Gernot Wieland arbeitet in den Medien Film, Zeichnung und Lecture Performance. Seine Arbeit verbindet persönliche Erinnerungen mit historischen Berichten und lässt so Dokument und Fiktion ineinander übergehen. Es entstehen komplexe Werke, die wie beiläufig, aber dennoch spannungsvoll und oft tragisch-komisch von individuellen und gesellschaftlichen Traumata handeln. Die im KINDL uraufgeführte Videoarbeit Turtleneck Phantasies (2022) stellt in der Erinnerung an verdrängte, überhörte und vergessene Stimmen eine Erweiterung seines bisherigen Werks dar.

Gernot Wielands neue filmische Arbeit widmet sich dem Murmeln, dem Unleserlichen, Unsagbaren, den Skizzen und Kritzeleien, den Erinnerungsfragmenten aus der Kindheit, dem Stolpern, das wie ein Tanz daherkommt, den absurden Momenten. Also all diesen kleinen Formen, die so zentral für unser Weltverhältnis sind, aber relativ wenig beachtet werden.

Turtleneck Phantasies ist ein Gedicht, das uns im Film fragmentarisch überliefert wird. Die Lebensgeschichte des Verfassers bildet einen Ausgangspunkt der Videoarbeit. Geboren kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, schrieb er Gedichte und arbeitete als Matrose auf einem britischen Frachtschiff. In den 1980er Jahren überlebte er als einer von nur vier Menschen ein schweres Schiffsunglück. Stark traumatisiert wurde er kurze Zeit darauf für mehrere Jahre in eine psychiatrische Klinik in England eingewiesen und später in einem West-Berliner Heim untergebracht, in dem er bis zu seinem Tod lebte. In den Heimen begann er, Wörter und (meist unleserliche) Texte und Bilder in die Haut seiner Mitpatient*innen zu tätowieren.

Das Phänomen des Tattoos durchzieht Gernot Wielands Film leitmotivisch und bringt dabei verschiedene biografische Ebenen mit Erinnerungen und Episoden aus der Kindheit des Künstlers zusammen. Die Tätowierung offenbart dabei unterschiedliche Facetten – sie erscheint als eine Art Obsession, als schützende ‚zweite Haut‘, Ankerpunkt und bildhaftes Medium der Verortung und Neuorientierung nach traumatischen Erfahrungen. Immer wieder thematisiert Turtleneck Phantasies, wer wie in der Gesellschaft situiert, wer ausgeschlossen ist, und fragt dabei auch nach möglichen Wegen der Rückkehr ins Zentrum der Gesellschaft.

Welche Geschichten erzähle ich mir, wessen Geschichten werden erzählt, was bleibt? Die allgegenwärtige Präsenz der Vergangenheit, die im Sujet der Tätowierung auf spezifische Weise anklingt, ist stets verbunden mit realen, phantasmatischen Sehnsüchten. „Phantasies, phantasies, I have phantasies. I have turtleneck phantasies…“

Gefördert von Medienboard Berlin-Brandenburg; NÖ Landesregierung, Abteilung Kultur; Bundesministerium für Kunst und Kultur, öffentlichen Dienst und Sport, Wien

Gernot Wieland, Turtleneck Phantasies, 2022, Super 8 / HD-Video, 17:36 Min.

Gernot Wieland (* 1968 in Horn / Österreich) lebt in Berlin und Brantevik / Schweden. Neben verschiedenen anderen Auszeichnungen erhielt er zuletzt den Best Film Award des VIII. Kinodot Experimental Film Festivals in St. Petersburg (2020) und den EMAF Medienkunstpreis 2019 der Deutschen Filmkritik.

Einzelausstellungen (Auswahl):
Quartz Studio, Turin (2021); Kunst Halle Sankt Gallen (2021); Salzburger Kunstverein (2020); IBB-Videoraum in der Berlinischen Galerie (2020); Vdrome, London (2019); Argos, Brüssel (2019).

Gruppenausstellungen (Auswahl):
Künstlerhaus Bremen (2022); Torrance Art Museum, Los Angeles (2022); Center for Contemporary Arts, Ljubljana (2022); Kurzfilm Festival Hamburg (2022); BIENALSUR, 3rd Bienal Internacional de Arte Contemporáneo de América del Sur, Buenos Aires (2021); Videonale, Kunstmuseum Bonn (2021); Hong-Gah Museum, Taipei (2020); International Film Festival Rotterdam (2020); Jakarta International Documentary and Experimental Film Festival (2020); IndieLisboa, International Independent Film Festival, Lissabon (2020); Centre d'art Pasquart, Biel / Bienne (2018); 9th Norwegian Sculpture Biennial, Oslo (2017); Latvian Centre for Contemporary Art, Riga (2017); Kunsthaus Graz (2016)


Öffnungszeiten:
Mittwoch: 12:00 – 20:00 Uhr
Donnerstag - Sonntag: 12:00 – 18:00
An allen Feiertagen (außer 26.12.) geöffnet.
Montag - Dienstag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kindl-berlin.de

28.08.2022 - 26.02.2023

Gernot Wieland: Turtleneck Phantasies

KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst

Am Sudhaus 3
12053 Berlin