Raimund Girke (1930–2002) gilt als einer der maßgeblichen Wegbereiter der analytischen Malerei, der durch seine Auseinandersetzung mit der Farbe Weiß bekannt geworden ist. Aus Anlass seines 20. Todestages in diesem Jahr widmet das MKM Museum Küppersmühle dem Künstler eine umfangreiche Retrospektive, die Werke aus fast 50 Schaffensjahren umfasst und seinen bedeutenden Beitrag zur deutschen Malerei nach 1945 würdigt.

Ausgehend von gestisch-informeller Abstraktion gelangte Raimund Girke gegen Ende der 1950er-Jahre zu beinahe monochromen Bildern. Er reduzierte seine Palette auf wenige Farben und thematisierte diese als Lichterscheinungen, die er auf verschiedene Weise bis hin zur optischen Irritation rhythmisch strukturierte. Die zunehmende Verfeinerung des Pinselduktus’ führte Girke schließlich in den 1960er-Jahren hin zum Verzicht auf jede Malgeste: Mit der Verwendung der Spritzpistole erreichte er eine gleichmäßig-homogene Verteilung seiner nun fast ausschließlich weißen Farbe. Die Bilder dieser Zeit sind oftmals horizontal gegliedert oder in kaum mehr differenziert wahrnehmbaren Abschattungen und Hell-Dunkel-Übergängen fein gerastert. Sie sind eine Herausforderung an die Wahrnehmung des Publikums.

1963 formulierte Girke über diese Werke:
"Ich will in meinen weißen Bildern den Bildraum nicht fixieren, sondern das Bild in ein Stadium führen, das über die Bewegung in der Fläche hinaus die unbegrenzte räumliche Bewegung ermöglicht. Diese beruht auf dem feinnuancierten, an- und abschwellenden Weiß. (...) Das Weiß entzieht sich jeder Festlegung, es scheint sich ständig auszudehnen und zu verändern. Es ist Ruhe und Bewegung zugleich, ist grenzenlos und nimmt dem Bild seinen materiellen Zustand."
(aus: Raimund Girke - Texte 1960-1995 - Publikation zur Ausstellung im Kunsthaus Zug, 1995)

Zu Beginn der 1970er-Jahre verwarf der Maler die Spritztechnik wieder zugunsten einer ausdrucksstärkeren Gestik. In den Bildern dieser Zeit brechen breite Pinselstriche ihre eigene, weiterhin oft horizontal gestaffelte Ordnung dynamisch auf. Bewegung und Tiefe kommen in das Bildgeschehen, die Fläche wird zum Hell-Dunkel-Phänomen. Seit Mitte der 1980er-Jahre pulsiert Girkes Farbe wieder in einem breiteren Spektrum, das nun auch Erdfarben oder vielfältige Blautöne enthalten kann. Pinselstriche bewegen sich kraftvoll mit- und gegeneinander oder vernetzen sich in einem über das Bildformat hinausweisenden dynamischen Geflecht. Dabei ist das Malverfahren über die Pinselspuren immer deutlich ablesbar, was eine verblüffende Diskrepanz ergibt zu der spirituell-meditativen Wirkung dieser entgrenzten Werke jenseits von Fläche oder Raum.

Raimund Girke wurde am 28. Oktober 1930 in Heinzendorf bei Breslau als Sohn des Lehrers und Schulleiters Arthur Girke und seiner Frau Elise Girke geboren. Ende des zweiten Weltkriegs floh die Familie aus Niederschlesien und ließ sich im Osnabrücker Land nieder. Nach seinem Abitur 1951 in Quakenbrück studierte Girke bis 1952 an der Werkkunstschule Hannover und anschließend bis 1956 an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf, zuletzt bei Georg Meistermann.

1959 erhielt Raimund Girke den Preis der Stadt Wolfsburg für Malerei und 1962 den Kunstpreis der Jugend Baden-Württemberg.
Von 1966 bis 1971 war er Dozent an der Werkkunstschule Hannover, von 1971 bis 1996 Professor an der Hochschule der Künste Berlin. Seit den 1980er-Jahren hatte Girke ein Atelier in Köln. 1995 erhielt er den Lovis-Corinth-Preis, 2002 den niedersächsischen Kunstpreis.
Am 12. Juni 2002 verstarb Raimund Girke in Köln.

Auf frühe bahnbrechende Gruppenausstellungen zur monochromen Malerei, u.a. 1960 im Städtischen Museum Leverkusen, Schloß Morsbroich, und 1965 im De Cordova Museum, Lincoln, Mass., folgten bald Einzelausstellungen, etwa 1967 im Städtischen Kunstpavillon Soest, 1969 in der Kestner- Gesellschaft Hannover und 1974 im Städtischen Kunstmuseum Bonn. 1977 nahm Girke an der documenta 6 in Kassel teil. Weitere Gruppen- und Einzelausstellungen schlossen sich an, u.a. 1975 im Stedelijk Museum, Amsterdam, 1982 im Kunstmuseum Düsseldorf und 1994 in der Zeche Zollverein. 1995/96 wurde eine erste umfassende Retrospektive an den Stationen Sprengel-Museum Hannover, Von der Heydt-Museum Wuppertal, Saarlandmuseum Saarbrücken und der Kunsthalle Nürnberg gezeigt. 2000 fand in den Kunstsammlungen Chemnitz anläßlich von Girkes 70. Geburtstags seine letzte große Einzelausstellung zu Lebzeiten statt. Nach seinem Tode 2002 wurden ihm neben zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland umfangreiche Retrospektiven im Josef Albers Museum Quadrat Bottrop (2009), zum 10. Todestag im Museum Kurhaus Kleve (2012) und zum 90. Geburtstag im Kolumba Kunstmuseum Köln (2020) gewidmet.


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