Die Ausstellung 1910: Brücke. Kunst und Leben widmet sich einem der prägendsten Jahre der Künstlergemeinschaft Brücke und ihrem künstlerischen Höhepunkt. Gezeigt werden rund 150 Werke von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Otto Mueller, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff aus dem reichhaltigen Bestand des Brücke-Museums – darunter eine Vielzahl von Highlights der Sammlung wie Max Pechsteins Das gelbschwarze Trikot und Ernst Ludwig Kirchners Artistin. Die Ausstellung ist der zweite Teil der 2018 begonnenen dreiteiligen Reihe, die zentrale Jahre der Künstlergruppe Brücke kulturgeschichtlich untersucht.

1905 von den Architekturstudenten Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt- Rottluff in Dresden gegründet, findet die Gruppe im Jahr 1910 ihren gemeinsamen Stil. Im Atelier oder draußen in der Natur arbeiten die Künstler intensiv zusammen und beeinflussen sich dabei gegenseitig. Schnelle Pinselstriche, kräftige Farben und eine unverstellte Energie kennzeichnen ihre Arbeiten in dieser Zeit.

Die Ausstellung 1910: Brücke. Kunst und Leben begibt sich auf eine Spurensuche nach den Orten, Menschen und Themen, die die Künstlergruppe im Jahr 1910 prägen. Gezeigt werden Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafiken aus der Sammlung des Brücke- Museums. Die Präsentation wird begleitet von Dokumentationsmaterial, wie Fotos, Briefe, Kataloge und historische Zitate.

Es ist ein geschäftiges Jahr für die Brücke. Gleich mit mehreren Ausstellungen erregen die Künstler Aufmerksamkeit. Ihre Herbstpräsentation in der renommierten Dresdner Galerie Arnold– die parallel mit Paul Gauguin einen ihrer Heroen ausstellt – macht ihre Kunst überregional bekannt. Dicht gedrängt werden in drei Räumen 87 jüngst entstandene Werke gezeigt, u.a. Ernst Ludwig Kirchners Artistin und Karl Schmidt-Rottluffs Vareler Hafen. Begleitend erscheint ein selbstentworfener Katalog, der Holzschnitte beinhaltet, die ausgestellten Werken entsprechen. Das Besondere: In den meisten Fällen stammen diese von einem anderen Künstler als das Gemälde, auf das sie sich beziehen. Pechstein beispielsweise fertigte einen Holzschnitt nach Kirchners Gemälde Artistin an.

Auch in Berlin spricht man 1910 mehr und mehr über die Brücke-Künstler. Im Vorfeld der XX. Ausstellung der Berliner Secession kommt es zu einem Eklat. Eine große Zahl an Werken – darunter auch Arbeiten der Brücke-Künstler – wird abgelehnt. Besonders jüngere Kuüstler empören sich darüber und reagieren sofort. Unter der Führung von Georg Tappert und Pechstein gründet sich im Frühjahr die Neue Secession. Noch im selben Jahr eröffnen sie ihre Ausstellung von Werken Zurückgewiesener der Berliner Secession. Solidarisch mit Pechstein treten auch die anderen Brücke-Mitglieder der Neuen Secession bei und beteiligen sich an der von Mai bis September stattfindenden Ausstellung im Kunstsalon Maximilian Macht. Der Raum, in dem die Brücke gemeinsam ausstellt, ist kräftig rot gestrichen und wird nicht nur deshalb als „Schreckenskammer“ bezeichnet. „Die Geister prallten aufeinander und wir […] hatten unsern Spaß daran“, erinnert sich Pechstein später. Er ist überzeugt, dass sich „in diesem Kampf das Gemeinschaftsgefühl der Brücke“ gefestigt habe.

Eben jenes Gemeinschaftsgefühl zeigt sich 1910 nicht nur in den gemeinsam organisierten Ausstellungen, sondern auch in den gemeinschaftlichen Reisen und Aktivitäten der Gruppe. Ob in Dresden, in Berlin, an den Moritzburger Teichen oder in Dangast: Die Künstler inspirieren sich gegenseitig und gleichen sich sowohl motivisch als auch stilistisch in ihren Werken an.

Besonders eng schließen sich Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Max Pechstein in diesem Jahr zusammen. Von Juli bis August verbringen sie viele Wochen gemeinsam an den Moritzburger Teichen, in der Nähe von Dresden. Hier arbeiteten sie gemeinsam in der Natur und widmeten sich der Aktmalerei. Beflügelt von den landschaftlichen Eindrücken und dem harmonischen Beisammensein schaffen sie eine Fülle von Zeichnungen und Aquarellen, ja sogar Gemälden direkt vor Ort. In schnellen Pinselstrichen hält Pechstein in seinem Gemälde Im Wald bei Moritzburg das ungezwungene Miteinander fest. Zu kaum einem anderen Zeitpunkt ist ihr Gemeinschaftsgefühl so stark ausgeprägt: „Wir lebten in absoluter Harmonie, arbeiteten und badeten“, erinnert sich Pechstein noch Jahre später. Karl Schmidt-Rottluff wiederum verweilt zu dieser Zeit in Dangast an der Nordsee, indes kaum weniger produktiv. Hier verbringt er - von April bis November - den Großteil des Jahres. Auch Heckel und Pechstein halten sich hier mehrere Wochen auf, ersterer von Mai bis Juni und letzterer im Juni. Doch es ist vor allem Schmidt-Rottluff, der in Dangast eine besondere Schaffenskraft entwickelt. Hier entsteht unter anderem sein farbgewaltiges Gemälde Deichdurchbruch.

Auch die Großstädte, in denen sich die Künstler bewegen – allen voran Dresden und Berlin regen die Künstler 1910 zu neuen Werken an. Zu diesem Zeitpunkt wohnen Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff noch in Dresden. Sie besuchen regelmäßig die Gemäldegalerie und das Völkerkundemuseum, verkehren in Variétes, Cafés sowie anderen Vergnügungsst.tten und lassen sich allerorten inspirieren. Sie sind Stammgäste im Central-Theater, dem Flora-Varieté und dem Victoria-Salon, dem ältesten Varieté-Theater. Neben dem herausgeputzten Publikum interessieren sich die Künstler der Brücke vor allem für die Tänzer*innen und Akrobat*innen. Mit schnellen Strichen erfassen die Künstler das Geschehen, erproben, Rhythmus und Tempo auf Papier einzufangen, wie Kirchner in seiner Zeichnung Drahtseilartisten mit Seil und Schirm. Verstärkt zieht es die Brücke-Künstler in die Metropole Berlin. Max Pechstein wohnt und arbeitet bereits seit 1908 in der Stadt. Auch Otto Mueller, der 1910 zur Künstlergruppe hinzustößt, ist seit zwei Jahren hier ansässig. Ernst Ludwig Kirchner und Erich Heckel wiederum nutzen jede sich bietende Gelegenheit von Dresden nach Berlin zu reisen und hier einige Tage unter Gleichgesinnten zu verbringen. Gemeinsam mit Pechstein und Mueller ziehen sie durch das Berliner Nachtleben und besuchen auch hier Varietévorstellungen. 1911 werden dann alle nacheinander in die Hauptstadt umziehen, wo sich die frühe Vertrautheit und Verbundenheit allerdings nicht mehr einstellt.

Die Ausstellung ist der zweite Teil der 2018 begonnenen dreiteiligen Reihe, die zentrale Jahre der Künstlergruppe Brücke kulturgeschichtlich untersucht: 1913: Die Brücke und Berlin (2018), 1910: Brücke. Kunst und Leben (2022), und 1905: Der Beginn (geplant 2024). Ausstellungsbegleitend erscheint eine zweisprachige Zeitung (dt. und engl.) mit einem Essay der Schriftstellerin Mariam Kühsel-Hussaini. Die Zeitung ist ausschließlich im Museum erhältlich und kostet 5 Euro.