Von der Minimal Art über die Transavanguardia und Pop Art bis hin zur zeitgenössischen Kunst präsentiert die Ausstellung „Balance“ im Hamburger Bahnhof Werke, die sich mit dem Ringen Einzelner oder der Gesellschaft nach Ausgeglichenheit, Harmonie und Stabilität befassen. Mit Kunstwerken von den 1960er-Jahren bis heute fächert die Ausstellung schwindende Gewissheiten über den vermeintlich dauerhaften Zustand einer einmal gefundenen Balance in fünf Themenblöcke auf: die Sehnsucht nach Balance, die Wahrnehmung von Balance, die Spannungen zwischenmenschlicher Balanceakte, das unausgewogene Verhältnis von Mensch und Natur sowie zuletzt das Austarieren individueller und gesellschaftlicher Erwartungen in wirtschaftlichen Zusammenhängen. Mit der Ausstellung eröffnet die Kleihueshalle nach umfassender Sanierung.

Der historische Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf dem Zeitraum ab den späten 1960er-Jahren, als in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen weitreichende Veränderungen einsetzten. Während Eigenverantwortung und individuelle Gestaltungsmöglichkeiten stiegen, sank die Einbindung der Einzelnen in das soziale Gefüge. Zugleich dominierte in der Wirtschaft das Ziel eines steten Wachstums grenzüberschreitender Waren- und Kapitalströme. In Folge gerieten die Nutzung natürlicher Ressourcen und die Aufteilung globaler Wirtschaftskreisläufe in ein Ungleichgewicht. Unter den Schlagworten Schwerkraft, Stellung, Gewicht, Zustand und Bilanz sprechen die Ausstellungskapitel Aspekte dieser gesellschaftlichen Balanceakte an, die von formalen bis hin zu politischen Fragestellungen reichen.

Jeder Körper in Balance setzt physikalisch gesehen das Wirken der Schwerkraft voraus. Auch wenn ein schwerelos im Raum stehender Körper, etwa ein*e Seiltänzer*in, die Gesetze der Schwerkraft scheinbar überwindet. Im Eingangsraum der Ausstellung führen die Werke von Ulrike Rosenbach und Anselm Kiefer diesen Zustand des Dazwischen in all seiner Fragilität vor. Die aufrechte Stellung des Menschen in der Welt basiert auf einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Sinneswahrnehmungen. Werke von Donald Judd und Imi Knoebel zeigen, dass die Minimal Art das Verhältnis von Form, Raum und Betrachtungsposition bereits in den 1960erJahren thematisierte. Leonor Antunes bezieht sich in ihren Skulpturen wiederum auf historische Persönlichkeiten und deren Streben nach einer angemessenen Position in der Gesellschaft.

Das Symbol der Waage wird etwa bei Rechtsprechung, Wirtschaftstheorien oder mythischer Seelenwägung häufig herangezogen, um zwei Gewichte in Symmetrie zu bringen. Gleichzeitig droht die Balance einer Waage stets zu kippen. Das Austarieren von Formgewichten steht im Zentrum des dritten Kapitels mit einer Skulptur von Inge Mahn und Gemälden von Robert Rauschenberg, Cy Twombly, Mark Lammert, Georg Baselitz u.a.

Sind in einem biologischen System mehr als zwei Kräfte vorhanden, kann das Phänomen des Fließgleichgewichts durch das kontinuierliche Hinzufügen und Abgeben von Masse und Energie einen zugleich stabilen und dynamischen Zustand erzeugen. Eine massive Veränderung dieses Austauschprozesses kann die Funktionsfähigkeit des gesamten Systems hemmen. Werke von Andy Warhol, Keith Haring, Francesco Clemente, Fiona Tan und Raul Walch zeigen, wie Ereignisse wie Erdbeben oder die Erderwärmung das Gleichgewicht von Ökosystemen herausfordern.

Auch Wirtschaftssysteme berufen sich auf Ideen von Gleichgewicht. Mit der Bilanz bezieht sich die Betriebswirtschaft sogar wortwörtlich auf die Waage, da der Begriff vom lateinischen bilancia (= Waage) abstammt. Neben rein finanziellen Aspekten werden von Unternehmen zunehmend auch soziale und ökologische Bilanzen gefordert. Vor dem Hintergrund der Zusammenhänge von finanziellen und sozialen Bereichen kritisieren die Gemälde von Warhol und Rauschenberg ebenso die gesellschaftliche Erwartung einer Selbstoptimierung wie Arbeiten von Sturtevant, Jeff Koons und Kawita Vatanajyankur. Die Schwierigkeit, gesellschaftliches Ungleichgewicht durch die Etablierung neuer Ordnungen zu überwinden, thematisieren die Arbeiten von Joseph Beuys, Douglas Gordon, Gülsün Karamustafa und auch Andy Warhols monumentales Gemälde „Mao“, das mit der Wiedereröffnung der Kleihueshalle seit längerer Zeit wieder zu sehen ist.

Mit der Wiedereröffnung der Kleihueshalle nach umfassender Sanierung zeigt die neue Sammlungspräsentation 39 Werke der Sammlung Marx, der Sammlung der Nationalgalerie und Leihgaben von Leonor Antunes, Georg Baselitz, Joseph Beuys, Ross Bleckner, Francesco Clemente, Enzo Cucchi, Dan Flavin, Günther Förg, Douglas Gordon, Andreas Gursky, Keith Haring, Donald Judd, Gülsün Karamustafa, Anselm Kiefer, Imi Knoebel, Jeff Koons, Mark Lammert, Inge Mahn, Robert Rauschenberg, Ugo Rondinone, Ulrike Rosenbach, Salomé, Sturtevant, Fiona Tan, Cy Twombly, Kawita Vatanajyankur, Raul Walch und Andy Warhol.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Mittwoch: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20:00 Uhr
Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum