Nüchtern und sachlich präsentiert sich der Ausstellungstitel. Handelt es sich doch bei dem Begriff „Blattschnitt“, auch „Kartenschnitt“ genannt, um die exakt festgelegte Abgrenzung und Systematik der Blatteinteilung eines Kartenwerkes innerhalb eines Koordinatensystems. Und das „Kartenbild“ bezeichnet die Gesamtheit aller graphischen Elemente und Schriften einer Karte innerhalb des Kartenrandes. Aber Blattschnitt und Kartenbild erweckten auch Vorstellungen von geschnittenem Papier, von Leerstellen und Freiräumen, von Vorhandenem und Abwesendem. Feine graphische Darstellungen auf Kartenbildern formen sich vor unserem geistigen Auge zu ganzen Landschaften, vermitteln Orientierung und lassen eine Vorstellung von Realität entstehen.

In der Ausstellung „Blattschnitt & Kartenbild – Abstraktionen geographischer Realität“ lädt uns Anett Frontzek zu visuellen Erkundungen auf Seekarten von Nord- und Ostsee und auf den Landkarten um das Schwäbische Meer, dem Lake Constance, herum ein. Mit dem Skalpell bearbeitet oder mit schwarzer und farbiger Tinte getuscht, laden die See- und Landkarten dazu ein, in die Welt der Kartografie einzutauchen und eine gedankliche Reise mit dem Finger auf der Landkarte zu wagen. Von Nord nach Ost, nach Süd. Man könnte Anett Frontzeks Vorgehen als das einer Forscherin in der Welt der Kartografie bezeichnen. In ihren Arbeiten untersucht sie systematisch urbane, architektonische, geologische, soziologische oder biologische Systeme und Strukturen. 

Oftmals dienen kartographische Quellen als Ausgangsmaterial und wissenschaftliches oder statistisches Material kennzeichnet den Ausgangspunkt ihrer thematischen Fragestellungen. Frontzek erfindet nichts, sie geht strikt von der systematischen Bestandsaufnahme örtlicher Gegebenheiten aus, individualisiert und erweitert diese aber oftmals durch persönliche Erkundungen, Fundstücke, Fotos und Gespräche vor Ort.

Anett Frontzek: Seit 1993 fördern Arbeitsstipendien und Kunstpreise in Deutschland und Europa die Entwicklung ortsbezogener Werkzyklen. 2020 war sie als Artist in Residence im Künstlerhaus Eckernförde, wo sie ihre ostseebezogenen Arbeiten weiterentwickelte.

2014 erhielt sie den DEW21 Kunstpreis und 2006 den Kunstpreis der Stadt Nordhorn. 2017 war sie Stipendiatin der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur und Stipendiatin der Kunstsammlung des Landes Oberösterreich in Linz. 2007 erhielt sie ein Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds und 2002 ein Arbeitsstipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst.

Anett Frontzek Arbeiten sind in öffentlichen Sammlungen wie dem Victoria and Albert Museum London oder im MoMA, New York und der Achenbach Foundation for Graphic Art im Fine Arts Museums of San Francisco.den USA vertreten.

Anett Frontzek studierte von 1988-1994 an der Kunsthochschule Kassel Freie Kunst. 2009 verlegte sie ihr Kasseler Atelier nach Dortmund.

Wismar Bucht, S16A, 1999, Tusche auf Papier, 42 x 59,7 cm, 2020, Anett Frontzek, VG Bild-Kunst Bonn
15.04. - 30.05.2021

Anett Frontzek: Blattschnitt & Kartenbild – Abstraktionen geographischer Realität

Saarländisches Künstlerhaus

Karlstraße 1
66111 Saarbrücken