Spiegel als Material künstlerischer Produktion haben einen hohen Reiz. Durch ihre reflektierenden Oberflächen können sie reale Objekte abbilden und vervielfachen. Mit mehreren Spiegeln lassen sich Labyrinthe bauen, die unsere Sinne täuschen. Spiegel erweitern und kommentieren den Ausstellungsraum, sie können das Publikum zum Teil eines Werks werden lassen und mit ihm in einen Dialog treten.

In der Malerei haben Spiegeldarstellungen eine lange Tradition. Berühmte Darstellungen wie Jan van Eycks „Hochzeit des Giovanni Arnolfini“ oder Caravaggios Gemälde des „Narziss“ zeugen davon, mit welchem Können Maler spiegelnde Oberflächen in ihre Werke integrierten.

Die Geschichte des Spiegels als bildnerischen Materials ist hingegen deutlich kürzer. Hier sind es vor allem die Künstler*innen der ZERO-Gruppe sowie deren Umkreis, die mit Glas, Spiegeln und Licht optischen Phänomenen nachspürten. Neben Heinz Mack, der mit Spiegeln in der Wüste Lichtereignisse der besonderen Art inszenierte, war es Adolf Luther, der Spiegel und Glas als Medien nutzte, um völlig neue Raumeindrücke zu schaffen. Vor allem durch den Einsatz von gebogenen Scheiben (Hohlspiegeln) machte er sich optische Phänomene zu Nutze und schaffte es gleichzeitig, eine völlig neue Interaktion mit dem Publikum zu erreichen, das sich vorm Werk verzerrt und vervielfältigt. Auch Uli Pohl hat für seine konkreten Skulpturen Spiegel und Plexiglas genutzt, um faszinierende Bildwirkungen zu erreichen. Beide Aspekte, also die Optik und der Publikumsdialog, wurden in der zeitgenössischen Kunst weitergeführt und noch verschärft, etwa bei LELLO//ARNELL, Timo Nasseri und Germaine Kruip.

Dadurch dass man sich selbst im Spiegel sieht, ist er ein ideales Motiv für Werke, die sich mit dem Selbst auseinandersetzen. Sali Muller etwa verhandelt mit spiegelnden Werken eine aktuelle Orientierungslosigkeit des Menschen. Zerbrechlichkeit ist im Werk von Till Schilling ein wichtiges Thema. Hier treffen Stoffeigenschaften und Sinnbildhaftigkeit aufeinander. Sich Zeit zu nehmen, um sich mit sich selbst zu beschäftigen, wurde für den Künstler Jeppe Hein zu einem zentralen Aspekt seines Arbeitens. Seine Spiegelwerke stellen Fragen nach der Konstitution des Seins, ebenso wie Claudia Mann.

Spiegel können auch als gesellschaftlicher oder politischer Kommentar fungieren. Josephine Meckseper und Sylvie Fleury verhandeln am Motiv des Spiegels Aspekte unserer Konsumkultur. Slavs and Tatars zeigen am Beispiel von sich in der Geschichte mehrfach geänderte Städtenamen die Auswirkungen von Glaubens- und Machtkämpfen. Lukas Glinkowski lässt sich von Schmierereien und Graffiti auf öffentlichen Toiletten oder anderen Nicht-Orten zu Malereien auf Spiegel inspirieren.

In der Gesamtschau möchte „Spieglein, Spieglein…“ das bildnerische Potenzial von Spiegeln erkunden und dabei festhalten, wie der besondere Werkstoff mit inhaltlichen Fragestellungen verknüpft wird und wie sich beide Aspekte bedingen.

Mit Werken von:
Robert Barry / Sylvie Fleury / Lukas Glinkowski / Germaine Kruip / Brigitte Kowanz / Jeppe Hein / Camill Leberer / LELLO//ARNELL / Adolf Luther / Lászlo Moholy-Nagy /Josephine Meckseper / Heinz Mack / Claudia Mann / Sali Muller / Timo Nasseri / Uli Pohl / Till Schilling / Slavs and Tatars


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11:00 - 17:00 Uhr
Mittwoch: 13:00 - 19:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kunstmuseum-heidenheim.de

Sali Muller Selfiebox, 2020 VSG doppelseitiger Spiegelwürfel 40 x 40 x 40 cm © Sali Muller
17.07. - 30.10.2022

Spieglein, Spieglein…

Kunstmuseum Heidenheim

Marienstr. 4
89518 Heidenheim