelle Transformationen erlebt. Als soziale Transformation oder auch als Instrument unterschiedlicher Gruppen lenkt der Karneval die Aufmerksamkeit auf Konflikte und Missverhältnisse. Wir hoffen, diese Bedeutung auf eine Diskussion über zeitgenössische Malerei übertragen zu können.

Die Malerei in der westlichen Hemisphäre scheint von einer Reihe unausgesprochener Regeln beherrscht zu werden. Sie begrenzen den Einfluss, den sie in unseren ästhetischen Diskursen haben könnte. Der Kunstkritiker Clement Greenberg hatte eine äußerst rigide Vorstellung von ästhetischer Erfahrung und ihrer Autonomie. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zum Paradigma der westlichen Malerei und besteht bis heute latent fort. Um es klar und deutlich zu sagen: Greenberg lehnte die soziale Rolle der Kunst grundsätzlich ab. Die Wirkungen, die von einer solchen Malerei ausgingen, prägten dabei in ganz wesentlicher Weise den Kunstmarkt, und sie tun das bis heute.
Wie ihr Titel schon andeutet, erweitert diese Ausstellung den Rahmen der Betrachtung, um einen anderen Blick auf die Malerei zu werfen und eine Reihe von Aspekten zur Diskussion zu stellen. Sie wird den Blick auf die Malerei erweitern und internationale Künstlerinnen und Künstler wie Entwicklungen der Malerei von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart ins Zentrum der Betrachtung stellen, die in westlichen Veranstaltungsorten lange Zeit vernachlässigt wurden. Unsere Ausstellung wird Fortschritte hervorheben, die von einer jüngeren Generation von Künstlerinnen und Künstlern gemacht wurde, die die Grenzen der Malerei weit über den bloßen Rahmen und die Leinwand ihrer Bilder hinaus verschoben und auf die Auseinandersetzung mit dem Sozialen und Politischen ausgedehnt haben. Und sie wird eine zeitgenössische Szene internationaler Malerei in der Vielfalt ihrer künstlerischen Ansätze beleuchten, die Diversität ihres diskursiven Engagements im Medium der Malerei demonstrieren und die Art und Weise, wie diese Malerei einer Vielzahl individueller Ausdrucksformen wie Performance, Bewegtbild, Skulptur, etc. kulturübergreifend Form und Gestalt verleiht.

Schließlich wird auch deutlich, dass die Geschichte der Malerei als eine Reihe von Konflikten, Auseinandersetzungen und widersprüchlichen Entwicklungen erzählt werden muss, von denen viele bis heute in starkem Maße ungelöst sind. Jeder Versuch zu verstehen, was die Malerei sein könnte, muss dieser Komplexität sowohl in historischer als auch in zeitgenössischer Hinsicht Rechnung tragen. Diese Ausstellung beleuchtet daher die sehr unterschiedlichen Formen engagierter malerischer Praxis in gleichberechtigter Weise. Ganz im Geiste des Karnevals, der alle Hierarchien in Frage stellt zu Gunsten einer Vielzahl von Positionen und Haltungen. Wir schlagen vor, die Malerei nicht als ordentlichen und strukturierten Diskurs zu betrachten. Was vielmehr ein solches „Medium" oder eine solche „Disziplin" im heutigen nicht-disziplinären Feld der Kunst ausmacht, ist ein karnevalesker Raum. Einer, in dem das Performative, Körper, Künstlersubjekte und ihre Gesten sowie ihre vielfältigen, globalen Geschichten und Bedeutungen formal gleichberechtigt sind und in der wir auf spielerische und künstlerische Weise unserem gemeinschaftlichem Leben einen Sinn geben.
Kuratiert von Bettina Steinbrügge und Nicolas Tammens.

Die Ausstellung entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, der ZEIT-Stiftung, der Körber-Stiftung und dem Bundeskanzleramt.


Opening@Home
5.3.2021, 19 Uhr
Redner*innen / Speakers: Bettina Steinbrügge & András Siebold

Digitale Kurator*innenführung / Digital Curator's Guided Tour
Abrufbar ab dem / Available from 7.3.2021 auf unserer Website / from our Website

#DIALOGUES
Anmeldung / Registration unter / at: presse@kunstverein.de


6.3.2021, Online ab 15 Uhr
Raphaela Vogel im Gespräch mit / in conversation with 
Nicholas Tammens


11.3.2021, 18.30 Uhr
Hugo Canoilas im Gespräch mit / in conversation with
Bettina Steinbrügge (Live)


18.3.2021, 18.30 Uhr
Anna Betbetze im Gespräch mit / in conversation with
Bettina Steinbrügge (Live)


1.4.2021, 11 Uhr
Helen Johnson im Gespräch mit / in conversation with
Nicholas Tammens (Live)


8.4.2021
El Hadji Sy und / and Clémentine
Deliss im Gespräch mit / in conversation with Bettina Steinbrügge (Live)


15.4.2021, Online ab 15 Uhr
Lee Kit im Gespräch mit / in conversation with Bettina Steinbrügge