2022 jähren sich die Wiesbadener FLUXUS - Internationalen Festspiele Neuester Musik zum 60. Mal. Der Auftakt zu diesem Jubiläum bildet eine durch den Nassauischen Kunstverein Wiesbaden ausgerichtete Satellitenausstellung in der Humorkirche Erbenheim, die einen Einblick in das Werk und Wirken von Mary Bauermeister gibt, die Fluxus mit ihrem Atelier Bauermeister maßgeblich den Weg bereitet hat.

Ein langer, überdimensionaler Holztisch steht mitten im Kirchenschiff der Humorkirche, einem Privatmuseum des Sammlerehepaars Ute und Michel Berger in Wiesbaden-Erbenheim. An einem Ende der Tafel befindet sich eine karge Holzschüssel, am anderen Ende ein edles Porzellanservice und die Reste eines Gelages mit unzähligen leeren Flaschen. Auch die Sitzgelegenheiten bewegen sich in ihren Dimensionen zwischen einem winzigen, unscheinbaren Holzschemel und einem überdimensionierten, herrschaftlichen Thron. Dazwischen bieten zwei lange Sitzbänke eigentlich viel Platz und doch wirkt die Tafel nicht einladend – denn wo soll man sich positionieren: Auf der „armen“ Seite, auf der es zu wenig gibt, oder auf der „reichen“ Seite, auf der es zu viel gibt?

„Zu viel, zu viel, zu viel“: Leben wir in einer „Zuvielisation“? Die großformatige Rauminstallation Zuvielisation (2015 entstanden für das Koblenzer Mittelrhein- Museum) der Künstlerin steht im Zentrum der gleichnamigen Ausstellung des Nassauischen Kunstvereins Wiesbaden in der Humorkirche in Wiesbaden- Erbenheim in Kooperation mit dem Sammlerehepaar Ute und Michael Berger. Kennzeichnend für Mary Bauermeisters Oeuvre ist der Einbezug gesellschaftlich relevanter Themen, so auch die kritische Auseinandersetzung mit unserer heutigen Konsumgesellschaft. Begleitet wird die Rauminstallation Zuvielisation von einer Klanginstallation ihres Sohnes, dem Komponisten Simon Stockhausen, sowie weiteren Arbeiten der Künstlerin, die einen Einblick in ihr Werk geben und einer eigens anlässlich des 175. Geburtstags des Nassauischen Kunstvereins entstandenen Edition aus 30 Unikaten.

Mit der Ausstellung der Prä-Fluxus-Künstlerin wird die von Wiesbaden ausgehende Etablierung der Fluxus-Bewegung 1962 in einen größeren historischen Kontext eingebettet. Sowohl durch ihr Werk als auch durch ihr Wirken wurde Mary Bauermeister früh zur Impulsgeberin: Bereits 1960/61 lud sie in ihrem Kölner Atelier Bauermeister in der Lintgasse 28 zu Konzerten 

„neuester Musik“, Lesungen, Ausstellungen und Aktionen mit Künstler:innen wie John Cage, George Brecht, Benjamin Patterson oder Nam June Paik ein. Vor allem das Contre-Festival, das sie 1960 als Gegenveranstaltung des von der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) organisierten offiziellen Weltmusikfests in Köln initiierte, brachte viele der später unter Fluxus firmierenden Künstler:innen erstmals zusammen. Damit prägte sie nicht nur die Kölner Kunstszene, sondern auch die internationale Avantgarde. Während ihre Arbeiten in Deutschland abfällig als „weibliche Bastelei“ oder „Handarbeit“ klassifiziert wurden, feierte sie ab 1962 bereits große Erfolge in New York. Erst viele Jahre später wusste man ihre Arbeit auch in Deutschland zu würdigen.

Mary Bauermeister hat von Beginn an Kunst und Leben verbunden – eine Verbindung, die das Gerüst späterer Fluxus-Kunst darstellt. So ist in der Ausstellung unter anderem eines ihrer berühmten Lichttücher zu sehen. Auf einer Reise durch die sizilianischen Dörfer sah die Künstlerin geflickte Bettlaken, die zwischen den Häusern auf Wäscheleinen trockneten. Die Sonne strahlte sie von hinten an und machte dadurch die durch das Zusammennähen entstandenen abstrakten Muster sichtbar. Für die Künstlerin steckten diese Tücher voller Geschichte vom menschlichen Leben, vom Gebären, Schlafen, Sterben, Lieben. Sie kaufte sie den dort ansässigen Bäuerinnen für je 1000 Lire und ein neues Betttuch als Gegenleistung ab und zog sie anschließend auf Leuchtkästen auf. Ihre Lichttücher offenbaren dabei eine unperfekte, wahre Schönheit, die in den alltäglichsten Dingen gefunden werden kann – man muss sie nur sichtbar machen.

Neben 63 Betttüchern brachte sie noch viele Hemden, Hosen und Nachthemden aus Sizilien zurück nach Deutschland und benutzte das Material für Installationen, Lichtkästen und Kostüme. Sie nannte diese Werkgruppe Ready Trouvèes und widmete sie Marcel Duchamp. Später ergänzte sie die Tücher- und Kleiderserie durch Unterwäsche und spitzengeklöppelte Wäsche, die üblicherweise von einer gesellschaftlichen Oberschicht getragen wurde. Wenn die verschiedenen Textilien nun nebeneinander auf einer Wäscheleine hängen, so werden auch hier die Pole „arm“ und „reich“, „zu viel“ und „zu wenig“ ver(sinn)bildlicht. Ein zerschlissenes und wieder zusammengeflicktes Hemd eines sizilianischen Arbeiters kommt in Kontakt mit einem barocken Unterrock aus feinster Seide – und somit auch zwei intime, körpernahe Textilien von zwei Menschen, zwei Schichten, die sich in der Realität nie begegnet wären.

Ein Klavierrahmen in der Humorkirche lädt Besucher:innen unmittelbar zur Teilhabe ein und fordert sie zu einer spontanen Improvisation auf – wobei der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind und die Tasten keinesfalls die Begrenzung der musikalischen Freiheit darstellen. Welchen Klang erzeugt beispielsweise das Klopfen auf den Klavierrahmen? Was passiert, wenn man an den Saiten zupft? Wie viele Hände und Füße können das Klavier gleichzeitig bespielen? Gibt es hier ein „zu viel“ oder ein „zu wenig?

Begleitet werden Bauermeisters Werke von Filmen über die Künstlerin. Mit psst pp Piano –Hommage a Mary Bauermeister (2009, 11 Min.) inszenierte Gregor Zootzky in einem Animationsfilm originell die Kunstgeschichte von Dadaismus bis Fluxus, in den Hauptrollen neben Mary Bauermeister: Karlheinz Stockhausen, Hans G Helms, John Cage, Nam June Paik und Ben Patterson. Dokumentarfilme von Johann Camut bringen die Vielseitigkeit des künstlerischen Schaffens von Mary Bauermeister zum Ausdruck. Die bereits in der Humorkirche installierten Fluxus-Arbeiten von Nam June Paik, Benjamin Patterson, Daniel Spoerri, Ben Vautier, Joe Jones u.a. aus der Sammlung Ute & Michael Berger treten in einen Dialog mit Mary Bauermeisters Arbeiten und werden bewusst von ihr in ihre Ausstellung miteinbezogen.

Wenig später eröffnet am 14. Juli 2022 im Nassauischen Kunstverein in der Wilhelmstraße mit Fluxus Sex Ties / Hier spielt die Musik! ein Recherche- und Ausstellungsprojekt (15. Juli bis 30. Oktober 2022), das einen dreiteiligen Einblick in die Virtuosität Künstlerinnen im Kanon von Fluxus von der ersten Stunde bis zur Zeitgenossenschaft bietet.

Die Ausstellung in der Humorkirche Erbenheim ist vom 3. Juni bis 7. August 2022 jeweils von Freitag bis Sonntag und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr sowie nach vorheriger Vereinbarung geöffnet. Der Eintritt ist frei. Die Humorkirche in der Wandersmannstraße 2b, 65205 Wiesbaden, ist mit der Buslinie 15 (Haltestelle Egerstraße) erreichbar, Parkplätze sind ebenfalls vorhanden.


Über die Künstlerin :
1934 in Frankfurt am Main geboren, lebt Mary Bauermeister heute in Rösrath. Ihr Werk entwickelte sich über die Zeit von zweidimensionalen Zeichnungen und Gemälden zu Objektbildern und Installationen sowie Gartengestaltungen. Thematisch beschäftigt sich ihr Werk unter Einbezug aktueller Diskurse mit Natur, Poesie und Esoterik ebenso wie mit Musik, Mathematik und Wissenschaft. Ihre Werke finden sich in den Sammlungen namhafter Museen wie dem MoMA, Whitney Museum und Guggenheim in New York, dem Museum Ludwig in Köln oder dem Stedelijk Museum in Amsterdam. 1962 zeigte das Stedelijk Museum ihre erste Einzelausstellung, viele internationale Ausstellungen folgten. 2020 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse für ihr langjähriges künstlerisches Wirken, 2021 als erste Preisträgerin den Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für ihr herausragendes künstlerisches Gesamtwerk. Mary Bauermeister ist seit vielen Jahren eng mit der Familie Berger befreundet. 


Ausstellungsort:
Humorkirche Erbenheim Wandersmannstraße 2b, 65205 Wiesbaden