ALL LINED UP zeigt Charlotte Johannesson (*1943, Malmö, Schweden) in einer ersten umfassenden Einzelausstellung in Deutschland. Johannesson arbeitet mit so verschiedenen Medien wie Textil, Plotterdruck, Malerei und digitalen Diapräsentationen. Ihr Interesse gilt einer antidisziplinären Symbolik, Zirkulation von Wissen und einem kontinuierlichen Streben nach Innovation. Die Ausstellung reicht von frühen Textilarbeiten der 1970er Jahre über Computergrafiken der 1980er bis hin zu aktuellen computergefertigten Textilien.

Charlotte Johannessons künstlerische Praxis verbindet die handwerkliche Technologie des Webstuhls mit der digitalen Technologie der Computerprogrammierung und erforscht deren formale und konzeptionelle Verbindungen. Als Weberin ausgebildet, begann die Künstlerin bereits in den späten 1960er Jahren Wandteppiche zu produzieren, um politische und gesellschaftliche Strukturen kritisch zu kommentieren. Zeitgenössische Reflexionen und nicht-westliche Motive finden Eingang in diese frühen Arbeiten sowie Texte und Slogans, die der Konkreten Poesie nahestehen.
Johannesson entwickelte ihre Arbeiten in selbstorganisierten und außerinstitutionellen Kontexten und ihre Praxis ist in vielerlei Hinsicht radikal: Weder der Webstuhl noch der Computer wurden zu Beginn ihrer Tätigkeit als künstlerische Medien anerkannt. Wie Johannesson den Webstuhl einsetzt, politisch aktiviert und mit digitalen Musterungen verbindet, unterwandert zudem jegliche geschlechterspezifische Normierung und binäre Zuordnung (der Webstuhl als Werkzeug für die Hausarbeit der Frauen). Stattdessen verortet sich die Herangehensweise der Künstlerin in den Gegenkulturen der 1960er und 70er Jahre, der Punkbewegung, des Feminismus und der beginnenden digitalen Bewegung.
 
1978 gründete sie mit ihrem Partner Sture Johannesson das Digital Theatre in Malmö als erstes digitales Kunstlabor in Skandinavien. Es bestand aus sieben Computern, Druckern, Monitoren und Synthesizern und wurde als eines der fortschrittlichsten Apple-Systeme seiner Zeit beschrieben. Für die so genannten „Mikro-Performances“ entwarf Johannesson Computergrafiken zwischen popkultureller Symbolik und grafischer Abstraktion. Später entwickelte sie dieses Verfahren weiter und gestaltete zahlreiche geplottete Drucke, die auf die Maße des Webstuhls codiert wurden und progressive, fast schwerelose Motive aus Pixeln, Mustern, Rasterungen und Überlagerungen erzeugen.

Die Entwicklung von Computerprogrammen in den 1980er Jahren und ihr Einfluss auf die digitale Grafik führte zu einer Kehrtwende in der Arbeitsweise von Charlotte Johannesson, die sich der Malerei zuwandte, aber auch hier mit codierten Bildwelten experimentierte. In den computergefertigten Textilien von 2019 greift die Künstlerin auf Bilder zurück, die sie in den 1980er Jahren am Computer erstellt hat. Sie lotet erneut die Möglichkeiten medialer und handwerklicher Produktion aus, indem sie Formen der Repräsentation krisenhaft zuspitzt und eine spekulative Bildwelt entwirft, die sich jenseits institutioneller Legitimation verortet: „Save as art? Yes/No“.

Kuratiert von Anja Casser
Mit besonderem Dank an die Galerie Hollybush Gardens, London.

Charlotte Johannesson (*1943, Malmö, Schweden) lebt und arbeitet in Skanör, Schweden. Johannessons Arbeiten wurden international ausgestellt, darunter die aktuelle 59. Internationale Kunstausstellung der Biennale di Venezia, The Milk of Dreams, Venedig, Italien; HEM (HOME), Malmö Konstmuseum, Malmö, Schweden; Unweaving the binary code – Hannah Ryggen Triennale, Kunsthall Trondheim, Trondheim, Norwegen (alle 2022); Take Me To Another World, Museo Reina Sofía in Madrid, Spanien (2021); Our Silver City, 2094, Nottingham Contemporary, UK (2021); The Blazing World, S|2 Gallery, Sotheby's, London (2019); Mud Muses, Moderna Museet, Stockholm (2019); Still I Rise: Feminisms, Gender, Resistance, Act 2, De La Warr Pavilion, Bexhill on Sea, UK (2019); pressure | imprint, Malmö Konsthall, Schweden (2018); Mirrored, Nordic Pavilion, Venice Biennale (2017); 32. São Paulo Biennale (2016); Textila Undertexter, Marabouparken Konsthall, Schweden (2016); The Society without Qualities, Tensta Konsthall, Spånga, Schweden (2013); Forms of Resistance, Van Abbemuseum, Eindhoven, Niederlande (2007); Pyramid of Mars, Barbican Centre, London, und Fruitmarket Gallery, Edinburgh, UK, und Trapholt Museum, Kolding, Dänemark (2000).


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 11:00 - 19:00 Uhr
Samstag - Sonntag (Feiertage): 11:00 - 17:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: badischer-kunstverein.de

01.07. - 20.11.2022

Charlotte Johannesson: All lined up

Badischer Kunstverein

Waldstraße 3
76133 Karlsruhe