Mit dem Begriff „Kolonialisierung“ werden meist Abhängigkeitsbeziehungen und Unterdrückungsmechanismen des Nordens gegenüber dem globalen Süden assoziiert. Dekolonisierungsprozesse im Norden Europas hingegen spielen im öffentlichen Bewusstsein eine viel geringere Rolle, obgleich die Urbevölkerung der Sámi in Fennoskandinavien – auf schwedischem, norwegischem und finnischem Staatsgebiet – und die der Inuit auf dem von Dänemark kolonialisierten Kalaallit Nunaat (Grönland) noch heute um Zugehörigkeit und Selbstbestimmung ringen. Auch das von Norwegen und Dänemark unterworfene Island kämpfte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts um seine Unabhängigkeit.

Die Gruppenausstellung Landscapes of Belonging im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst knüpft an diese Prozesse an und zeigt Arbeiten von Künstler*innen aus dem europäischen Norden, deren Thema Aspekte der Zugehörigkeit und gemeinschaftliche Gestaltung von Lokalität im Sinne einer gelebten Erfahrung sind. Wie kann Verortung neu gedacht werden, welche Rolle spielt die lokale Umgebung, und wer hat die Rechte und Möglichkeiten, an der sozialen und kulturellen Gestaltung von Räumen mitzuwirken? Kann Lokalität die Basis für einen Gesellschaftsentwurf sein, an dem alle gemeinsam mitarbeiten?

Die teilnehmenden Künstler*innen verhandeln diese grundlegenden Fragen in vielfältigen Medien und in Bezugnahme auf ihre – häufig grenzüberschreitenden – biographischen Lebenswege. Die Werke thematisieren Aspekte der Kolonial- und Repressionsgeschichte: Zwangschristianisierung und Unterdrückung lokaler Glaubenssysteme, die Etablierung der Sesshaftigkeit als Norm, die Vermessung und Kontrolle von Körpern und das Verbot von kulturellen Praktiken und Gemeinschaften. Zugleich entwickeln die Künstler*innen der Ausstellung hybride Räume, in denen die Zugehörigkeit zu verschiedenen Kulturen ihren Ausdruck findet. Auch die Befragung des Selbst oder die Beziehung zur Natur als Ort der Spiritualität werden in der Ausstellung verhandelt.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist die ikonische Videoarbeit Arctic Hysteria der 2007 im Alter von nur 48 Jahren verstorbenen Künstlerin Pia Âr?ê, einer Pionierin in der Auseinandersetzung mit der dänisch-grönländischen Kolonialgeschichte. Âr?ê thematisierte sowohl westliche Vorstellungen von „Grönland“ als auch Narrative aus den Orten ihrer Kindheit, die in den offiziellen Geschichtsbüchern fehlten, und nahm Vorstellungen von sogenannter „primitiver Kunst“ und „eskimoischer Originalität“ kritisch in Augenschein. Mit freundlicher Unterstützung des Finnland-Instituts in Deutschland und der Königlich Norwegischen Botschaft Berlin


Öffnungszeiten:
Mittwoch: 12:00 - 20:00 Uhr
Donnerstag - Sonntag: 12:00 - 18:00 Uhr
Montag - Dienstag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kindl-berlin.de