Das Ausstellungsprojekt „Pedro Reyes: Sociatry – Mit einer Bühne für Lina Bo Bardi“  zeigt zwei künstlerisch-architektonische Positionen aus Lateinamerika, die den Menschen ins Zentrum stellen und Anlass bieten, individualistische Denkweisen zu überwinden. Als interdisziplinärer Grenzgänger tritt Pedro Reyes (*1972 in Mexiko-Stadt) für eine soziale Wirksamkeit von Kunst, Architektur und Design ein. Seine zutiefst humanistische Haltung wie auch sein Einsatz für ein intensives Gemeinschaftserleben verbinden ihn mit der italienisch-brasilianischen Architektin und Ausstellungsmacherin Lina Bo Bardi (*1914 in Rom, † 1992 in Sao Paulo), die mit ihrer politisch engagierten Arbeit bereits viele der heute brisanten Themen vorwegnahm. 

Die Marta-Schau „Pedro Reyes: Sociatry“ ist die erste umfassende Werkschau des mexikanischen Künstlers in Europa. Gezeigt werden drei große Werkkomplexe mit rund 45 Zeichnungen, Skulpturen, Installationen und Videos aus den vergangenen 20 Jahren wie auch einige Neuproduktionen. Der studierte Architekt hat in den letzten Jahren ein umfangreiches skulpturales Werk geschaffen, das dem Begriff der sozialen Plastik – wie Joseph Beuys ihn einst geprägt hat –nahesteht und oftmals an politischen Aktivismus erinnert. In seinen Werken stellt er nicht nur kritische Fragen, sondern entwickelt auch utopische Lösungsansätze für reale gesellschaftliche Probleme. Dabei bezieht er psychologische, philosophische, aber auch soziologische und aktivistische Methoden mit ein und regt die Besuchenden dazu an, selbst aktiv zu werden.

Für Reyes kann Kunst eine heilende Wirkung haben, ein Gedanke, der sich im Ausstellungstitel widerspiegelt: „Sociatry“ leitet sich von den zwei Begriffen socius (Lateinisch für „gemeinschaftlich“ oder „verbunden“) und iatreia (Griechisch für „Heilung“) ab und widmet sich der Behandlung von Krankheiten von miteinander verbundenen Individuen und Gruppen. Ursprünglich geht der Begriff auf den Sozialwissenschaftler Jacob Levy Moreno zurück, der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Reihe von Methoden zur Heilung der Gesellschaft entwickelte.

„Ein soziales Experiment kann als Forschung dienen und gleichzeitig auch therapeutisch (und unterhaltsam) sein.” (Pedro Reyes im Interview mit Friederike Fast)

Diese Idee greift Pedro Reyes in dem partizipatorischen Projekt „Sanatorium“ auf, mit dem er bei der Kasseler dOCUMENTA (13) 2012 für internationales Aufsehen sorgte. Kunst und Psychologie werden darin verbunden: Wie in einer utopischen „Klinik“ können die Besuchenden im Marta-Dom zwischen vier künstlerischen „Behandlungen“ wählen, die von Moderator*innen in blauen Kitteln begleitet werden und sich Fragen dieser Zeit widmen: Mit dem „Museum of Hypothetical Lifetimes“ (seit 2011), einem maßstäblich verkleinerten Modell eines hypothetischen Museums, können die Besucher*innen mithilfe von kleinen Objekten und Figuren Ereignisse aus ihrem Leben oder ihrer Fantasie darstellen und dadurch ihre eigene Biografie neu schreiben. Eine kathartische Wirkung verspricht „Citileaks“ (seit 2011): Die Teilnehmenden versenken ein persönliches Geheimnis in einer Flasche, um im Austausch dafür das Geheimnis einer anderen Person zu lesen. Im „Philosophical Casino“ (seit 2006), das an ein Orakel mit Würfeln erinnert, erhalten die Besuchenden philosophische Antworten auf ihre Lebensfragen. Auch die „Goodoos“ (seit 2011), abstrahierte Stoffpuppen, mit denen man einer anderen Person etwas Gutes wünschen kann, gehören zu Reyes „Sanatorium“.

Neben seinem Einsatz für ein intensives Gemeinschaftsleben und mehr soziale Teilhabe, entwirft Pedro Reyes auch skulpturale Konzepte gegen Gewalt. In mehreren Projekten hat er Waffen als Ausgangsmaterial für seine Werke genutzt, um ihr zerstörerisches Potenzial umzukehren. Bei dem Projekt „Palas por pistolas“ (2008) rief er dazu auf, Waffen freiwillig abzugeben, um sie zu Schaufeln schmelzen zu lassen, mit denen im Anschluss Bäume gepflanzt werden. Im Rahmen der Aktion „Disarm“ (2012) verwandelte er Gewehre und Hochleistungswaffen in Musikinstrumente. Bei der hier gezeigten zweiten Version dieser Arbeit, „Disarm (Mechanized) II“ (2014), handelt es sich um Skulpturen, die wie mechanische Musikinstrumente über einen Computer gesteuert werden können und die Gehry-Galerien im Marta erklingen lassen. Bereits seit einigen Jahren widmet sich Pedro Reyes auch zunehmend der Bedrohung durch nukleare Waffen – etwa in der aufblasbaren Skulptur „Amnesia Atómica“ (2020), die 2019 vom Bulletin of Atomic Scientists in Auftrag gegeben wurde. Mit Arbeiten wie diesen verweist er auf eine globale nukleare Bedrohung, die angesichts des Krieges in der Ukraine gegenwärtiger denn je erscheint. Im Jahr 2021 wurde Pedro Reyes für sein Engagement mit dem Luxemburger Friedenspreis ausgezeichnet.

Die dritte Werkgruppe, die im Marta Herford gezeigt wird, umfasst eine Reihe von Arbeiten, die im Rahmen des Projekts „The People’s United Nations (pUN)“ (2013-2015) entstanden sind. Bei der experimentellen Konferenz nach dem Vorbild der Vereinten Nationen lud Pedro Reyes anstelle von Diplomat*innen Bürger*innen ein, die jeweils eine Verbindung zu den unterschiedlichen Staaten der UN hatten. Die Konferenz bot ihnen einen Rahmen, sich in einem rollenspielartigen Setting über globale Fragestellungen auszutauschen. 

Wie Pedro Reyes beschäftigte sich einst auch Lina Bo Bardi mit der Frage, wie man mit Kunst und Architektur Orte und Gelegenheiten schafft, an denen Menschen zusammenkommen und sich austauschen können. Eine Thematik, die auch den aktuellen gesellschaftspolitischen Diskurs prägt – zuletzt etwa durch die Corona-Pandemie, die die angespannte Raumsituation in den Städten und die Frage nach Gemeinschaft neu entfacht.

Eine Bühne für Lina Bo Bardi
„Ich suche nicht nach Schönheit, ich suche nach Freiheit.“ (Lina Bo Bardi) 

Unter dem Titel „Eine Bühne für Lina Bo Bardi“ werden 30 Originalzeichnungen, 60 fotografische Reproduktionen und Modelle der 1992 verstorbenen Architektin, Künstlerin, Designerin, Theaterproduzentin, Autorin und Ausstellungsmacherin gezeigt. Bereits vor mehr als 60 Jahren beschäftigte sich Lina Bo Bardi mit Themen, die auch heute noch gesellschaftliche Relevanz haben: Ein wertschätzender Umgang mit traditionellen Handwerks- und Bautechniken, soziale Gerechtigkeit und gemeinschaftsfördernde Architektur sind einige davon. Zu ihren bekanntesten Projekten zählt der Neubau des Kunstmuseums Museu de Arte de São Paulo (MASP), das 1949 von ihrem Ehemann Pietro Maria Bardi mitgegründet wurde. Von besonderer Bedeutung für Bo Bardi war dabei der große, öffentlich zugängliche Platz unterhalb des schwebenden Museumsbaus, der bis heute Raum für Open-Air-Konzerte, Ausstellungen und Versammlungen bietet. Im Marta werden jedoch nicht nur ihre Bauprojekte, sondern auch ihre Tätigkeit als Ausstellungsmacherin thematisiert: In besonderem Maße setzte sich Lina Bo Bardi für die Sichtbarkeit der brasilianischen Volkskunst ein. Eine ihrer ersten Ausstellungen in Brasilien „Bahia no Ibirapuera“ (1959), die sie gemeinsam mit dem Theaterregisseur Martim Gonçalves verantwortete, spiegelte den Alltag der Bevölkerung in Bahia wider, einer ländlichen Region im Nordosten Brasiliens. Durch die Präsentation traditionell gefertigter Gegenstände wie Taschen, Bekleidung, Bootsfiguren oder rituelle Objekte wollten Bo Bardi und Gonçalves der Spaltung der Gesellschaft in Land- und Stadtbevölkerung etwas entgegensetzen. Korrespondierend dazu werden im Marta Herford Exponate aus dem Holzhandwerksmuseum Hiddenhausen gezeigt – als Versuch, dieses Ausstellungsprinzip auf die lokalen Gegebenheiten zu übertragen. Obgleich Bo Bardi in Europa lange weitgehend unbekannt war, wurde sie in den vergangenen Jahren als eine der visionärsten Architektinnen ihrer Zeit wiederentdeckt. Im Jahr 2020 wurde sie posthum mit dem Goldenen Löwen der Architekturbiennale in Venedig ausgezeichnet. Lina Bo Bardi inspirierte mit ihrer progressiven Praxis zahlreiche Museumsleute, Architekt*innen und Künstler*innen – darunter auch Pedro Reyes. Für die Präsentation ihrer Werke hat er im Marta Herford eine besondere Szenografie entwickelt, die an ihre Bewunderung für traditionelle Baumethoden und Handwerkstechniken anknüpft: Das Ständerwerk eines abgerissenen, historischen Fachwerkhauses aus der Region Ostwestfalen-Lippe wurde aufbereitet, in der Ausstellung wieder aufgebaut und zeigt nun die Entwürfe der Architektin. 

Die „Insel im Marta“ von Robert Barta
Begleitend zur Ausstellung hat Robert Barta (*1975 in Prag) für die „Insel im Marta“ eine begehbare Installation gebaut. Spielerisch beschäftigt er sich in seinem Werk „Sensing the wave“ (2022) mit Bewegung und ungewöhnlichen Perspektiven. Dabei verweist er auf zentrale Merkmale der geschwungenen Architektur des Museums, das von Frank Gehry entworfen wurde. Die drei im Raum verteilten Objekte ähneln überdimensionierten Wippen, deren Funktionsweise alten Schaukelpferden aus dem 19. Jahrhundert entlehnt ist. Die Flächen der Objekte sind mit weich gefütterten Jeanshosen bestückt, deren Beine in die Luft ragen. Beim Betreten der schwankenden Ebenen werden die Besuchenden zu Performer*innen. Jede körperliche Aktion hat eine Auswirkung auf die Bewegung der Objekte und verändert auch die Wahrnehmung des Ausstellungsraumes. Es ist den Besucher*innen selbst überlassen, ob sie kontemplativ verweilen oder wild schaukelnd ihren Blickwinkel verändern.

Die „Insel im Marta“ ist ein kommunikativ-künstlerisches Experiment mitten im Museum. Zwischen Erfahrungsraum und Forschungslabor angesiedelt, bietet es Möglichkeiten des Aufenthalts und der Begegnung.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11.00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: marta-herford.de

Pedro Reyes, Future Friends, 2017, Zeichenkohle auf 3 mm-Karton, 90 x 130 cm © Pedro Reyes; Courtesy Lisson Gallery
26.03. - 14.08.2022

Pedro Reyes: Sociatry: Mit einer Bühne für Lina Bo Bardi

Marta Herford

Goebenstraße 2–1
32052 Herford