Die Gruppenausstellung Den leeren Strand überqueren, um den Ozean zu sehen widmet sich einer Politik der Freundschaft, die sich als Gegenmodell zu einer gewaltvollen und ambivalenten Gegenwart versteht. Freundschaft meint hier nicht das – im engeren Sinne – Zusammensein mit Freund*innen, sondern (in Anlehnung an die künstlerische und theoretische Arbeit von Céline Condorelli und anderen) das Leben mit und Anerkennen von Differenzen. Freundschaften in diesem Sinne können unterhalten werden zu lebenden ebenso wie verstorbenen Personen, aber auch zu Objekten, Texten, Gedanken, Kontexten und Umgebungen – zum Beispiel. Im freundschaftlichen Umgang mit diesen werden Perspektivwechsel, ein Umdenken und Neudenken oder -handeln möglich. In diesem Sinne versammelt die Ausstellung Arbeiten von Künstler*innen, die andere Formen der Bewegung und eine andere Sprache vorschlagen, die Zeiträume und Ansätze zum Denken, Verhältnisse zum Material sowie zu Territorien aushandeln. Mit allen diesen Aspekten sind Konflikte, Machtverhältnisse und Widersprüchlichkeiten verknüpft, aber auch Möglichkeiten.

Die Videoarbeit Songs from the compost von Eglé Budvytyté (*1981 in Litauen, lebt in Amsterdam) ist eine hypnotische Erkundung der dunkleren Aspekte des Lebens: gegenseitige Abhängigkeiten, Hingabe, Tod und Verfall. Sie richtet den Blick aber auch darauf, wie menschliche und nicht-menschliche Interdependenzen und Koexistenzen sich konkret in Bewegungsmustern äußern und Fortbewegungsformen anders kodiert werden können.

RA Walden (lebt in Berlin) entwickelt mit xây ithra eine neue Sprache, um die vielen unbewusst kontinuierlich in unserem Sprachgebrauch wiederholten Leistungserwartungen, Normierungen, kriegerischen und rassistischen Metaphern durch eine zwischenmenschliche Kommunikation zu ersetzen, die ein anderes Verständnis von Gesellschaft zugrunde legt. In der Ausstellung flackert sanft aber beharrlich eine Neonarbeit, die an die Endlichkeit und die Gemeinsamkeit allen Lebens erinnert. In dem stillen Leuchten manifestiert sich eine mündliche Frage-Antwort-Tradition, eine Beziehung zwischen zwei Sprechenden.

Auch Atsushi Mannami (*1988 in Japan, lebt in Bremen) beschäftigt sich mit Vergänglichkeit. Gebaute, teils sinnlose Strukturen, zerbrechliche oder zerlegte Trägerwerke formen temporäre, anonyme Landschaften, die Mannami in keramische Gemälde überführt, um sich erneut mit ihrer temporären und fragilen Schönheit auseinander zu setzen. Zeit und Bild dekonstruieren sich in diesen kleinformatigen Objekten fast beiläufig, ohne sich aufzugeben.

Ida Lennartsson (*1982 in Schweden, lebt in Berlin) wiederum versteht Skulpturen als erweiterte Erzähltechnik. Sie experimentiert mit Material und Form, um diese als physische und taktile Ausdrucksform von Emotionen jenseits ihrer gewohnten Zusammenhänge im Verhältnis von Betrachter*in und Objekt zu öffnen. Dabei entstehen Verbindungen zwischen symbolischen Bedeutungen, sozialen Werten und individuellen wie gesellschaftlichen Lesarten, die oftmals unterdrückte Empfindungen, Ablehnung und den Umgang mit dem Anderen aufgreifen.

Catalina González González (*1990 in Kolumbien, lebt in Hamburg) sucht in tagebuchartigen Filmen nach Möglichkeiten, die konfliktreichen Beziehungen zwischen europäischen und lateinamerikanischen Verortungen zu thematisieren. In ihrer sehr eigenen Erzählform thematisiert sie Gewalt, ohne diese zu reproduzieren. Eine ihrer Arbeiten zeigt einerseits „Lateinamerika“ im Miniaturwunderland Hamburg und andererseits alltägliche Szenen eines lateinamerikanischen Freundeskreises in Deutschland. Im Zusammentreffen dieser zwei ruhigen Erzählformen, entstehen zunehmend mehr Widersprüche zwischen der Repräsentation im Kleinformat und der in dieser Darstellung negierten Realität.

In den 1970ern schrieb Martha Rosler (*1943 in New York lebt in New York) drei Novellen aus der Perspektive von drei verschiedenen Frauen und veröffentlichte sie Stück für Stück, alle fünf bis sieben Tage auf Postkarten. Die drei Erzählungen kreisen um die soziale Bedeutung von Essen und (weiblicher) Arbeit, um Arbeitsbedingungen, Klassenfragen und Unterdrückung. Der Zwischenraum, den das Lesen und Denken der Leser*innen einnimmt, während die Fortsetzung auf der nächsten Postkarte erwartet wird, ist Teil von Roslers Postkartenromanen. Das Lesen findet langsam statt, aber auch nahezu unfreiwillig intuitiv, sobald die nächste Karte im Briefkasten landet. Service. A trilogy on colonization wird so zum intimen Dialog mit den jeweiligen Geschichten und zur Reflexion über die eigene Position.

Anstelle eine Politik der Freundschaft als großes Thema zu etablieren, greifen die in der Ausstellung gezeigten Künstler*innen und Arbeiten jeweils einzelne Aspekte und ihre Ambivalenzen auf: In welchen, alten Strukturen verhafteten Worten spreche ich beispielsweise, wenn von Veränderungen an eben diesen Strukturen gesprochen wird? Wo fallen Denken und Handeln auseinander? Wie verhält sich der Umgang mit Natur, in dem ich doch meine aufrechte Horizontperspektive nicht wirklich zugunsten anderer Mitlebewesen aufgeben will?

Die versammelten Arbeiten prägt ein Prinzip der Nähe. Dieses zeigt sich auch in einer ästhetischen Verbindung zwischen den zugrundeliegenden theoretischen und konzeptuellen Überlegungen und wie diese sinnlich-poetisch ins Werk gesetzt und zugänglich gemacht werden. Freundschaft sei, so heißt es, mit sich selbst im Anderen zu sein. Ziel einer Politik der Freundschaft ist es nicht, das Selbst aufzulösen, sondern es permanent neu zu konfigurieren, offen und freundlich zu anderem zu sein, ohne es einzuebnen oder ein ‚Anderes‘ daraus zu machen. Als solche betrifft dieser Begriff oder vielmehr diese Form der Freundschaft auch eine Reflexion der Handlungen und Darstellungsweisen (Repräsentationen und Ästhetiken), mit denen wir uns zur Welt verhalten und diese gestalten – und sie auch verändern können.