Für sein Projekt Ein Lied für Deutschland untersuchte Jonas Höschl Plattformen, auf denen sich die Neue Rechte austauscht. Der Begriff „Neue Rechte” umfasst verschiedene Gruppierungen, die rechtsextremes Gedankengut verbreiten. Die tendenziell intellektuell ausgerichtete Bewegung versucht hierbei ans konservative Spektrum anzudocken, um so den Unterschied zwischen demokratischem Konservatismus und antidemokratischem Extremismus zu verwischen. Hierbei machen sich die Verantwortlichen gezielt gesellschaftliche Ängste und politische Herausforderungen zu Nutze, um Misstrauen gegenüber der Regierung zu schüren. Beispiele sind hier die Aufnahme von Geflüchteten oder jüngst die Coronapandemie, während der Demonstrationen gezielt von rechtsgewandten Kräften unterwandert oder gesteuert wurden. 

Ausgangspunkt für das Projekt des oberpfälzischen Künstlers sind Webseiten der radikalisierten Szene, auf denen kostenlos Tonmaterial zum Download zur Verfügung gestellt wird. Ziel der Bereitstellung ist es, einen deutschlandweit gleichbleibenden Ablauf von Demonstrationen und Aktionen sowie deren audio-visueller Gestaltung zu gewährleisten. Egal ob in Zwickau oder Regensburg, Köln oder Hamburg, die Kundgebungen sollen überall nach den gleichen, wohl durchdachten Mustern ablaufen. Durch dieses gezielte Kuratieren von Musikstücken soll ein chaotisches Durcheinander vermieden und klare Strukturen vorgegeben werden, um die Schlagkraft zu erhöhen und den diversen Gruppierungen ein einheitlicheres Auftreten zu geben. Oft verbreitet sich das Material auf Foren, die sich vordergründig mit Themen wie Corona- oder Impfskepsis beschäftigen, tatsächlich aber antisemitische und fremdenfeindliche Ideen verbreiten wollen.

Höschl interessierte sich vor allem dafür, welche Narrationen durch bestimmte Musikstücke erzählt werden sollen, und wie sich die Neue Rechte diese angeeignet, uminterpretiert und so propagandistisch einsetzt. 

Ein Lied für Deutschland basiert auf Fundstücken, die der Künstler von erwähnten Webseiten herunterlud. Zusammen mit dem Soundkünstler Kalas Liebfried editierte, collagierte, verdichtete, überlagerte und verzerrte Höschl das Tonmaterial. Ebenso wie die Neuen Rechten sich Musik aneignen, eignet sich der Künstler nun wiederum deren Material an, um deren Narrationen zu imitieren und damit zu dekonstruieren. In der Ausstellung kann man sich fragen, welche Botschaften die Neuen Rechten mit der Musik vermitteln wollen und ob es der Musik gelingt, das gefährliche völkische, identitäre, antipluralistische Weltbild zu vermitteln? Welche Bedeutung wird hierbei Schlagworten wie Heimat, Nationalstolz oder Nation beigemessen.      

Auch bei der Videoprojektion griff Höschl auf existierendes Material zurück. Es stammt größtenteils aus Youtube-Videos. Zu sehen sind Demonstrationszüge sowie zum Teil verbotene, propagandistische Bilder, die durch Videofilter und eingearbeitete Glitches verfremdet werden. Höschl selbst beschreibt seine Intention wie folgt: „Das Videomaterial wird angefressen, die Demonstrationen verschwimmen in Glitches, die Darstellung der Personen wird von Effekten wie aufgefressen.“

Fade Away Medley
Fade Away Medley ist ein Fotoprojekt Höschls, in dem er sich mit seinem Aufwachsen in der oberpfälzischen Provinz beschäftigt. Wie auch in anderen ländlichen oder kleinstädtischen Gegenden, ist das Erwachsenwerden und die damit verbundene Sozialisierung in ein mehr oder minder festes Korsett aus Normen, Regeln und Traditionen geschnürt. Viele dieser strukturgebenden Faktoren begründen sich mit dem häufig nicht näher definier- und begründbaren Wort „Heimat“, ein Begriff, den der Künstler als problematisch betrachtet und dem er in der jüngeren Vergangenheit eine erstaunliche Wiederkehr attestiert. Schwierig ist der Begriff vor allem dann, wenn sich junge Erwachsene nicht mit den als konservativ empfundenen Lebensentwürfen identifizieren und die Normen eher als einschränkend empfunden werden. 

Höschl zeigt in seinem Projekt einen losen Dialog an unterschiedlichen schnappschusshaften Motiven, die von Rebellion, Ausschweifungen, Abgrenzung und Tradition erzählen. Die Sammlung wurde als Buch veröffentlicht und ist erstmals in einer institutionellen Ausstellung in sensibel zusammengestellten Gegenüberstellungen zu sehen. 

Zu sehen sind auf der einen Seite Aufnahmen, wie man sie in jedem Dorf in Süddeutschland oder Bayerns finden könnte: fein geraffte Gardinen, Holzdekor, der sonntägliche Fruchtkuchen, Gotteswinkel oder lederhosenbekleidete junge Männer mit Bierflaschen im Bollerwagen. Ihnen gegenüber stehen intimere Momente des Aufbegehrens und einem jugendlichen Wunsch nach Entgrenzung. Tätowierungen, Alkohol, Nacktheit und Rebellion sind hier wiederkehrende Motive. Dazwischen immer wieder Naturaufnahmen und Momente der Ruhe und des Innehaltens. Es entsteht ein spannungsreicher, manchmal widersprüchlicher Dialog der Einzelteile, der sehr persönlich, aber auf überraschende Weise auch allgemeingültig ist. 

Fade Away Medley gleicht dem „Soundtrack einer Jugend“ [Carina Essl]. Der immer weiter verblasst [fade away = verblassen] je mehr man sich von ihm entfernt.  Es bleiben Erinnerungen und Emotionen, die ebenso bruchstückhaft wie widersprüchlich sind wie Höschls Fotografien.


Öffnungszeiten:
Dienstag: 11:00 - 17:00 Uhr
Mittwoch: 13:00 - 19:00 Uhr
Donnerstag - Sonnatg: 11:00 - 17:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kunstmuseum-heidenheim.de

Jonas Höschl: Arbeit aus der Serie und dem Fotobuch „Fade Away Medley“, 2021, © Jonas Höschl
27.03. - 26.06.2022

Jonas Höschl: Ein Lied Für Deutschland

Kunstmuseum Heidenheim

Marienstraße 4
89518 Heidenheim a. d. Brenz