The Evidence of Things Not Seen ist die erste umfassende Einzelausstellung der Künstlerin Carrie Mae Weems (*1953) in Deutschland. Weems zählt zu den einflussreichsten zeitgenössischen Künstler:innen der USA, deren ästhetische und politische Wirkung weit über die Kunstszene hinausreicht. 2014 war sie die erste der afroamerikanischen Künstler:innen, denen das Guggenheim Museum in New York eine Retrospektive widmete.

Mit über 30 Werkkomplexen, darunter umfangreiche Fotoprojekte, Videos, Objekte und Installationen, bietet The Evidence of Things Not Seen einen vielschichtigen Einblick in Weems' seit über 35 Jahren entwickelte künstlerische Praxis. Für die Ausstellung wurde gemeinsam mit der Künstlerin ein räumliches Setting entworfen, das dem performativen Charakter ihrer Praxis folgt.

Carrie Mae Weems beschäftigt sich in ihren Werken mit der Befragung und Aneignung dominanter historischer Erzählungen, wie sie von (Bildungs-) Institutionen, Wissenschaft, Kunst, Architektur, Denkmälern, Fotografie und anderen Massenmedien erzeugt und reproduziert werden. Durch das Aufsuchen und Nachstellen dieser Erzählungen legt sie die darin ungehörten und ungesehenen Geschichten marginalisierter Gruppen frei. Weems, die in vielen ihrer Werke selbst auftritt, führt uns höchstpersönlich an diese blinden Flecken heran und lädt uns ein, sie mit ihr gemeinsam zu erkunden.

Im Vordergrund der Ausstellung steht die lange Geschichte der Gewalt gegen People of Color, Frauen und sozial Benachteiligte, der Weems eine ebenso lange Geschichte des Widerstands entgegensetzt. Körper, Schönheit, Rituale, Magie und Spiritualität, das Öffentliche und Private, Politische und Poetische sind hier von zentraler Bedeutung. Auf diese Weise deckt sie mögliche andere Verläufe der Vergangenheit – und damit auch der Zukunft – auf.

Neben frühen Werken, wie die Fotoserien From Here I Saw What Happened and I Cried (1995-96) oder The Kitchen Table Series (1990), zeigt die Ausstellung zahlreiche jüngere und neue Arbeiten, in denen Weems sich unter anderem mit Formen des öffentlichen Gedenkens auseinandersetzt und so an hochaktuelle Debatten anknüpft. In Stuttgart erstmals zu sehen ist eine Fotoarbeit, in der sich Weems auf performative Weise mit dem Berliner Holocaust-Mahnmal auseinandersetzt.

Eine Reihe von Foto- und Videoprojekten greift die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner:innen in den USA von den 1960-er Jahren bis heute auf. Motive von Flucht, Trauer, Erinnerung und Protest werden dabei zu poetischen Manifesten gegen das Vergessen verwoben.

Der Titel der Ausstellung ist dem gleichnamigen Buch des afroamerikanischen Aktivisten und Schriftstellers James Baldwin entlehnt. Es entstand vor dem Hintergrund der Ermordungen von 30 Schwarzen Kindern und Jugendlichen in Atlanta zu Beginn der 1980-er Jahre und der Ignoranz der Behörden diesen Taten gegenüber.

The Evidence of Things Not Seen wird vom Württembergischen Kunstverein in Zusammenarbeit mit der Fundacion Mapfre organisiert und großzügig von der Kulturstiftung des Bundes sowie der Baden-Württemberg Stiftung unterstützt.

Publikationen
Zur Ausstellung erscheint ein Ausstellungsführer sowie im Herbst 2022 ein Katalog mit Beiträgen von Hans D. Christ, Iris Dressler, bell hooks, Fred Moten, Elvira Dyangani Ose, LaCharles Ward und einem visuellen Essay von Carrie Mae Weems.