Die Kunsthalle Bremen präsentiert vom 16. März bis zum 19. Juni 2022 eine umfassende Auswahl an Graphiken von Horst Antes. Antes ist einer der erfolgreichsten deutschen Künstler der Nachkriegsmoderne. Das Spektrum der präsentierten Werke reicht von seinen bekannten „Kopffüßlern“ in subtilen und linearen Farbradierungen bis zu den flächigen Variationen über Häuser und Zeitraumbilder der letzten Jahre. So umfassen die präsentierten Werke sein Schaffen von den 1960er-Jahren bis heute.

Die kometenhafte Karriere des jungen Horst Antes (*1936 in Heppenheim) ist ein legendäres Kapitel der deutschen Nachkriegsmoderne. Während die Abstraktion in der westlichen Kunstwelt Konsens war, ergriff Horst Antes die malerischen Mittel des Abstrakten, um jene wandelbare Figur zu verdichten, die die Kunstkritik bis heute mit dem Etikett „Kopffüßler“ versieht. Diese Kunstfigur machte Antes in den 1960er-Jahren berühmt. Er erhielt zahlreiche Kunstpreise und Stipendien und wurde zum prominentesten Vertreter der Neuen Figuration. Antes war in internationalen Ausstellungen vertreten und gewann ein begeistertes Publikum, das bis heute sein konsequent weiterentwickeltes Werk verfolgt. Dazu trägt auch ein nunmehr sechs Jahrzehnte umfassendes druckgraphisches Schaffen bei. 
Die Ausstellung in der Kunsthalle Bremen richtet den Fokus speziell auf die Radierungen. Im Alten und Neuen Studiensaal des Kupferstichkabinettes lassen 80 ausgewählte Blätter die künstlerische Entwicklung von Horst Antes in all ihren Kontinuitäten und Brüchen verfolgen. Die Radierungen wurden gemeinsam mit dem Künstler und mit dem Antes-Experten, Prof. Dr. Kurt von Figura, zusammengestellt. 

Radierungen aus den 1960er-Jahren
Die ersten Radierungen schuf Horst Antes 1962 als Stipendiat der Villa Romana in Florenz. Frei bewegte Linien, Flächen und amöbenhafte Figuren treiben in diesen subtilen Strichätzungen und Kaltnadelradierungen umher. Zu einer unvergleichlich produktiven Schaffensperiode wird dann das Jahr 1964; in Karlsruhe entstehen in diesem einen Jahr allein 300 Radierungen. Aus dieser besonderen Phase zeigt die Ausstellung spannende Beispiele, darunter auch die Abwandlung von Motiven in Zustandsdrucken, durch das Kolorieren oder Übermalen. Die Experimentierfreude des Künstlers wird in seinen vielfältigen Arbeiten deutlich, in denen er verschiedene Radiertechniken und teils komplexe Verfahren nutzt. 

Künstler- und Radierungsbücher
Herausragende Exponate dieser Zeit sind das Künstlerbuch „Radierungen zu 17 Gedichten von Cesare Pavese“ (1964/65) und allem voran das „Das Radierungsbuch“ (1969), ein Meisterwerk, in dem der Peintre-Graveur Horst Antes all seine Register zieht: motivisch von abstrakten Darstellungen bis zu Einzelfiguren und Szenen, technisch von der Strichätzung, Aquatinta oder Farbradierung bis zum Blindpräge- und Stempeldruck. Teils gibt es auch Überarbeitungen mit Aquarellfarbe. Ein Hauptwerk, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist, ist das 1977/78 entstandene Buch „Sicellino“, mit dem Antes sein Publikum in seine toskanische Wahlheimat entführt. Eine neue Leichtigkeit und Farbigkeit sowie die Auseinandersetzung mit der alten italienischen Kunstgeschichte haben in diesem Werk Einzug gehalten. 

Häuser- und Datumsbilder
In den 1990er Jahren werden dann in der Malerei wie im druckgraphischen Werk von Horst Antes zwei Motive dominierend. Zum einen ist es das vielfach variierte Motiv des Hauses. In einer beherrschten Bildsprache werden stark stilisierte Häuser ohne Fenster und Türen zu geheimnisvoll hermetischen Bildern. Zum anderen entstehen auch als Radierungen Zeitraumbilder, in denen der Künstler das Datum des Tages mit dem Datum eines neuen Tages überschreibt. Bis heute variiert Horst Antes mit beindruckender Obsession seine Häuser- und Datumsbilder – Werke, die über Raum und Zeit als bestimmende Dimensionen nachdenken lassen, und immer noch Figuratives enthalten. 

Anlass für die umfassende Ausstellung der Radierungen von Horst Antes ist die Erweiterung seines Werkverzeichnisses um einen Band mit über 500 erfassten Radierungen. Diese neue Publikation umfasst alle bis heute nachweisbaren Radierungen und baut auf dem 1968 von Professor Dr. Günther Gercken vorgelegten Werkverzeichnis auf.


Biographie 
Horst Antes, 1936 geboren in Heppenheim an der Bergstraße, lebt und arbeitet in Karlsruhe, Berlin und Florenz. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe bei HAP Grieshaber (1957-59) wurde Antes mit renommierten Preisen und Auszeichnungen bedacht (u.a. dem Kunstpreis der Stadt Hannover (1959), dem Kunstpreis Junger Westen (1961), dem Pariser Prix des artistes, mit Stipendien für Aufenthalte in der Villa Romana, Florenz (1962) und der Villa Massimo, Rom (1963)). Antes’ Wirken als Maler, Zeichner, Graphiker und Bildhauer und seiner weit gefächerten Sammeltätigkeit (u.a. von Katsina-Figuren) werden international zahlreiche Einzelausstellungen (auch in der Kunsthalle Bremen, 1971/72 und 1983) und Gruppenausstellungen gewidmet (u.a. Teilnahme an der documenta III (1964), der documenta IV (1968), der XXXIII. Biennale von Venedig (1966) und der documenta VI (1977)). 1984 wurde er als Professor an die Staatliche Akademie für Bildende Künste Karlsruhe berufen. 1989 erhielt er den Hans-Molfenter-Preis, Stuttgart, 1991 den Großen Preis der Biennale Sao Paulo. Seine Werke sind international in bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. 

Abb. v.l.n.r.: Horst Antes, „Porträt (florentinisch)“, 1977, 5-farbige Strichätzung, Foto: Martin Liebetruth | Horst Antes, „Drei Häuser (Familie),