Die Ausstellung rückt das Werk der großen französischen Autodidakten des beginnenden 20. Jahrhunderts in ein neues Licht. Von der Großstadt bis zur Natur, ihren Blumen, Blüten und Früchten, von den Verlockungen eines nicht-bürgerlichen Lebens bis hin zu mythologischen und religiösen Szenen: Anhand ausgewählter Werke, hauptsächlich aus der Sammlung Charlotte Zander (1930 - 2014), eröffnet sie den Kosmos der Lebens- und Phantasiewelten dieser Malerinnen und Maler, die neben ihrer bürgerlichen Existenz die künstlerische Betätigung suchten. Immer im Hintergrund: Der bedeutende deutsche Kunsthistoriker Wilhelm Uhde (1874 in Friedeberg/Neumark – 1947 in Paris), der mit seiner Kritik an der Kälte der Moderne genau in ihrem Werk die ungebrochene Authentizität fand, die er so leidenschaftlich suchte.

Mit fünf bedeutenden wie unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit rekonstruiert die Ausstellung den Kreis um Wilhelm Uhde, der diese in seiner historischen Pariser Ausstellung „Maler des Heiligen Herzens“ von 1928 erstmalig zusammenführte. Sie würdigt so noch einmal den hohen ästhetischen Reiz und die Unmittelbarkeit der Wirkung dieser nicht „verbildeten“ Malerei. Zu den Künstler:innengehörten Henri Rousseau (1844–1910), Louis Vivin (1861–1936), André Bauchant (1873–1958), Séraphine Louis (1864–1942) und Camille Bombois (1883–1970).

Diese fünf nicht akademisch ausgebildeten Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung sind hierzulande – mit Ausnahme von Henri Rousseau, der schon früh mächtige Fürsprecher fand – in ihrem komplexen Wirken noch eher unbekannt. Sie wurden über die Jahrzehnte hinweg als „naive“ Künstler:innen eingeordnet, als Künstler:innen eines aufkommenden modernen Primitivismus und zuletzt als sogenannte Outsider Art Künstler:innen kategorisiert. Die aktuelle Ausstellung versucht nun, ihr Schaffen in einen neuen Kontext zu stellen: den einer frühzeitigen Moderne-Kritik.

Wilhelm Uhde und seine Entfremdung von der Moderne
„Ich hatte oft Gelegenheit, Kunsthistoriker und Museumsbeamte in Privatsammlungen zu führen, und ich konnte bald mit Befriedigung feststellen, dass mein persönliches leidenschaftliches Verbundensein mit dem einzelnen Objekt zu einem künstlerischen Verstehen geführt hatte, das dem ihren, aus Kenntnissen und Theorien stammenden, überlegen war. Es kam hinzu, dass ich vor einem Bilde harmloser Liebhaber blieb, während es für sie eine Gelegenheit war, ihre Eitelkeit durch eine originelle Gehirnakrobatik zu befriedigen. Kunstwerke waren für sie nur zu oft Anlässe, durch Tintenströme ihre Theorien zu beweisen, ihren eigenen Geist leuchten zu lassen.“  Wilhelm Uhde in seinen 1938 veröffentlichten „Erinnerungen und Bekenntnissen“ 

Der aus Deutschland stammende und In Paris wirkende Wilhelm Uhde war nicht nur ein bedeutender Kunsthistoriker und Kunsthändler, der als einer der ersten die aufstrebenden Größen des 20. Jahrhunderts wie Pablo Picasso und George Braque bereits in ihrer Frühzeit ausstellte. Er war auch der entscheidende Entdecker und Förderer der sogenannten „Maler des Heiligen Herzens“. So hatte Uhde die Faszination der authentischen, nicht durch Ausbildung und Kanon formalisierten Werke dieser autodidaktisch arbeitenden Künstler:innen schon früh erspürt und erkannt. Er suchte die Kunst, die die Herzen der Menschen direkt berührte – fernab der Kanonisierung, die der Kunstbetrieb mit seinen Richtungen und Bewegungen, mit seinen Traditionen, seinen Akademien und seinen merkantilen Interessen immer stärker ausprägte.

Zunehmend enttäuschte ihn genau diese Entwicklung, die die Kunst der Moderne mit ihren immer ausgefeilteren konzeptionellen und analytischen Ansätzen und Diskursen nahm – und sich dabei von ihren ursprünglichen geistigen Kräften und emotionalen Erfahrungsmomenten entfernte. „Die Maler des Heiligen Herzens“ entführten ihn zurück in eine Welt der Sinne und Gefühle, der aufrichtigen Leidenschaft für die Kunst und ihrer unmittelbaren Wirkung.

Uhde, der zugleich Kunsthändler, Galerist, Autor und leidenschaftlicher Förderer der Künstler war, verstand die Kunst, das Kunstwerk als nicht trennbar vom Charakter des Schaffenden. Kunst beruht für ihn auf „Menschentum", was sein eigenes Selbstverständnis einschließt. Der große Reiz der von ihm geförderten Künstlergruppe bestand vor allem darin, dass sie ihre malerische Inspiration hauptsächlich der Intuition, dem Gefühl und, so Uhde weiter, einem „großen Herzen“ verdankt.

An diesem Punkt schließt er in seinem Denken an den französischen Philosophen Jean-Jaques Rousseau an, der in seinem berühmten „Diskurs über die Wissenschaften und die Künste“ bereits 1750 zum ersten Mal die fühlende Seele, also das, was den Menschen ausmacht, vor die aufklärerische Vernunft setzte und damit die Unschuld als wertvollen gesellschaftlichen Wert proklamierte. – In der Ausstellung wird auch das Schaffen Uhdes in Form einer Kabinett-Präsentation in besonderer Weise gewürdigt.Kurator der Ausstellung Udo Kittelmann über seine konsequente Auseinandersetzung mit der sog. „Outsider Kunst“: „Die Ausstellung „Die Maler des Heiligen Herzens“ im Museum Frieder Burda und der sie begleitende Katalog beabsichtigen einerseits die herausragenden und einzigartigen Bilderfindungen ihrer fünf Schöpfer:innen und ihre ungebrochene Aktualität umfassend zu würdigen – und damit ihren persönlichen Visionen einen gemeinsamen und besonderen Ort für die Dauer der Ausstellung zu geben.“ Und weiter:  „Anderseits versteht sich diese künstlerische „Liaison“ als programmatisches und dringliches Plädoyer dafür, Künstlerinnen und Künstler, die sich keiner in ihrer Zeit gerade vorherrschenden Kunsttendenz verpflichtet fühlen, der weitgehenden Nichtbeachtung durch die Organe des internationalen Kunstbetriebs zu „entreißen“ - geht doch damit die Klassifizierung von Kunst und Künstlern in diesseitige und jenseitige Kategorien, in ein in und out immer einher.

Henning Schaper, Direktor des Museum Frieder Burda: „Die Ausstellung knüpft bewusst an die Tradition des Museums und die besondere Ambition seines Gründers Frieder Burda an, die starken Verbindungen zur französischen Kunst immer wieder neu zu beleben und zu akzentuieren. Nach den großen bekannten Positionen freuen wir uns einmal mehr, hier eine andere, bisweilen immer noch verkannte und unterschätzte künstlerische Sprache zur Wirkung kommen zu lassen.“

Die Ausstellung basiert auf einer Auswahl von Werken aus der Sammlung von Charlotte Zander, die eine Kunst jenseits des systematisierten Kunstkanons in großer Fülle und überaus souverän sammelte. Werke aus den Sammlungen Scharf-Gerstenberg und Beyeler kommen hinzu. Zum ersten Mal überhaupt wird nun eine so umfangreiche Ausstellung mit Werken dieser bedeutenden und oft unterschätzten Künstler und Künstlerinnen, den Malern und Malerinnen des Heiligen Herzens, gezeigt.