1891 wird in Augsburgs Innenstadt das erste von Frauen geleitete Fotoatelier in der Stadt eröffnet – eine Filiale des berühmten Münchner Atelier Elvira. Die Inhaberinnen sind die 26-jährige Sophia Goudstikker und ihre acht Jahre ältere Lebenspartnerin Anita Augspurg. Die Leitung der Filiale übernimmt kurz nach der Gründung Sophias Schwester, die erst 17-jährige Mathilde Nora Goudstikker. Die neue Ausstellung im Grafischen Kabinett „Die modernen Frauen des Atelier Elvira“, die am 25. Juni star-tete, begibt sich auf Spurensuche nach diesen drei außergewöhnlichen und moder-nen Frauen und ihrem Erfolg. 

Enge Verbindung zur Emanzipationsbewegung 
„Die Geschichte der drei Frauen ist nicht nur ein wichtiger Teil der Augsburger und Münchner Stadtgeschichte, sie ist auch eng mit der bayerischen und deutschen Emanzipationsbewegung verbunden“, so Jürgen K. Enninger, Kulturreferent der Stadt Augsburg. „Die Ausstellung beleuchtet auf ansprechende und aufschlussreiche Weise das Leben und das Wirken der drei außergewöhnlichen Frauen, die sich auf-machten, mitten im Theaterviertel nach heutiger Lesart ein kulturwirtschaftliches Startup zu gründen. Zudem macht sie uns vertraut mit einem wichtigen, aber für viele noch unbekannten Aspekt unserer Stadt im 19. Jahrhundert.“ 

Drei außergewöhnliche Frauen
Seit 1887 sind Sophia Goudstikker und Anita Augspurg als höchst erfolgreiche Unternehmerinnen in München stadtbekannt: Beide bringen aktiv die moderne Frauenbewegung voran. Die Augsburger Filiale des Atelier Elvira ist Existenzgründung für Sophias jüngste Schwester, Mathilde Nora Goudstikker. Sie übernimmt die Leitung des Geschäfts in der heutigen Ludwigsstraße 22, ein bewusst gewählter Standort in der Nähe des neuen Stadttheaters. Die junge Fotografin trifft auf viele Persönlichkeiten wie zum Beispiel Karl-Ludwig Fugger-Babenhausen, die Dirigenten Hans von Bülow und Felix Mottl, den Pionier der Orthopädietechnik Friedrich Hessing sowie den jungen Rainer Maria Rilke. 

Anita Augspurg (1857–1943) 
Anita Augspurg wächst als Juristentochter im niedersächsischen Verden an der Aller auf. Die Eltern bewilligen ihr ein Studienjahr in Berlin, um Lehrerin zu werden. Dort nimmt sie heimlich Schauspielunterricht und wohnt bei einem künstlerisch gut vernetzten Frauenpaar. Als Mitglied der Meininger Hofbühne tritt sie seit 1881 auf Europas Bühnen auf. Danach erhält sie Engagements in Riga, Amsterdam und Altenburg. Bei einem Gastspiel in Dresden trifft sie 1886 in der Malschule ihrer Schwester Amaie auf Sophia Goudstikker und zieht mit ihr nach München, um dort im Folgejahr das Atelier Elvira zu eröffnen. 1893 beginnt sie ihr Studium der Rechtswissenschaften in Zürich und ist 1897 Deutschlands erste promovierte Juristin. Fortan engagiert sich die überzeugte Pazifistin Anita Augspurg für das Frauenstimmrecht und die internationale Frauen- und Friedensbewegung. Es ist mit ihr Verdienst, dass 1919 Frauen in Deutschland erstmals wählen dürfen. 

Sophia Goudstikker (1865–1924) 
Sophia Goudstikker kommt in Rotterdam zur Welt und stammt aus der niederlän-disch-jüdischen Kunsthändlerfamilie Goudstikker. Sie wächst in Hamburg und Dresden auf und wird mit dem Atelier Elvira in München die erste berühmte Fotografin der Gegenwart. Als erste Frau erhält sie 1894 von Prinz Ludwig von Bayern den Titel ei-ner Hofphotographin. Es folgen der Königlich Bayerische Hoftitel sowie die Hoftitel von Prinz Alphons von Bourbon und Prinz Albert von Belgien. Für ihre Leistungen wird ihr die Goldene Ludwigsmedaille für Wissenschaft und Kunst verliehen. Im Akademisch-dramatischen Verein München tritt sie erfolgreich als Schauspielerin auf, auch in Stücken von Henrik Ibsen. Sophia Goudstikker beginnt ihr politisches Engagement in der von ihr 1894 mitgegründeten Gesellschaft für geistige Interessen der Frau, dem späteren Verein für Fraueninteressen. 1898 gründet sie die Rechtsschutzstelle für Frauen in München. Sie ist ab 1908 die erste vor Gericht zugelassene Verteidigerin von Frauen und Jugendlichen in Deutschland und setzt sich bis zu ihrem Tod unermüdlich für sie ein. 

Mathilde Nora Goudstikker (1874–1934) 
Die bisher kaum bekannte Schwester Sophias ist das jüngste Kind der Familie: Mathilde Goudstikker. Sie wächst in Dresden im Umfeld der Malschule von Anitas Schwester, Amalie Augspurg, auf. 1891 zieht sie im Alter von 17 Jahren zusammen mit ihrer Mutter nach Augsburg, wo sie die neu eröffnete Filiale des Atelier Elvira als Geschäftsführerin für mehrere Jahre erfolgreich leitet. Nach deren Verkauf arbeitet auch sie im Münchner Haupthaus des Ateliers in der Von-der-Tann-Straße. Dort lernt sie 1897 bei einem Fototermin Rainer Maria Rilke kennen, der ihr daraufhin erfolglos zahlreiche schwärmerische Briefe schreibt und sogar ein Theaterstück widmet. Mathilde Goudstikker heiratet 1903 den Königlichen Militär-Bauamtmann und späteren Architektur-Professor der Technischen Universität München, Sigismund Göschel. Von seinen Bauten fertigt sie beeindruckende Architekturfotografien an. 

Das Atelier Elvira in Augsburg 
Von Anfang an stehen im Atelier Elvira nicht nur Künstlerinnen und Künstler vor der Kamera, sondern auch die bayerische Königsfamilie und die bisher unbekannte Namensgeberin des Ateliers, welche die Kuratierenden durch eine neu entdeckte Textquelle als die bayerische Prinzessin Elvira (1868–1943) identifizierten. Der Titel „Hofatelier“ lässt nicht lange auf sich warten. Massenhaft werden die Abzüge der prominenten Fotomodelle verkauft, im 19. und frühen 20. Jahrhundert die einträglichste Geldquelle von Fotoateliers. 

Neue Forschungsergebnisse 
In der Ausstellung werden auch eindrucksvolle neue Forschungen präsentiert, die die Kuratierenden Dr. Ingvild Richardsen, Christoph Sauter und Daniel Karrasch im Rahmen der Ausstellungskonzeption herausarbeiten konnten. Bemerkenswert ist die für die Schau nachvollzogene Kolorierung der Fassade des Hof-Atelier Elvira in München. 1898 mit dem Jugendstil-Architekten August Endell gestaltet, erschaffen die Fotografinnen mit dem Neubau direkt am Englischen Garten ein Initialwerk des Jugendstils in München und einen deutschlandweiten Skandal, ausgelöst durch die überbordende Ornamentik im Innenraum und der Fassade. Im Rahmen der Ausstellung kolorierte Christoph Sauter eine Fotografie des auffälligen Fassadenornaments möglichst originalgetreu. Denn die spezifische Farbigkeit bleibt in schwarz-weiß Aufnahmen verborgen. Um eine möglichst realistische Farbgebung des lila-grünen Farbenelemente zu erhalten, forschte Sauter mühevoll in den überlieferten Schriftzeugnissen. Denn bereits 1937 wurde das ikonografische Fassadenornament durch die Nationalsozialisten abgeschlagen, das Gebäude selbst im Zweiten Weltkrieg zerstört und die Geschichte des Atelier Elvira zum Mythos. 

Unterstützer der Ausstellung 
Die Ausstellung wird freundlicherweise unterstützt von der Ernst-von-Siemens-Kunst-stiftung, der Arno-Buchegger-Stiftung, dem Bezirk Schwaben, der Kurt und Felicitas Viermetz-Stiftung, der Peter-Dornier-Stiftung und der Richard-Stury-Stiftung. 

Katalog zur Ausstellung 
Der opulent bebilderte Katalog erscheint im Volk-Verlag: Ingvild Richardsen (Hrsg.) Die modernen Frauen des Atelier Elvira in München und Augsburg 1887–1908 München 2022. 240 S., zahlr. Abb., 29 Euro