Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet Ugo Rondinone (*1964) die erste große Überblicksausstellung in Deutschland und präsentiert mit „LIFE TIME“ zentrale Gemälde, Skulpturen und Videoarbeiten des Schweizer Künstlers, der international zu den bekanntesten seiner Generation zählt. In seinen Werken verleiht er alltäglichen Dingen und Phänomenen eine poetische Dimension. Ein Baum, eine Uhr, die Sonne oder ein Regenbogen – mittels Wiederholung, Isolation oder Reduktion setzt er sie in seinen charakteristischen, stets minimalistisch bespielten Räumen in einen neuen Kontext und schafft atmosphärische Stimmungsbilder. Eigens für die Schirn gruppiert er rund 80 seiner Arbeiten zu neuen Konstellationen und Abfolgen und schafft dadurch eine einmalige Installation, die sich über die gesamte Länge der Galerie, in die Rotunde und auf das Dach erstreckt. Ortspezifisch entwickelte der Künstler curved standing landscape with entry door (2022), eine seiner monumentalen landscape-Skulpturen aus Erde. Speziell für die Ausstellung entstanden zudem u. a. Tausende von Kindern gezeichnete Mondbilder, die unter dem Titel your age and my age and the age of the moon (2014-laufend) präsentiert werden – eine Meditation über das Universum.

Die Ausstellung „LIFE TIME“ verbindet wesentliche Themen, die Ugo Rondinones Werk seit
30 Jahren prägen: Zeit und Vergänglichkeit, Tag und Nacht, Realität und Fiktion, Natur und Kultur. Zentral für das Schaffen des Konzept- und Installationskünstlers sind das serielle Prinzip und die transmediale Variation von Motiven. Kunstwerke gehen aus Kunstwerken hervor, sind jeweils Teil einer Serie und bilden in Rondinones künstlerischem System werkübergreifende Beziehungen. Seine materiellen Beobachtungen verbinden das Subjektive mit dem Universellen und schaffen eine sinnlich-ästhetische Brücke zu den nicht vom Menschen gemachten Dingen. Immer wieder greift Rondinone in seinen Arbeiten auf die Ikonografie der Romantik zurück und webt sie ein in ein dichtes Geflecht aus Kunstgeschichte, Literatur und Popkultur. Der Ausgangspunkt seines multimedialen Œuvres ist die Transformation der Außenwelt in eine subjektive, emotionale Innenwelt. Er entwirft Erfahrungsräume, in denen Raum und Zeit im individuellen Rhythmus des Wahrnehmens verschwinden und die Betrachterinnen und Betrachter selbst Teil der Installationen und ihrer immersiven Anlage werden.

Die Ausstellung „Ugo Rondinone. LIFE TIME“ wird unterstützt von Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung. Das Kinderprojekt „Schirn Stars“ wird gefördert durch den Verein der Freunde der Schirn Kunsthalle e. V.

Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt, über die Ausstellung: „Das Schaffen Ugo Rondinones verfolge ich seit vielen Jahren mit großer Begeisterung. Umso glücklicher bin ich, dass der Künstler unserer Einladung gefolgt ist, seine erste große Überblicksausstellung in Deutschland in der Schirn zu präsentieren. Seine Werke wurden fast überall auf der Welt gezeigt und man kennt seine leuchtenden Regenbögen aus New York, Paris oder Shanghai. Nun erstrahlt eine dieser großartigen Arbeiten in Frankfurt über der Schirn. Auch wenn Rondinone zu den bekanntesten Künstlern seiner Generation zählt, stets bleibt sein Werk, getragen durch eine eigentümliche Poesie und begründet in einer subjektiven, gleichsam universellen Phänomenologie, faszinierend und ergreifend zugleich.“

Matthias Ulrich, Kurator der Ausstellung, über den Künstler: „Geprägt durch biografische Erlebnisse, wie den frühen Tod seines an AIDS erkrankten ersten Partners, spricht Ugo Rondinone mit seinen Werken existenzielle Bereiche an. Eine grundsätzliche melancholische Stimmung mit Blick auf ein universelles Weltbild findet sich in jeder seiner Arbeiten. Das seriell angelegte Motiv ebenso wie der strukturelle Entwurf, der sich etwa in der Titelgebung spiegelt, sind Teil dieses Konzepts. Hinzu kommen wiederkehrende kunsthistorische Referenzen, die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Medien und ein partizipativer Gedanke. Bedingt durch diese diversen Ebenen seiner Kunst geraten die Betrachterinnen und Betrachter unweigerlich in den Sog von Rondinones Kosmos.“

RÄUME UND WERKE DER AUSSTELLUNG
Die Schau „LIFE TIME“ umfasst neben dem Hauptteil in der Galerie der Schirn das Dach sowie den Außen- und Innenbereich der Rotunde. Schon von Weitem ist der auf dem Dach befestigte, aus den zwei geschwungenen Wörtern bestehende Regenbogen life time (2019) zu sehen. Die großen titelgebenden Leuchtbuchstaben, die speziell für die Ausstellung produziert wurden, zählen zu Rondinones Werkgruppe rainbow, die mit poetischen Wortkombinationen innere Stimmungen und zeitlose Wahrheiten transportiert und als Kunst im öffentlichen Raum so viele Menschen wie möglich erreichen soll. Die Regenbögen behandeln Themen wie Tag und Nacht, Homosexualität, Freiheit und Toleranz sowie bei life time die eigene Lebenszeit und die überdauernde Präsenz eines Kunstwerkes.

Eine weitere Arbeit, die sich mit Zeit als individueller Phase auseinandersetzt, findet sich im Mittelpunkt des öffentlich zugänglichen Außenbereichs der Rotunde. Die sechs Meter hohe Skulptur flower moon (2011), ein weiß emaillierter Aluminiumabdruck eines 2000 Jahre alten Olivenbaumes, bestimmt die zylindrische Architektur des Ortes und ist Ausdruck eines überdimensionalen Zeitraums sowie einer Erinnerung, die im Kontext des Universums unbedeutend gering erscheint.

Im inneren Rundgang der Rotunde befinden sich unzählige Mondbilder, die Kinder im Auftrag des Künstlers auf schwarzes Papier gemalt haben. Mit dem Titel der Installation your age and my age and the age of the moon spielt Rondinone auf eine demütige Haltung des Menschen gegenüber dem Milliarden Jahre alten Universum an und reflektiert den Mond als Projektionsfläche von Träumen, wie dies bereits in der deutschen Romantik zu finden ist. An der gegenüberliegenden, nach außen gerichteten Verglasung des Rotundenrundgangs haftet eine mit weißer Farbe gemalte Ziegelsteinwand. Die Arbeit bright shiny morning (2010) lässt nur durch die durchsichtigen Fugen Licht ein, unterbricht den für die Rotunde charakteristischen Aus- bzw. Einblick und berührt so das Verhältnis von Innen und Außen.

Der Hauptteil der Ausstellung durchzieht in fünf Bereichen die gesamte Galerie der Schirn. Darin entspinnt sich eine Erzählung, die dem Übergang von der Nacht in den Tag folgt, von der Dunkelheit ins Licht. Der erste und dunkelste Raum umfasst Arbeiten aus vier Werkserien. Der auf dem Boden liegende Clown ist Teil einer Gruppe von acht Clownfiguren, die gemeinsam den Titel if there were anywhere but desert. (2000-2002) nach einem Gedichtband von Edmond Jabés tragen, dessen einzelne Gedichte einen zusammenhängenden Text ergeben. Alle sind Abgüsse realer Personen. Während die anderen sieben Figuren nach den einzelnen Wochentagen benannt sind, ist der in der Schirn präsentierte Clown mit der Null betitelt. Er trägt die Maske des als traurig und melancholisch geltenden Pierrots und verweist historisch auf dessen romantische Phase in der Commedia dell’Arte. Seine passive Haltung lässt auf Ablehnung, Einsamkeit oder Weltabgewandtheit schließen. Umgeben ist die Skulptur von sieben großformatigen Sternenbildern der Werkgruppe star (2008-2012). Wie in vielen seiner Arbeiten greift Rondinone in den mithilfe von Sand und Steinen hergestellten Sternenbildern archetypische Phänomene auf. Ergänzt werden Clown und Sternenbilder durch eine schwarze, den Rest der Welt ausschließende Holztür mit dem Titel zero zany zone (2019) sowie die aus Gummi gefertigte Maske moonrise (2003). Sie lehnt sich an Masken der in Alaska lebenden Indigenen Yupik-Bevölkerungsgruppe an, die sich in ihrer spirituellen Lebensweise nach den Mondphasen richtet.

Im nächsten, vornehmlich von Brauntönen dominierten Raum findet sich die eigens für die Schirn konzipierte Arbeit curved standing landscape with entry door (2022) als Teil einer 2013 begonnenen Serie ortspezifischer Skulpturen aus Erde. Die monumentale Wand aus einem speziellen Erdgemisch wölbt sich wie ein senkrecht gekipptes Stück natürlichen Bodens entlang der gebogenen Rotunden-Architektur. Auch hier spiegeln sich Grundprinzipien Rondinones, ein Stück der draußen liegenden Umwelt wird nach innen geholt und Realität so zur Fiktion, Natur zu Kunst. Der Künstler zitiert die Land Art der 1960er-Jahre und stellt Assoziationen etwa zu den überdimensionalen Skulpturen Richard Serras her. Auf dem Boden verteilt sind 13 sitzende, lebensgroße Figuren. Die Abgüsse von nackten Tänzerinnen und Tänzern, in Erdtönen gehalten, gehören zu der Werkgruppe nude (2010/11). Abgewandt, in sich versunken und mit reduzierten individuellen Merkmalen, erhalten sie eine anonyme universale Identität und erinnern in ihrem passiven Ausdruck an Rondinones Clowns. Die sakrale Anmutung des Ausstellungsraumes wird durch die Lichtstimmung dreier runder Farbglasfenster von 2016 unterstrichen, die eine Verbindung zur Außenwelt bilden und von denen eines direkt in die Wand der Schirn eingelassen ist. Sie bestehen aus konzentrischen Kreisen mit zwölf römischen Ziffern und ähneln so, gemäß ihrem Titel clock, einer Uhr. Ohne Zeiger ihrer Funktion enthoben, vermitteln die Zeitfenster vielmehr Zeitlosigkeit und verweisen auf die Bewegung des Lichts und der Erde.

Die Fragen nach dem Verhältnis von Kultur und Natur, Beständigkeit und Vergänglichkeit, von Innen und Außen setzen sich in der großen, aus drei Werkgruppen bestehenden Installation im folgenden Raum der Ausstellung fort. Die fünf amorphen grauen Steinskulpturen der 20-teiligen Serie we run through a desert on burning feet, all of us are glowing our golden faces look twisted and shiny. (2008) weisen deutliche Bezüge zur klassischen Moderne auf, etwa zu Arbeiten von Henry Moore oder Auguste Rodin. Angelehnt an sogenannte chinesische Gelehrtensteine, als deren Urheberin die Natur selbst gilt, stellen die Skulpturen eine Verbindung zwischen geistiger und natürlicher Welt her. Sie gleichen Wolkenformationen, in denen jede Betrachterin und jeder Betrachter etwas Individuelles, Persönliches entdecken kann. Ergänzt werden diese Arbeiten durch die Gruppe diary (2005-2015), schwarz-weiße Zeichnungen auf mit Gips grundierten Leinwänden. Mehrheitlich sind es Fensterstudien, die wie Skizzen realer Szenerien wirken und Intimität und Privatheit suggerieren. Verstärkt werden diese Aspekte durch eine Serie direkt auf die Ausstellungswände geschriebener Gedichte. Im Gegensatz zu formal ähnlichen Graffiti oder Wandgemälden muss man beim Lesen der poems (2007) sehr nah herantreten. Rondinone schafft so eine intime Situation zwischen Werk und betrachtender Person. Auch hier zeigt sich ein zentraler Aspekt seines gesamten Œuvres: die Wirkung einer Atmosphäre auf das Denken und Fühlen. Ebenso eindrücklich markiert die mit einem Durchgang versehene Wandinstallation far away trains passing by (1991) aus weißen Holzbrettern den Wechsel in den nächsten Ausstellungsbereich.

Der vierte Raum erscheint durch die Filminstallation it’s late and the wind carries a faint sound as it moves through the trees (...). von 1998 mit blauem Licht erleuchtet. Die Installation besteht aus zwölf Sequenzen, die auf sechs Leinwänden in Endlosschleife präsentiert werden. Bereits durch diese Anordnung nimmt sie das Motiv der endlosen Wiederholung alltäglicher menschlicher Handlungsabläufe auf, die durch den Rhythmus des Songs Everyday Sunshine von Fishbone synchronisiert werden. Eine Frau betritt unablässig einen dunklen Raum. Ein Mann bewegt stetig einen Vorhang hin und her. Es gibt keinen weiteren Kontext. Die Fantasie der Beobachterin und des Beobachters bestimmt die Szenerie, die inhaltlich offenbleibt.

Acht Werke mit dem Titel pure sunshine (2012) illuminieren den hellsten und letzten Raum der Ausstellung in strahlendem Gelb. Die auch als Mandalas oder Target-Paintings bekannten kreisrunden Bilder, die Rondinone 1992 zu malen begann, erzeugen mit pulsierenden, vibrierenden Konturen den Eindruck von Bewegung und reihen sich so in die Tradition der Op-Art ein. Sie strahlen Licht nach außen und erzeugen gleichzeitig das Gefühl, Wahrnehmung zu absorbieren und nach innen zu ziehen. So wie diese atmosphärische Bewegung als Oszillation von Innen und Außen zu verstehen ist, verweist die Schneemaschine thank you silence (2005) auf die immer wiederkehrenden Motive von Gestern und Heute, von Tag und Nacht, Sommer und Winter. Tagsüber schneit es ruhig und leise weißes Papierkonfetti, das nachts immer wieder in die Maschine gefüllt wird, damit der Kreislauf am nächsten Morgen von Neuem beginnen kann. Abschließend finden sich auf dem Boden des Raumes aufgereihte Bronzeskulpturen in Form von Äpfeln und Birnen, die zur Werkgruppe still.life. (2007-2013) gehören. Sie repräsentieren den Stillstand, einen eingefrorenen Moment in einem Lebenszyklus, der so die Vergänglichkeit des einzelnen Objekts unterstreicht.

Ugo Rondinone wurde 1964 im schweizerischen Brunnen im Kanton Schwyz geboren und lebt seit 1998 in New York. Seine Werke wurden in Einzelausstellungen in zahlreichen Museen und Kunsthallen der Welt gezeigt, so im Züricher Migros Museum für Gegenwartskunst, in der Kunsthalle Wien, im Australian Centre for Contemporary Art in Melbourne, im Museo de Arte Contemporaneo de Castilla y Leon, in der Whitechapel Gallery in London, im Garage Museum of Contemporary Art in Moskau, im Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam, im Palais de Tokyo in Paris oder im Institute of Contemporary Art in Boston.

KATALOG Ugo Rondinone. LIFE TIME, herausgegeben von Matthias Ulrich, mit Beiträgen von Dominic Eichler, Brigitte Franzen und Matthias Ulrich sowie einem Vorwort des Direktors der Schirn Kunsthalle Frankfurt Philipp Demandt. Deutsch-englische Ausgabe, 184 Seiten, 225 Abb., 31 x 24 cm, Softcover, Snoeck Verlag, ISBN 978-3-86442-342-0, 35 € (SCHIRN), 39,80 € (Buchhandel)

ARTIST TALK Am Freitag, den 24. Juni um 19 Uhr sprechen Ugo Rondinone und Kurator Matthias Ulrich über die Ausstellung mit anschließendem Booksigning im Foyer. Teilnahme kostenlos, Reservierung im Onlineshop, Teilnehmerzahl begrenzt.