Der Berliner Künstler Chris Bierl (geb. 1980) erhält für seine Auseinandersetzung mit dem Thema „Tier“ den Kallmann-Preis 2021. Dabei wählt Bierl einen in der zeitgenössischen Kunst nach wie vor seltenen Zugang, indem er mit lebenden Tieren arbeitet. So sind verschiedene Arten Gottesanbeterinnen bis 27. März in seiner Einzelausstellung „Mutual Adaption“ im Kallmann-Museum zu sehen. Bierls Arbeiten untersuchen das Verhältnis von Tieren und Lebensräumen, es geht aber auch darum, wie der Mensch mit Landschaft umgeht und wie er die Natur wahrnimmt und erforscht. Der Kallmann-Preis ist mit 8.500 Euro dotiert, rund 300 Künstler*innen aus ganz Deutschland haben sich 2021 beworben.

Chris Bierls Ausstellung in Ismaning umfasst Installationen, Videos, Fotografien und lebende Tiere. So sitzen in der Serie „Anime“ asiatische Gottesanbeterinnen auf monochromen Leinwänden, auf die verschiedenfarbige Erden aufgetragen wurden. Langsam bewegen sich die Tiere über die Bildoberflächen, verlassen diesen ästhetisch maximal reduzierten Lebensraum aber nicht. Die Arbeiten laden uns dazu ein, nicht nur über das Verhältnis der Tiere zu ihrer Umgebung nachzudenken, sondern auch über unser Verhältnis zu diesen graziösen Insekten. Das Video „Die Versammlung der Vögel“ bezieht sich auf ein persisches Gedicht aus dem 12. Jahrhundert, das ein Gleichnis für den Weg der Erkenntnis ist. Die Arbeit zeigt eine Kamerafahrt durch die Vogelsammlung eines naturkundlichen Museums. Die uns anstarrenden Tiere wirken, als haben sie sich dort selbständig zusammengefunden, doch bleibt unklar, ob sie leben oder nicht.

Die großformatigen Landschaftsfotografien aus Russland zeigen Folgen des industriellen Rohstoffabbaus für die Landschaft und erweitern somit das Thema, wie Lebewesen und Lebensraum sich zueinander verhalten, um den Faktor Mensch. Bierls skulpturale Installationen kombinieren, an Wunderkammern erinnernd, unterschiedliche Rohstoffe und Elemente wie Ölsande, Eisen, Schwefel und Holz, aber auch lebende und tote Tiere, die die Betrachter*innen gedanklich zueinander in Beziehung setzen. Es scheinen Kräfteverhältnisse, chemische Prozesse und Veränderungen auf, wodurch den Arbeiten etwas Laborhaftes oder Alchemistisches anhaftet.

In Bierls Arbeiten, die immer wieder auf eine mögliche Beseelung der Natur anspielen, geht es um komplexe wechselseitige Beziehungen von Tier, Mensch und Natur. Zugleich werfen sie Fragen nach Biosystemen und Lebensräumen, nach der wissenschaftlichen Erfassung der Natur sowie nach deren Zerstörung auf. Es geht um die Entstehung und Verwertung von Rohstoffen sowie die Lebendigkeit von Landschaft. Für seinen Blick auf das Verhältnis von Lebewesen und deren Lebensräumen erhält Chris Bierl den Kallmann-Preis 2021.

Chris Bierl  wurde 1980 geboren und studierte in München und Leipzig, wo er Meisterschüler an der Hochschule für Grafik und Buchkunst war. Residenzen und Förderungen führten ihn unter anderem nach Frankreich und Japan. In seine Arbeit fließen die Erfahrungen seiner ausgedehnten Wanderungen in oft abgelegene Regionen der Erde ein.

Der Kallmann-Preis richtet sich an in Deutschland lebende bildende Künstler*innen und zeichnet besondere zeitgenössische künstlerische Leistungen in den Themen aus, die Schwerpunkte im Schaffen von Hans Jürgen Kallmann (1908-1991), dem Gründer des Kallmann-Museums, waren: Porträt, Tier und Landschaft. Der Preis ist mit 8.500 Euro dotiert, die sich aufteilen in 1.000 Euro Preisgeld und 7.500 Euro für eine Einzelausstellung mit Katalog. Die bisherigen Preisträgerinnen waren 2018 Yvonne Roeb (Tier), 2019 Doris Maximiliane Würgert (Porträt) und 2021 Lena von Goedeke (Landschaft).


Öffnungszeiten:
Dienstag - Samstag: 14:30 - 17:00 Uhr
Sonntag: 13:00 - 17:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kallmann-museum.de

Chris Bierl Die Versammlung der Vögel 2018/19 Full HD Video, 5’55’’, Loop © Chris Bierl
11.01. - 05.06.2022

Kallmann-Preis 2021: Chris Bierl – Mutual Adaption

Kallmann-Museum Ismaning

Schloßstr. 3b
85737 Ismaning