Hyperborea, das sagenhafte Land des Altertums hoch im Norden, gelegen jenseits der Gebirge am Rand der einst bekannten Welt, bezeichnet einen mythischen Sehnsuchtsort als ideales Refugium unbeschwerter Existenz und Kunstübung, bei dem Phantasie und Wirklichkeit verschmelzen, Imaginationen glaubhaft werden und Reales sich verwandelt. Deshalb auch, und weil ihn die archaische Nordlandschaft in ihrer magischen Ursprünglichkeit nicht nur fesselt und fasziniert, sondern zur Metapher seines Strebens wird, präsentiert Martin Voigt die erste große Museumsschau seines noch jungen Schaffens unter dem Titel dieser paradiesischen Urheimat des Menschen, die für das Wesen seiner künstlerischen Weltvorstellungen als Ganzes steht, für die Gesamtheit seiner bildphilosophischen Manifestationen von der Landschaft über das Antlitz des Menschen bis zu ikonischen Objekten, die sich als Stillleben von überwältigender Schönheit und Morbidezza zeigen. 

Die Werkschau des 1990 in Leipzig geborenen Künstlers umfasst 125 Exponate aus dem Schaffenszeitraum von 2014 bis 2021. Der gelernte Steinmetz nahm 2013 ein Studium  an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig auf, das er in der Fachklasse für Malerei und Grafik bei Prof. Annette Schröter 2018 mit Diplom abschloss. So befinden sich in der Ausstellung, die Gemälde, Zeichnungen und Radierungen zeigt, neben neusten Werken aus dem letzten Jahr auch zahlreiche Arbeiten aus der Studienzeit.

Der Zeichnung kommt im Schaffen von Martin Voigt von Anbeginn zentrale Bedeutung zu. Mehr noch: Zeichnen als praktische Tätigkeit wie geistige Konzeption ist die Grundlage seiner Kunst, es ist Entwurf und Erkenntnismittel, Übungsaufgabe und visuelles Gedächtnis, aber auch Realisat vollendet ausformulierter Bildlösungen. Anfänglich waren es hauptsächlich Graphitarbeiten, hin und wieder gemischt mit Silberstift, auch Tusche. Später finden sich zudem Rötel und schließlich Pastellkreide.

Der Ölmalerei wandte er sich verstärkt erst im Hauptstudium zu. 2015 datieren so die ersten erhaltenen Gemälde, die sich vorerst, bis kurz vor Studienende, nahezu ausschließlich auf kleinformatige Stillleben mit Vanitasmotiven beschränken. Dabei ging es ihm nicht um schön arrangierte Stillleben im klassischen Sinne, sondern um die malerische Formulierung von emblematisch verdichteten Einzelobjekten, die ihn interessierten. In der Hauptsache handelt es sich dabei um schlichte Naturobjekte, weshalb er statt von Stillleben lieber von ›Objektbildern‹ spricht. Es sind Fundstücke aus dem Wald oder aus dem Garten der Großmutter – Dinge also von einer eminent persönlichen, melancholisch-romantischen Bedeutung für ihn, die die unabwendbare Vergänglichkeit allen Seins vor Augen führen und Vanitasgedanken evozieren. 

Eine Studienreise nach Norwegen (Dezember 2017 – Februar 2018) brachte ihn zurück zur Landschaft, nicht in der Grafik, die am Anfang seines Schaffens dominierte, sondern in Zeichnung und Malerei. Das Sujet dieser Werke sind trübe, unwirtliche Nordlandhabitate, deren unberechenbare Tiefe hinter undurchdringlichen Nebeln verborgen liegt, was dem Raum sichtbare Weite nimmt und eine abgeschiedene Intimität gibt, die in der Kunst wenig Vergleichbares findet. Im eigentlichen Sinne sind es gar keine Landschaften, sondern wie die Stillleben des Malers ›Objektbilder‹, wobei die Protagonisten in diesem Fall Bäume sind – dunkel-romantische Baumwelten, die etwas Auratisch-Nebulöses haben, zu dem er einen ganz eigenen, besonderen Bezug verspürt. Es sind Seinsmetaphern, Reflexionsräume existenziellen Befindens voller Nähe, die es gestatten, vollkommen von dieser ursprünglichen Andersartigkeit jenseits aller Zumutungen des Alltags aufgenommen zu werden, sich von der Außenwelt abzuschirmen und in der Malerei wie der imaginierten Natur aufzugehen. 

Überschaut man das noch junge Œuvre dieses in jeder Hinsicht singulären Neuen Meisters, so offenbart sich ein überaus vielschichtiges und komplexes Universum künstlerischer und gedanklicher Gehalte, das zwei entscheidende Quellen hat, zu denen er sich als aufrichtiger hyperboreischer Geist von beeindruckender Könnerschaft und Wahrhaftigkeit rückhaltlos bekennt: »Es ist tatsächlich so, dass ich sehr viele Anregungen aus der Kunstgeschichte aufgenommen habe. Kunstgeschichte und Natur sind für mich die wichtigsten Einflüsse.« Gerd Lindner