Mit ihren aktuellen Arbeiten, die erstmals in der Kunsthalle gezeigt werden, verlässt Louisa Clement das vertraute Terrain scheinbar eindeutiger körperlicher Festschreibungen und erschafft mit ihren Repräsentantinnen (2021) eine Art Hybridwesen, die sich einer eindeutigen Klassifikation entziehen.

Dabei baut sie auf ihrer kontinuierlichen, konzeptuellen Beschäftigung mit der Transformation des Körpers auf, die sie eng mit der Veränderung zwischenmenschlicher Kommunikation verknüpft. Nach langer, intensiver physischer und psychischer Vorbereitung kreiert Clement mittels innovativer technologischer Verfahren für Körperscans, Mikrofotografie sowie filmischer Bewegungsstudien das perfekte Abbild von sich selbst. In Zusammenarbeit mit einer chinesischen Firma, die sich auf die Produktion von Sexpuppen spezialisiert hat, entstehen aus ihren Körperdaten lebensgroße Puppen von ihrer Statur, die überdies mit dem Hautton und der Oberflächentextur einzigartige körperliche Merkmale der Künstlerin nachahmen. Beweglich und sexuell funktionstüchtig, tragen die Repräsentantinnen nicht nur das Antlitz ihrer Schöpferin, sie sind überdies so programmiert, dass sie Gesichtsausdrücke von Louisa Clement – sofern technisch möglich – zu imitieren vermögen.

Äußerlich kaum vom lebenden Vorbild unterscheidbar, stattet die Künstlerin ihre Repräsentantinnen auch mit mentalen Anteilen von sich selbst aus. Auf Basis von 2.000 persönlichen Fragen, die die Künstlerin zuvor wahrheitsgemäß beantwortet hat, erstellt die künstliche Intelligenz (KI) einen auf Algorithmen basierenden Charakter, der überdies mit Wissen aus dem Internet gespeist ist.

Im Unterschied zur optischen Ähnlichkeit zwischen Clement und ihren Repräsentantinnen entscheidet sich die Künstlerin dagegen, ihnen die Klangfarbe ihrer eigenen Stimme zu verleihen. Stattdessen klingt der Tonfall der Puppen bewusst mechanisch, und auch ihre Stimme erinnert an Sprachassistent*innen im Smartphone oder Navigationssystem. Das verleiht den Puppen einen subtilen Grad an Autonomie, der sich im Laufe der Zeit steigert und sich durch sprachliche Interaktion zunehmend individualisiert: In englischer Sprache können die Repräsentantinnen mit Ausstellungsbesucher*innen kommunizieren, lernen durch die Gespräche dazu und entwickeln so ihre ‚Persönlichkeiten’ stetig weiter.

Bereits während ihres Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf setzt sich Louisa Clement in ihrem Werk thematisch mit der Veränderung der zwischenmenschlichen Kommunikation insbesondere im digitalen Raum auseinander, mit Schwerpunkt auf den sozialen Medien, wie Instagram und TikTok. Hier beobachtet sie die vermehrte Zurschaustellung idealisierter Selbstdarstellungen. Die online präsentierten Identitäten bewegen sich oftmals fernab des eigenen Selbst und treten vielmehr als verklärtes Wunsch-Ego in einer makellosen Scheinwelt auf. Ziel dieser Selbstdarstellungen ist der Wunsch zu gefallen, was sich in Form sogenannter ‚Likes‘ für alle sichtbar manifestieren soll.

Die Künstlerin thematisiert diese wachsende Schwierigkeit bei der Einordnung dessen, was real ist und was idealisiert, durch den Titel der Ausstellung auch auf der sprachlichen Ebene. Der Begriff ‚Double Bind‘ stammt aus der Kommunikationstheorie und beschreibt eine sogenannte Doppelbotschaft sowie die damit verbundenen Auswirkungen. Bei einem ‚Double Bind‘ werden durch Tonfall, Gestik oder Handlung gegensätzliche Aussagen und Signale transportiert (Beispiel: Die Aussage „Ja“ wird mit einem Kopfschütteln verbunden). Gleichzeitig knüpft Clement in der Ausstellung mittels Videos, Objekten und Fotografien visuell an medienhistorische Vorstellungen von Frauenkörpern als Automaten und Puppen an wie z.B. Olympia in E.T.A. Hoffmanns Sandmann über Hans Bellmers Puppen-Körpermodule bis hin zu Fritz Langs Metropolis oder Pierre Moliniers pornografisch-groteske Collagen.

Durch die Exponate und Werkserien können Besucher*innen die Brüchigkeit einer ‚schönen neuen Welt‘ erleben. Schwere Bronzehüllen (Moulds, 2019-2020), die wie leere Kokons auf dem Boden der Kunsthalle liegen, zeugen vermeintlich von der Entstehung der künstlichen Körper. In Verschränkung mit den lebensgroßen Fotografien der Serie Body (2019) erheben sich die Negativformen der Abgüsse durch digitale Aufnahmen und die Anwendung verschiedener Filter zu voluminösen, konvexen Körpern, die schließlich in den Objekten der Repräsentantinnen kulminieren. Die Videoarbeiten der Serie Circling Heads (2019), in denen sich auf sechs Monitoren überlebensgroße Köpfe von Schaufensterpuppen um die eigene Achse drehen, erwecken Assoziationen an Aufnahmen aus dem MRT, auf denen der strukturelle Aufbau eines Gehirns sichtbar gemacht wird.

Double Bind spielt mit der Wahrnehmung der Besucher*innen. Hat es einerseits den Anschein, Louisa Clement sei selbst im Raum und permanente Besucherin ihrer eigenen Ausstellung, werden in anderen Momenten die maschinellen, roboterartigen Anteile der Puppen deutlich. Dieser Eindruck wird unterstützt von den Fotografien der Serie Gliedermensch (2017), in der sich goldglänzende Gelenke zwischen den Körperteilen der Schaufensterpuppen als offensichtlich künstliche Scharniere deutlich offenbaren. Dem gegenüber stehen die neusten fotografischen Arbeiten mit dem Titel body fallacy (2021) in denen die rosige Oberfläche der künstlichen Körper sich kaum von Nahaufnahmen der menschlichen Haut unterscheidet. Die dargestellten Areale und Gliedmaßen weiblicher Körper sind mit leichter Unschärfe inszeniert und suggerieren so die Weichheit und Wärme menschlicher Haut.

Indem Clement ihre Repräsentantinnen begrifflich wie titelgebend als eine Art Stellvertreterinnen ihrer selbst öffentlich auftreten lässt und für sie spricht, betont sie deren hybriden Charakter und hinterfragt das binäre System von Ich und Du, von Ich und die Andere. Dies überträgt sich auf weitere Begriffe, und im Angesicht eines nahezu perfekten Selbstbildnisses lösen sich Kategorien von Original und Abbild, Puppe und Klon, Mensch und Roboter auch physisch zunehmend auf.

Zur Ausstellung erscheint im Kettler Verlag ein Katalog mit Texten von Nadia Ismail, Lisa Felicitas Mattheis, Susanne Regener, Noemi Smolik und Thomas Trummer. Die Publikation funktioniert als eine Art Logbuch. Darin wird u.a durch Texte verschiedenen technischen, psychologischen, philosophischen, ökonomischen und ethischen Fragen nachgegangen, die sowohl aus Sicht der Repräsentantinnen als auch der Künstlerin auf persönliche Weise beantwortet werden.